Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 49 (22.6.1899)
- Date
- 1899-06-22
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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Reisebilder von Dr. Heinrich Loewe. (Nachdruck verboten.) I. Ton Konstantinopel nacb Beirut. An einem wunderbaren Oktober tage, der an den Mai unserer nordischen Heimath allzusehr erinnert, schiffen wir uns in Konstantinopel ein. Spiegelklar liegt das Goldene Horn mit seinen beiden Brücken hinter uns. Es wird uns schwer, Abschied zu nehmen. Wenn wir der vielen Wanderungen hin und zurück über die weiten Brücken gedenken, der herrlichen Fahrt bis in die Spitze des Bornes bei Egüb, des Getriebes in den weitlfiafigen Bazaren, fragen wir uns im Stillen, wann werden wir dich Wiedersehen, da hohe Pforte am Eingänge zum Schwarzen Meere. Und wie wir sie am Ufer sitzen sehen, diese ruhigen Türken mit dem gleichmtithigen Gesicht, das Schälchen Kaffee in der Hand und das Nargileh im Munde, da erscheinen noch einmal vor unserem Auge alle die Scenen, die wir diesmal durchlebt. In der grossen Moscheeh drüben war es, wo der greise Scheikh sich durch unsere Gegenwart nicht stören liess, als er seinen Gläubigen in singendem Tone mit' ewigen Schaukelbewegungen aus Koräu und Lunne die Pflichten der Nächstenliebe und Armenpflege dozierte. Wir fühlten uns in eine echte Jeschibha versetzt. Sogar der Alte in der Ecke war über seine Frömmigkeit eingenickt und schlief. Dann erinnerten wir uns, wie der junge Rähib beim Mausoleum des Sultans Abd-ul-Aziz einen auf Seide geschriebenen Koran aus der goldenen Zeit Bagdads, aus den Tagen Haiüns und Mamüns wies, und seiner Freude nicht genug wusste, als ihm der fränkische Jehudi die Sure „en-neml“ vorlas. Und von der Türbe wunderten unsere Gedanken zur unterirdischen Tunnelbahn, und ebenso von der Funicolare zu den jüdischen und türkischen Chedatim, während in unseren Obren der schmeichelnde Sang der tanzenden Derwische flötet. Und unsere nimmer satten Blicke schweifen trunken zurück vom Schiffe zum Serail-Burunu, zum Marmorpalast, zum Gttlhane, zur grossen und kleinen Aja Sofia, während weiter hinten der Sternenpalast und die Gartenschlösser zwischen Pera und Ortakjör vernebeln. Und während Skutari verschwindet und Stambul und Kädikjöi immer kleiner und kleiner werden, und die Stadt nur noch wie ein unendliches Gewimmel zahlloser Kuppeln und Minarets innerhalb der gethürmten und mittelalterlichen Stadtmauer aussieht, enthüllt sie uns noch einmal, ehe sie denn völlig verschwindet, ihre ganze Pracht in Abendstrahlen der Sonne, die roth von den Prinzeninseln gebrochen werden. Und weit drüben am Horizonte noch einmal die schneebedeckten Gipfel des Olympos. Unser Schiff ist die „Asia“, die zum ersten Male bei Gelegenheit der Kaiserreise die Palästinafahrt macht. Sonst ist Tunis ihr Ziel. Der Kapitän, der Sohn eines genuesischen Rheeders hat für meine Gefährten und mich einen kleinen Salon uud eine Küche herrichten lassen, damit wir gemäss dem strengen talmndischen Gesetze unseren Bräuchen leben können. Es ist das etwas Neues für das italienische Schiffsvolk, diese Ebrei und selbst die kleine Binotta, das gelbe Kätzchen des Schiffsbäekers, schaut uns erstaunt mit ihren lieblichen grünen Angen an. Im Dämmerschein des laulichkühlen Abends plaudert man an Bord. Ich höre wie ein junger Mann sich der alten homerischen Gesänge erinnert, deren Schauplatz er auf den Bergen Klein - Asiens sucht, die eben uns links entschwanden, während er rechts die mazedonischen Berge gesehen haben will. Der liebe Tropf. Mit seinen trojanischen Erinnerungen hat er noch beinahe vierundzwanzig Stunden Zeit, — sind es ja in der Luftlinie noch 250 Kilometer, und Makedoniens Berge hat er am thrakischen Tieflandgestade erblickt, weit weg von Makedoniens änssersten Grenzen. Es ist so angenehm zuzuhören, wenn man von niemand gekannt wird. Doch schon bin ich entdeckt Zwei Herren, die mich bei dem Besuche vonPrinkipo für einen Türken gehalten hatten, weil ich ihnen mit den türkischen Zahlwörtern aushalf, belegen mich mit Beschlag. Und wir plaudern, indem wir über die Propontis dahin gleiten über das alte Perinthos, das jetzt rechts von uns liegen mag, und über die spartanische Depesche, dass da drüben links, wo jetzt Artaki liegt, Mindaros mit seiner Flotte zu Grunde ging *) Am frühen Morgen liegt unser Schiff im breiten Eingänge der Dardanellen, die wir bei Nacht nicht passiren dürfen. Zu beiden Seiten ist das Land künstlich befestigt. Endlich erhalten wir die Erlaubniss der Durchfahrt. Zu einer Zeit, wo in unseren nördlichen Breiten fliegender Sommer in den unteren Reihen der Telegraphendrähten der Landschaft ein spätherbsfliches Aussehen giebt, durchfahren wir die *) Eqqcc xd xakd Mivöayog dneoaova nuviövtt, xiovdfjts xqi] Soävi.