Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 49 (22.6.1899)
- Date
- 1899-06-22
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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nicht erwidern, die alles aus Liebe thun und die Leiden freudig ertragen, von ihnen heißt es: Die ihn lieben sind wie der Ausgang der Sonne in ihrer Kraft-" „Nach all dem", so resumirte Feist schließlich, „kann im Sinne des alten Testamentes von Wiedervergeltung und Feindeshaß kaum die Rede sein, vielmehr tritt uns die Feindesliebe so konkret und faktisch entgegen, daß das neutestamentliche „Segnen und Beten für die Feinde" wohl kaum ein Aequivalent bietet!" Pfarrer Tettenborn war starr über das Wissen, die Urtheilskraft und die logische Schärfe dieses jüdischen Kaufmanns. Das Gerücht, welches zu des Pfarrers Ohren gedrungen war, hatte nicht gelogen: Der Jude war in der That ein Unikum. Wahrhaftig! Jetzt hatte er ihn, den Pfarrer, in die Enge getrieben; es ließ sich kaum etwas einwenden gegen Feist's Beweisgründe, und so blieb dem Pfarrer in seiner Roth nichts anders übrig, als zur Wortklauberei seine Zuflucht zu nehmen. Krampfhaft klammerte er sich an den Wortlaut der Bergpredigtund erwiederte: „Ja, sehen Sie, mein lieber Feist, darauf kommt es eben an, daß eine solche Idee sich zu einem ausdrücklich formulierten Gesetze krystallisiert. Darin liegt eben der Fortschritt, daß das neue Testament, daß das Christenthum diese Formel gefunden hat, daß es mit dieser Formel beispielsweise eine solche individuelle Abweichung vom Gesetze der Feindesliebe, wie wir sie in den Psalmen konstatieren, ein für allemal unmöglich macht. Nie wäre der Psalmsänger zu solchen Ausbrüchen des Hasses gegen seine persönlichen Feinde verführt worden, wenn im Pentateuch das ausdrückliche Gesetz sich gefunden hätte: .Liebet Eure Feinde, thuet wohl denen, die Euch hassen!" Erst das Fehlen eines solchen Gesetzes macht diese Ausbrüche möglich! Ist nun das Chriftenthum keine Fortbildung des Judenthums?" „Nein, Herr Pfarrer! Keineswegs!" war die feste Antwort, „im Gegentheil, ich bin der Meinung, daß das alte Testament hierin überhaupt keiner Fortbildung bedurfte, ja daß sie sogar unmögl i ch war. Ich glaube, das neue Testament verlangt mit seinem .Liebet Eure Feinde', vom Menschen etwas Uebermenschliches, etwas psychologisch Unmögliches: es muthet dem Sterblichen ein Verhalten zu, das auf einer völligen Verkennung des menschlichen Seelenlebens, auf einer Ueberschätzung der dem Menschen eingeborenen Seelenkräfte beruht. Man kann und darf billigerweise vom Menschen nicht verlangen, daß er seinen Feind lieben solle, schon deshalb nicht, weil kein Mensch imstande ist, aufrichtig und ohne Rückhalt einem solchen Verlangen nachzukommen. Das Verhalten gegen den Feind, wie es psychologisch einzig möglich und wie es zugleich den Anforderungen der besseren Natur des Menschen entsprechend ist, es kann nur dasjenige sein, welches in den mannigfachen Gesetzen und Weisheitssprüchen des alten Testamentes zum Ausdruck kommt. U n s e r e Lehre, Herr Pfarrer, zeigt sich wie in allen ihren Beziehungen, auch hierin als auf die innerste Natur des Menschen berechnet, als weise und gottgegeben, sie zeigt sich auch hierin, um mit dem Psalmisten zu reden, als vollkommen, die Seele labend, als wahrhaftig, den Thoren weise machend, als gerade, das Herz erfreuend, als rein und lauter, die Augen erleuchtend-" Hätte der Pfarrer bedacht, wie gefährlich und wie verfänglich für ihn in seiner Lage der einzige Ausweg sei, der ihm nun noch blieb, er hätte ihn vielleicht nicht betreten. So aber sah er nur das Nächstliegende, fühlte er sich nur von dem Eifer beseelt, augenblicklich vor dem Juden nicht die Segel streichen zu müssen. (Fortsetzung folgt.) Der „I » raeltt" erscheint wöchentlich nrelmal, Montag* und Dennerstnes, jedeSmal in mindestens zwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend höher. Man abonnirt ganzjährlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Der Vuchhsndrl verkehrt durch D. F. Strinacker-, Leipzig, Notzplstz )V. — Inserate 25 Pfennig die viergespaltene Petitzeile oder deren Raum. Preis der Zeile im Reclametheil 75 Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 16 Kronen österr., fürs Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einsenden. Postzeitungsliste 3784. Telephon 315. Gips Riicksendnng der *ts die «edaetion eingesandten Manrrseripte« findet nicht statt, «an bittet deshalb, fich von allen Einsendungen eine Eopie zurüSzubehalten. 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