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Der Israelit · 1899-06-22 · Heft 49 (22.6.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 49 (22.6.1899)
Date
1899-06-22
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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VNWWWWWWWWWMWMWWWWWWWPMiWWMWMM; 947 Feuilleton. iebet eure Weinde." -^.. .^.. .».. «ine apologetische Erzählung. »-«-•#" Von Etnultr Ifttanu 22) Nachdruck verboten. Der Pfarrer schien auf diesen Einwand nicht unvorbereitet zu sein. Vielleicht hatte er dem Juden nicht so viel Wissen und Belesenheit,'möglicherweise auch nicht so viel Urtheilskraft zugetraut, um von seiner Seite diesen Einwand erwarten zu können. Jedenfalls schien er um eine Antwort nicht verlegen; denn er besann sich keinen Augenblick, sondern sagte mit einer gewissen lächelnden Ueberlegenheit: „Wenn Sie sich an den Wortlaut, an den Buchstaben der heiligen Schrift klammern, dann haben Sie Recht, Herr Feist! Allein mich dünkt doch, bei einem Buche, wie es die Bibel ist, steht der Geist obenan, der Geist, aus dem es herausgeboren und der in der Gesammtheit seiner Ideen zum Ausdruck kommt!" „Und dürfen Sie etwa aus dem Geiste des alten Testamentes den Schluß ziehen, daß es gebiete, den Feind zu hassen?" fragte Feist. „Ohne Zweifel;" lautete die Antwort, „indem Liebe nur gegen den Nächsten gefordert wird, das heißt gegen den Freund — und der Ausdruck des llrtextes ,rea‘ bedeutet nur den Freund, — ist die Schlußfolgerung, daß das Hassen des Feindes dem Geiste des alten Testamentes durchaus nicht widerspreche, um so eher angebracht, als ein entsprechendes Verhalten gegen den Feind an anderen Stellen des alten Testaments, zwar in anderer Form, aber doch deutlich genug zum Ausdruck kommt! Denken Sie nur an Psalmstellen wie die folgenden —" Er schlug wiederum die Bibel auf und las: „Psalm 6, Vers 11: Es mögen alle meine Feinde zu Schanden werden und sehr erschrecken, sich zurückkehren und zu Schanden werden plötzlich!" „Psalm 7, VerS 17: Sein Unrecht möge auf seinen Kopf kommen und sein Frevel aus seinen Scheitel fallen!" „Psalm 55, Vers 21: Aber, Gott, Du mögest sie hinunterstoßen in die tiefe Grube, die Blutgierigen und Falschen mögen ihr Leben nicht zur Hälfte bringen!" „Psalm 118, Vers 7: Der Herr ist mir. mir zu helfen; und ich will meine Wuth sehen an meinen Feinden!" „Es ist doch klar", fuhr der Pfarrer fort, als er zu Ende gelesen hatte, „daß eine Gesinnung gegen den Feind wie sie in diesen Sätzen zum Ausdruck kommt, dem Geiste des alten Testaments zur Last fällt, und daß im Lichte solcher Sätze die Hinzufügung „und deinen Feind hassen" als durchaus gerechtfertigt erscheint!" „Sie machen einen Trugschluß, verehrter Herr Pfarrer!" erwiderte Feist, „Sie sprechen vom Geiste des alten Testaments und führen für diesen Geist die Aussprüche einer einzelnen alttestamentlichen Persönlichkeit an. Sehen Sie einmal lediglich auf den Pentateuch, diesen Mittelpunkt des alten Testaments, und Sie werden ein Verhalten gegen den Feind gepredigt finden, wie es dem im neuen Testament gepredigten zum mindesten ebenbürtig ist. Da werden Sie finden, daß der von dem Stifter des Christenthums ausgesprochene allgemeine Satz: „thuet Gutes denen, die Euch Haffen", schon längst in konkreten Vorschriften praktisch durchgeführt ist! Oder heißt es nicht, dem Feinde und Hasser Gutes thun, wenn man ihm den irregehenden Ochsen oder Esel zurückbringt, wenn man dem ihm gehörenden Thiere, so man es unter seiner Last erliegen sieht, wieder aufhilft? Ist es nicht weit mehr und weit erhabener als das bloße theoretische: „Liebet Eure Feinde", wenn dem Israeliten geboten wird, den Aegypter nicht zu verabscheuen, den Aegypter, in dessen Lande doch Israel geknechtet und gedrückt war durch viele Jahrhunderte? Ist es nicht das Zeichen einer geradezu engelhaften, geradezu göttlichen Gesinnung, wenn diese Lieblosigkeit gegen den Aegypter deshalb untersagt wird, weil Israel Gast gewesen, im Lande des Aegypters, mit keinem Worte jedoch der himmelschreienden Behandlung gedacht wird, in welche die ägyptische Gastfreundschaft ausartete?! Die Gesinnung, welche in den von Ihnen verlesenen Psalmstellen sich ausspricht, ist also, wie'Sie hier sehen, keineswegs dem Geiste des alten Testamentes entsprechend; sie ist vielmehr als die spezifische, begreifliche Gesinnung, durch die augenblickliche Seelenstimmung des so entsetzlich verfolgten Psalmsängers zu konstatieren, der wir nur aus anderen alttestamentlichen Büchern andere Aussprüche gegenüberzustellen brauchen, um jene Gesinnung zu isoliren. Ich erinnere Sie an die Sprüche Salomo's, wo es heißt:" Er schlug die Bibel aus und las blätternd: „Kapitel 25, Vers 21: Hungert Deinen Feind, so reiche ihm Speise, dürstet er, so lange ihm Wasser zui" „>cap. 24, Vers 17: Wenn Dein Feind fällt, so freue Dich nickt; wenn er strauchelt. so juble nicht Dein Herz'" „Kap. 20, Vers 22: Sprich nicht, ich will Böses vergelten; hoffe auf Gott und Er wird Dir helfen!" „Kap. 24, VerS 29: Sprich nicht, wie man mir gethan. so will ich wieder thun; heimzahlen will ich jedem «ach seiner Handlungsweise!" „Endlich", so schloß Feist, „fällt mir da noch ein passendes Wort des Talmud ein, das Ihnen zeigen wird, wie nahe die alttestamentliche Ethik der vom neuen Testament gepredigten in ihren talmudischen Ausläufern gerückt ist:" „Die bedrückt werde« und nicht bedrücken", heißt es im Talmud, „ihre Schmähung hören und

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