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Der Israelit · 1899-06-22 · Heft 49 (22.6.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 49 (22.6.1899)
Date
1899-06-22
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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942 Da haben wir ja so viele Gemeinden in unserem Lande selbst, welche ihren Gesang mit Hilfe eines Vorsängers wohl führen können, wenigstens führen könnten: da besteht ja noch überall der Gebrauch, daß am Charfreitag und am Bußtag (hier in Kiel freilich nicht) keine Orgel gerührt wird, ist denn an diesen Tagen der einstimmige Choral — wie Luther den bloßen Choral nannte — „ein wüstes, wildes Eselgeschrei oder Hunde- oder Säuegesang und Musika?" Lesen Sie indeß die versuchte Verständigung und Milderung Rombach's dazu, in besten „Luthers Verdienst um den Kirchengesang", Seite 89: „Augenscheinlich hat hier Luther den ungebildeten, ausgearteten Choralgesang im Sinne, der eigentlich mehr Geschrei zu heißen verdient und den man zu seiner Zeit in den Klöstern und Stiften zu hören gewöhnt war." Und zu dem Vorhingesagten: In wie sehr vielen Kirchen unseres Landes wurden beim Gottesdienst nicht alle Gesänge, sondern nur einige, an Stellen selbst der Hauptgesang nicht von Anfang bis Ende von der Orgel begleitet und geleitet? Das Alles führe ich an, um damit zu beweisen, daß uns keine Orgelleitung nöthig sei. Zugegeben bei der jetzigen Unfertigkeit der Gemeinden ist sie nöthig und nützlich, allein diese Unfertigkeil wird gerade durch die Orgel unterhalten; zugegeben bei schweren Melodien, allein ich halte dafür, ein Gesang, den die Gemeinde nicht ohne die Orgel führen kann, bleibt bester ganz ungesungen. Und überhaupt, wenn ein Gesang geleitet werden soll, so muß der Haufe, der das prae hat eine Menschenstimme hören, die Orgelstimme hört er nicht. Das wäre von dem einen vermeinten Nutzen. Wir hörten zugleich einen andern angeben: die Orgel erhöhe die Andacht. — Zugegeben, sie bewahre die Andacht, indem sie störende Menschenstimmen unstörend macht; zugegeben, sie erhöhe die Andacht, indem sie störende Gedanken, ungünstige Stimmungen, böse Geister, mit welchen man in die Kirche kommt, wegspielt; indem sie nicht unpaffende Gefäße darbietet, in welche hinein der andächtig Gekommene seine Gedanken und Empfindungen legen kann, indem sie dem Unandächtigen etwas in die Seele bringt, was nicht zu leugnen mit dem Religiösen in Aehnlichkeit oder meinetwegen in Verwandtschaft stehet, zugegeben, daß die Orgel, die Hieradula zweideutigen Rufs, wirklich die Andacht befördern kann. Aber ich muß hieraus fragen: Westen Andacht? Bei dem Haufen, der die Kirche füllt, der zum Wenigsten die Mehrzahl ausmacht, thut sie es nicht. Ich krage: Wann erhöht sie die Andacht? Während des Gesanges, eines kräftigen Gesanges, thut sie es schwerlich, da wird sie ja nicht gehört, daß sie die Andacht erhöhe. So müßten es denn die kleinen Zwischenspiele zwischen den Zeilen thun, ob aber von \ diesen es zu behaupten ist? Nein, heißt es, die thun es nicht sowohl, sondern das Vorspiel der Melodie und das Präludium erhöht die Andacht. Hier frage ich: Was für eine Andacht ist es, die durch bloße Töne bewirkt ist? Zu welcher Religion bekennt sich die Orgel? Was habe ich für eine Gewähr, daß sie überhaupt eine Religion habe, d. h. daß es überhaupt religiöse Gefühle sind, die sie weckt und erhöht und keine nervösen Affen der religiösen Gefühle, keine sinnlichen, die bester ungeweckt blieben? Man möchte sagen mit Margarethe im Faust: Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen, steht aber doch immer schief darum, denn du (Orgel) hast kein Christenthum. Krummacher in seinen Paragraphen über die Genesis im § 111 ist wohl nicht abgeneigt, mit diesen Worten der Margarethe zu sprechen. Er: „Die Orgel ist ein herrliches Instrument, aber der Gesang einer frommen, wohlgestimmten Christengemeinde wird dadurch nicht gehoben, sondern geschwächt, Spiel ist Spiel, Künstlichkeit und stammt aus Kains Geschlecht." I. Mos. 4, 21. Daß zu aller Zeit es bedenkliche, ja widerstrebende Christen gegeben hat, welche keine Art von Instrumentalmusik beim Gottesdienst zulässig gefunden, misten Sie aus der Kirchengeschichte und aus der Liturgie, von mir wollen Sie hören, daß es vielleicht in keiner Kirche des Landes eine Orgel giebt, die von Mitgliedern der Gemeinde nach der Mehrzahl wäre gewünscht worden, und meine eigene Erlebung ist es, daß Mitglieder einer Gemeinde, da keine Orgel war, das Orgelspiel unandächtig, andachtstörend fanden und unziemlich, wann sie jeweilen an einem Gottesdienst in einer anderen Gemeinde theilnahmen, da eine war. So vor einigen Jahren noch haben sich Gemeinden in der Schweiz auf deßfallsige Anträge entschieden wider die Orgel erklärt, sie würde ihnen den Gesang verderben, womit man denn gemeint hat die Andacht oder die Singfertigkeit. Hiermit geleiten wir auf den zweiten Punkt, auf die Schädlichkeit der Orgel, die Nützlichkeit ist gering, ich kann ihr keine positive, absolute zusprechen, außer der, daß sie, wo es nöthig ist, die Melodie leitet und daß sie, wie weiter vorhin gesagt ist, gewiste Räume des Gottesdienstes, Anfang und Ende besonders, paffender aussüllt, als der Gesang es thäte. Dagegen die Schädlichkeit halte ich für positiv und absolut. Die Orgel bringt ein Element in den Gottesdienst, welches nicht hineingehört. Fehlt denn etwas in einem Gottesdienst, wenn Gebet, Gesang und Predigt sich findet? Ich sollte nicht meinen. In allem ist es das Wort, daS von G. gekommene, kommende Wort und das zu G. führende Wort welches wir verstehen, welches keine Stätte unseres Innern unbesucht, welches kein Bedürfniß unserer Seele unbefriedigt läßt. Nun kommt noch so ein Gast herein und

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