Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 48 (19.6.1899)
- Date
- 1899-06-19
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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den er den Schülern bewiesen hätte. Im Namen des RabbinateS wolle er das Gelöbniß ablegen, daß sie im Sinne des theuren Rabbi leben und wirken wollen mit einem vom Bewußtsein Gottes erfüllten Herzen. Hiermit schloß die würdige, tief zu Herzen gehende Trauerfeier in der Synagoge. Nur langsam konnte sich trotz der polizeilichen Absperrungen des übrigen Verkehrs die gewaltige Menschenmenge, die man wohl gut auf ca. 1500 Personen schätzen kann, zum Trauerzuge formieren. Nur sehr selten hat man wohl Gelegenheit, ein so imposantes Leichengefolge beobachten zu können. In wohlgeordneten Reihen folgten die Schaaren dem Wagen bis zum KönigSthor, wo sie alsdann zum größten Theil die bereit gestellten Wagen bestiegen, um den ca. 100 Kutschen, welche für die auswärtigen Gemeindevertreter bestimmt waren sich anzuschließen. Nach zweistündiger Fahrt langte der Zug um 4 Uhr auf dem Friedhofe der Adaß JiSvoel Gemeinde an. Unter dem Zelte, welche» nur für die Familie und die auswärtigen Vertreter reservirt war, widmete zunächst tiefgerührt und von Schmerz durchzittert Herr Dr. Meyer Hildesheimer dem Vater einen warmempfundenen Nachruf : „Er war wie der Prophet Elia, der von sich sagen durfte: „Geopfert habe ich für den Ewigen, als meinen Bund sie brachen als meine Altäre sie zerstörten und ich allein blieb übrig einer ganzen Welt gegenüber. Als es zum Sterben ging, erzählt uns das Buch der Richter, da traten die Söbne der Propheten zu ihm in Beth El und sprachen zu ihm: weißt du auch, daß Gott dir h.ute nimmt deinen Herrn über deinem Haupte? Da sprach Eltscha: 'MN' ’jn qj Ja, ich weiß es. Da an unS heute der Ruf ergeht, wißt ihr eS auch, daß heute euch Gott nimmt euren Herrn von eurem Haupte, weinet nicht, klaget nicht, U)VW> tarn tpnp D heilig ist der Tag unserem Herrn. Wenn jemand stirbt, sagen unsere Weisen, dann ziehen die Engel ihm entgegen und sprechen zu ih n den Spruch, den der Lehrer spricht, wenn er seinen Schüler entläßt, zu wirken unter den Menschen, dann ziehen die Engel ihm entgegen und sprechen zu ihm: „Gehe hin und genieße deine Früchte in Freude." Der Mann, der so oft zu seinen Schülern gesprochen und der es auch zu mir gesprochen, als er mir erlaubte, an seine Stelle zu treten, ihm ziehen nun die Engel entgegen und sprechen zu ihm: die unzählbaren Wohlthalen, die du geübt, die zahllosen Schüler, die du ausgestellt, die zahllosen Thränen, die du getrocknet hast, und sie werden sprechen: Wenn ihr weinen müßt, weinet nicht; wenn ihr trauern müßt, trauert nicht; der Mann der so zahllose Früchte sich erworben, er ziehet nun ein zu Gott. Wenn ein Wort ich Nachrufen darf dem Vater, so sei es jenes, das er seiner Grabrede zu Grunde gelegt hctt, die er auf unsere unvergeßliche Mutter gehalten hat, den Ausspruch, den die Weisen thun: Einendreifachen Kriegsdienst hat der Mensch auf Erden, für den Himmel und für die Erde, für seine Schüler und für seine Schmerzen " Dreifach war sein Heeresdienst unter den Menschen. Sein Blick war immer nur gerichtet auf den Himmel und auf die Erde Wenn der Mensch seinen Heeresdienst eingerichtet für den Himmel, sagen unsere Alten, dann ist Gott über ihm, dann ist Gott mit ihm. Wenn er aber nur an sich denkt, dann ist Gott ihm fern entrückt. Das Leben unseres Vaters, wie wollen wir es anders nennen? Gab es denn etwas, was er sich gegönnt und seinen Schülern nicht? Gab es denn eine Zeit, die er sich geopfert und seinen Schüler nicht? Was mahnt uns nicht Alles an sein Arbeiten und Wirken für seine Schüler. Jahrzehnte hat er sie gelehrt und auch in den Jahren, da er sie nicht lehren gekonnt, hat er alles, was er besaß, all sein Wissen, all sein Können, seine ganze Kraft ihnen hingegeben und sich nichts gelassen. Sein Heeresdienst war nur den Schmerzen gewidmet. Unter Frohen und Heiteren wurde er nicht gebraucht, zu ihrer Heiterkeit erschien er nur auf wenige Minuten, aber Stunden hat er sich abgerungen, um Schmerzen zu lindern. War irgendwo ein Kranker, stand er ihm noch so fern, oder stand er ihm »ah. wie die Mitglieder seiner Gemeinde und seine Schüler, er war der erste, zu Helsen, ihm war kein Weg zu weit, und wenn irgendwo in der Ferne ein Freund ihm starb oder ein Großer in Israel, ihm war kein Weg zu weit, ihm war keine Mühe zu beschwerlich, well er meinte, der Mensch ist da, um Schmerzen zu lindern. Das war auch die letzte Lehre, die er ungelassen Wohl hat eihm Gott erspart, seine Schmerzen zu fühlen, da Gott seinen Heiligen nicht leiden sehen konnte. Äs wir es empfinden gelernt, was es heißt weinen, was es heißt klagen, als unsere Müller uns genommen ward, da ging er durch unsere Mitte und sprach zu keinem. Als er aber meinte, daß ihn Niemand sähe und Niemand hörte, da weinte er, daß wir es nicht mehr aushielten im Hause. Wir wollen hier nicht weinen, nicht kiagen: zu Hause, da werden wir weinen. Alsdann gab der Bertteter der Adaß Jisroel-Gemeinde, Herr Rosenblüth, in kurzen innigen Worten im Namen de- GemeindeoorstandeS der tiefen Trauer über den. .unersetzlichen Verlust Au-druck, zugleich aber dem Gefühle der Dankbarkeit, daß es' dem Vorstande vergönnt gewesen sei, unter des Verstorbenen segensreicher Führung zu sein, und dem Gefühle der Zuversicht, die dadurch gegeben werde, daß der Geist, welchen der Dahingeschiedene der Gemeinde eingeflößt, in ihrer Mitte allezeit lebendig erhalten bleiben werde. Einen längeren Nachruf, der nach dem übereinstimmenden Urtheile Aller wohl der eindruckvollste gewesen ist, widmete darauf dem Verstorbenen Herr Rabbiner Dr. Feilchenseld—Posen. „Als ein jüdischer Weiser in Babel starb," so führte der Redner etwa au», „da haben sich die Ufer des Euphrat berührt, al» sein Freund starb, haben sich die Ufer de» Tigris berührt, und als mein hochverehrter Freund Rabbi ESriel Hildesheimer von der Erde schied, da haben sich die Grenzen aller Länder berührt und von einem Ende bizum anderen erscholl die laute Klage: „Die Krone ist von unserem Haupte gefallen." Einstmalal- Rabbi Eliahu das Zeitliche segnete, da wurde geklagt: Ihr Pal men, beuget die Häupter um den, der al- Gerechwr einer Palme zu vergleichen war. Auch mit einer Palme, die Früchte trägt, die Gott zum Opfer gebracht werden und den Menschen erquickende Labsal bieten, ist der Zadik verglichen worden. So schüttelt auch jetzt, ihr Palmen, da» Haupt um den, der gleich einer Palme Früchte getragen, die Gott und Menschen erfreut haben, die Gott und Menschen noch erfreuen werden nach seinem Heimgange. Wir wollen die Tage machen zu Nächten und mit Dunkel und Trauer erfüllen um den, der die Nächte gemacht gleich den Tagen, da er den Schlaf seinen Augen nicht gönnte, um seinem Gotte zu dienen, um Werke der Liebe, Gemeinnützigkeit und Frömmigkeit au-zuüben" Der Redner weist im Weiteren darauf hin, daß der Dahingeschirdene kaum ein Drittel seine- Lebender Pflege seine» Körper-, mindestenaber zwei Drittel der Pflege des Geistes gewidmet habe. Vor 50 Jahren habe er (Redner) den. Jüngling in seinen Arnun aufgefangen, aldieser nach Erforschung der Thora in durchwachten Nächten ohnmächtig zusammengesunken sei. Wohl 35 Jahre von seinen 79 habe er auf daS Lernen verwendet und wohl 30 auf da- Lehren und alle Zeit daraus verwendet, die Thora aufrecht zu erhallen. Im Buche der göttlichen Weisheit heiße es: „Wer das.Geld, liebt, will des Geldes nicht satt" und „wer liebt« wähtdie Unruhe, wenn sie ihm keinen Ertrag giebt." Das deuten die Lehrer de- Midrasch auch auf geistige- Streben und güstigen Erwerb: Wer die göttlichen Geböte und deren t Ausübung übt, der wird der Pflichterfüllung nicht', satt'; bi» eihm gelingt, feine Mizwob' zu finden Wiit die/ Thora liebe, der wtrde der Thora nrcht satt» Bi* 'er würdige Schüler finde, welche er die Thora lehre. Darauf sei auch das Streben des Verstorbenen gerichtet gewesen, und e»