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Der Israelit · 1899-06-22 · Heft 49 (22.6.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 49 (22.6.1899)
Date
1899-06-22
Page
[Seite] (sequence 31)
Language
German
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Meeresstrasse, die sich mehr und mehr verengert, beim herrlichsten Frühlingswetter. Rechts und links wieder Städte und Dörfer! Am europäischen Ufer münden die Aigospotamoi, deren Name auf ewig mit einer der schwersten Niederlagen verknüpft sind, welche die Kultur der Menschheit, welche der Kulturmenschheit geschlagen ist. „Seht ihr jene altersgrauen „Schlösser sich entgegenschauen, „Leuchtend in der Sonne Gold, „Wo der Hellespont die Wellen „Brausend durch der Dardanellen „Hohe Felsenpforte rollt? „Hört ihr jene Brandung stürmen, „Die sich an den Felsen bricht? „Asien riss sie von Europen, „Doch die Liebe trennt sie nicht! Hier au der schmälsten Stelle der Meeresenge, deren Wogen die hellenische Sage und die deutsche Dichtung unvergesslich die Namen Hero's und Leanders wiederklingen lässt, war einst die mehr denn sieben Stadien lange Brücke, welche die Phönizier dem Xerxes erbaut hatten. Hier auch wagte der berühmte englische Dichter vom Chersonnesos nach Asien hinüber zu schwimmen, der den unterdrückten Völkern der klassischen Menschheitsgeschichte seine tiefempfundenen Lieder sang. Aber während er in den Reihen der Hellenen kämpfend ihnen glühende Freiheitslieder dichtete, hatte er für die andere klassische Nation nur Töne des tiefsten Mitleids. Die weiss brandende Welle, die von Lestos herüber nach Abydos schäumt, wiederholt melancholisch sein Judenlied: „Der wilden Taube steht in Waldeseichen „Ein friedlich Nest, dem Fuchs ward eine Kluft, „Dem Menschen Land, soweit die Länder reichen, „Für Dich, mein Volk, bleibt übrig nur die Gruft! — Seit Byzantion befinden wir uns auf dem Schauplatze klassischer Menschheitsgeschichte. Kaum ein Ort an der ganzen Küste der Propontis bis hinunter nach Gynaion und in das phrygische Dorf Melissa, wo der athenische Held schmachvoll ermordet worden, erzählt nicht von den Thaten und Schicksalen eines Alkibiades, während wir hier in Selymbria seine ganze Grösse begreifen. Hier war das propontische Reich der attischen Grossmacht, dessen Anfang die langgestreckte Chersonnesos zu unserer Rechten war, die einst der athenische Dolonkerherzog Miltiades als Mitgift seinem Staate einbrachte. Indem das Schiff beim alten Rhoiteion nach Westen umbiegt, um ans dem südlichen Ausgange des Hellespont ansznlanfen, haben wir jene Insel weit vor uns, von welcher der attische Tragöde einst sagte: „Die Küste ist dies von dem allumströmten Landes Lemnos den Sterblichen versagt und unbewohnt, während Imbros wie eine rechtseitige Fortsetzung des Chersonnes aussieht. Der verstossene Held Philoktetes, der hier auf Lemnos sein einsames Leid dem ferntönenden Echo klagte, weckt in uns die alten Erinnerungen an die Sage vom Trojanischen Kriege. Kaum eine Stunde später durchfahren wir den breiten Sund zwischen Tenedos und dem Festlande, wo im Hochthale des alten Ida Troja lag; darüber stieg die steile Felsburg Pergamon empor, wo der fromme Priamos mit seinen Söhnen über das alte Kulturvolk der Dardaner gebot, deren Namen die Dardanellen fortpflanzen. Im Geiste ziehen an uns vorüber die Heerkönige der Achaeer, die vor den nachrückenden Bergstämmen aus dem Pelopponnes und dem breitgedehnten Thessalien auszogen, um hier eine neue Heimath zu erkämpfen. Der dardanische Bruderstamm unterlag. Die neue Aiolis entstand hier. Aiolisches Leben erblühte. Aiolische Weisen erklangen. Was uns im Liede als die Sage eines grossen Rachezuges unter Agamemnons Führung erscheint, hat die geschichtliche Forschung als die Thaten der landflüchtigen Nachkommen jener Könige erkannt, von deren Grösse und Machtfülle noch heute die gewaltigen Cyklopenmauern von Tiryus und Mykenai zeugen. Die ilionische Phantasie hat sich ihrer bemächtigt und jenes Lied geschaffen, das über die widerspruchsvolle Welt die epische Harmonie des blinden Dichterfürsten ergossen hat. Die Schwerter hallen an einander, die Wurfgeschosse schwirren. Der Held Achilleus zürnt. Patroklos liegt erschlagen. Rektor fällt. Da klingt die Sehne vom Bogen des Paris und Achilleus liegt in seinem Blute. Im Megaron sitzen die Männer beim fiöhlishen Mahle und lauschen den Liedern des göttlichen Sängers vom Falle der hohen Ilios und von den Irrfahrten des durchtriebenen Seekönigs. Oben aber im seligen Olympos klingt siebensaitige Laute des Apollon und lässt die Macht der Melodie in Sphärenmusik ausklingen. Wir gleiten weiter die feuchten Pfade, die vyeQa xiiuvSa, und ein leichter Nordwind bläht die Segel der Küstenbarken. Diese selben Nordwinde, die Etesiai, haben einst den Miltiades nach Lemnos geführt. Sie wehen heute wie vor Jahrtausenden mild und gleichmässig und begleiten uns kosend entlang der Westküste Klein- Asiens. Da tauchen auch schon die Höhen von Lesbos aus dem Meere empor. (Fortsetzung folgt.)

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