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Der Israelit · 1899-06-22 · Heft 49 (22.6.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 49 (22.6.1899)
Date
1899-06-22
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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m: ■* will mit seinen bloßen Tönen ohne Wort gehört sein, spricht mit einer metallenen Zunge und weiß selber nicht, was und was durch ihn spricht. Ein Mensch freilich, muß jeden Ton nehmen, wie er von einem andern ihm bis zu dem kleinsten, feinsten vorgeschrieben ist. Daß er aber den Ton und keinen andern nehmen solle, ist Mechanismus durchweg, wie sollten wir davon nicht sagen dürfen, es sei ein fremdes Element! Man spricht viel davon, der Mensch sei ein sinnliches Wesen. Ach wohl, das ist er, allein soll er denn nicht eben im Gotteshause entsinnlicht werden? Anstatt dessen befriedigt man seine Sinnlichkeit, zieht ihr etwa für den groben Kittel ein seiden Gewand an, gebt ihr Wein für Bier zu trinken, wird damit etwas gewonnen? Ist nicht die Veredlung der Sinnlichkeit, die Verfeinerung, die Humanisirung, eine Befferungsweise, welche dem Christenthum, wo nicht entgegen, doch durchaus fremd ist? Was von Fleisch geboren ist, das ist Fleisch. Daher können wir in der Kirche uns nicht mit Musik einlassen, die geht einen anderen Weg, zum Wenigsten dürfen wir sie nicht allein gehen lassen und uns von ihr führen lasten. Anstatt das Präludium einige Minuten lang, während der heiligen Stunde anzuhören, oftmalen die Phantasie, die Reminiscenz, den Einfall eines Organisten, der die ganze Woche den Kindern des Orts Klavierstunden giebt oder ein viel häufigerer Fall, der von Montag Morgen bis Samstag Mittag Schule hält, singen wir lieber einen GesangsverS mehr. Wir singen. Das Singen halten wir, unangesehen das Musikalische darin, welches wir blos aufnehmen, weil sonst kein Gesang stattfinden könnte — das Singen halten wir für einen gemeinschaftlichen und gleichzeitigen Ausdruck der laut werden wollenden andächtigen Seele, was dann allerdings die andächtige Seele höher hebt und wohl auch eine, die es nicht ist, andächtig machen kann. Aber auf das Singen wirkt die Orgel schädlich. Einmal, wie vorhin, sie befördert die Singunfertigkeit. Thäte sie das absolut? Ja, sie mindert die Sorgfalt, sich mit der Melodie bekannt zu machen und sie einzuüben, davon heißt es, für den richtigen Gesang sorgt ja die Orgel, der folgen wir, auf die verkästen wir uns. Ferner, sie schwächt das Wohlgefallen am Singen, indem man zumal bei einer starken Orgel in mäßiger Versammlung immer die Orgel und nicht die Menschenstimnle hört, und bei einer kleinen Orgel die meistens schreienden, schneidenden Orgelstimmen zwischen den Zeilen hören muß. Nach diesen, es tritt bei einer Orgel nur gar zu leicht ein, daß Organist und Gemeinde mit einander zerfallen und alsdann die Gemeinde von der Orgel herab in einer und anderen Weise geschulregelt wird. die alsdann entweder sich nicht fügen will, oder schüchtern wird und kaum hörbar oder gar nicht singt, jedenfalls aber wird durch die Orgel das Ohr auf sie gezogen zu einer Aufmerksamkeit, die im Gottes- Hause nicht stattfinden sollte, wenn es auch nur die Aufmerksamkeit ist, daß man aufpaffen muß, wann der Organist dann langsamer, dann schneller, dann sehr schnell die folgende Zeile wieder anschlägt, nach seinem Verstand und Nichtverstand. Da» nenne ich die Schädlichkeit der Orgel, ihre absolute, wesentliche Schädlichkeit. Wenn wir nun noch hinzuzählen, von welcher Beschaffenheit so oft das Instrument ist, wie nichtig in mancher Kirche und wie verstimmt zuweilen, wie ungeschickt mancher Organist, wie taktlos und wie frivol, dir hinzugezählt, fo meine ich könnten wir wohl lieber die Entfernung als die Beibehaltung der Orgel wünschen. Da» Letztere, der Frivolität oder wenigstens der Taktlosigkeit eine Probe, die mir Jemand vom Lande zugeschickt hat. Sie betrifft besonders die Zwischenspiele. Diesen ist ein paffender Text untergelegt und eine ähnliche Menschenstimme. Der Miltheiler versichert, die Zwischenspiele oft so gehört zu haben, als wenn sie diesen Text hätten, ich gebe seine eigenen Worte : Die Zwischenspiele vieler Organisten machen auf mich einen solchen Eindruck, als wenn ich declamiren hörte : weicht und quält mich nicht ihr Sorgen, — s' ist mir alles eins, s' ist mir alles eins, — Mein Versorger lebt und wacht, — ob ich Geld Hab oder keinS, — Meinem Herrn ist nichts verborgen, — Wenn ich Geld Hab bin ich lustig. Ein anderer: Wir liegen hier zu deinen Füßen, — Virallerallera, — G. G. von großer Güt und Treu, - Ja, ja, ja, ja, ja, ja, ja, ja, — Und fühlen jeder im Gewissen, — schwiggen, schwappen, schwiggen, schwappen, schwiggen, schwappen voll! — wie reif zur Strafe jeder sei. — Hurrah, hurrah, hurrah. Ein anderes : was soll ich ängstlich klagen, — Bruder, was wachste vorn Gesicht? — Und ohne Hoffnung zagen? — Laß' die Grillen fahren! — Der Höchste sorgt für mich! — Gott verläßt keen Deutschen nich. Ein andres: Ich bin ein Pilger in der Zeit. — Rudel Pudel, Rudel Pudel, Rudel Pudel, Putt! — Die Mittheilung ist noch großer, — Was sagen Sie dazu? Hätte nicht mancher von Ihnen auch so Zwischenspielen hören? Allein Sie sagen, abusus nou tollit usum, da müsse man zusehen, daß nicht also gespielt würde. Unser dritter Punkt. Es gibt kein Mittel, welche» hinlänglich ist, um die Schädlichkeit der Orgel abzuhalten: Wiefern die Schädlichkeit in der Orgel selbst, abstrakte, liegt, kann ja nicht einmal von einem abv8U8 und also von keinem AbhaltungSmittel die Rede sein. Aber wir wollen im Konkreten sprechen. Wenn die Orgel ein alter, verfallener Rumpelkasten ist, darauf

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