Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-06-19 · Heft 48 (19.6.1899) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 48 (19.6.1899)
Date
1899-06-19
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2448997--48485-2498898
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

931 nichts weiter denn ein einfaches Achselzucken. Mit keiner Miene verrieth er den ungeheuren Eindruck, den Feift's Worte in Wirklichkeit auf ihn gemacht hatten! Wahrhaftig! Der Jude hatte ja Recht! Es war in der That keine gute Sache, der er, der Pfarrer seine Dienste geliehen. Dumpf und undeutlich hatte dieses Gefühl schon längst in ihm geschlummert; aber er hatte sich absichtlich keine Rechenschaft davon gegeben, hatte es mit Willen übersehen uub zurückgedrängt, und zwar aus keinem anderen Grunde, als weil er eifersüchtig war, eifersüchtig auf die Gollheimer Juden! Sein geistliches Gemüth vermochte es nicht zu ertragen, daß seine Pfarrkinder so intim mit den Juden verkehrten, um sogar für den jüdischen Kultus Interesse zu zeigen. In seiner verletzten Eitelkeit erkannte er nicht, ^daß dieses Interesse nichts anders als Neugierde war; ja, er hätte bei tieferem Nachdenken jenes Interesse als einen Beweis dafür erkennen müssen, daß im Innern dieser Leute ein tiefer Zug zum Religiösen hin vorwalte, eine gewisse heilige Scheu, die daun auch gegenüber den Heiligtümern der eigenen Religion sich als ein wirksamer Schutz gegen alle Verirrung erwies. In seiner eitlen Verblenduung erkannte dies der eifernde Mann jedoch nicht; vielmehr hatte sich schon längst sein ganzer Groll gegen diese Juden gerichtet, d'.e ihm gleichsam als die Verführer feiner Pfarrkinder erschienen. Und so hatte er mit einem gewissen behaglichen Wohlgefallen die Verbindung mit Paul Biesfeld angeknüpft, war er ein Genosse und Hülfsmittel der Antisemiten geworden, denen er, wie wir gehört haben, die W'ge wies, auf welchen sie hier in Göllheim am schnellsten zum Ziele kommen mußten. Aus derselben Quelle floß bei ihm auch die mißgünstige Beachtung, die er dem Verhältniß Feists und Wegner's im Besonderen schenkte. Wegner war ein fauler Kirchgänger gewesen. Höchstens einmal an Weihnachten, oder Ostern, oder Pfingsten hatte er sich im Gotteshause blicken lassen. Pfarrer Tettenborn aber konnte den Gedanken nicht los werden, das intime Verhältniß mit Feist trage die Schuld daran. Jawohl! War denn der Holzhändler, wie sich die Leute erzählen, im Umgang mit Feist nicht schon ein halber Jude geworden? Hatte er nicht sogar schon einige Hebräische Brocken gelernt? War er nicht bei der Konfirmation des kleinen Feist in festlicher Gewandung zur Synagoge geeilt? Gelang es, die Beiden von einander zu trennen, so würde sich der Holzhändler wohl nicht weiter dem Judenthum nähern, so war wenigstens die Aussicht wieder da, ihn dereinst aufs 'Neue an die Kirche zu fesseln. So lange der Jude hinter ihm steckte, ließ sich wohl daran nicht denken! Mit einer Skrupellosigkeit sonder Gleichen hatte Pfarrer Tettenborn in seiner verletzten Eitelkeit dafür gesorgt, daß zwischen die Beiden ein Keil getrieben wurde. Mochte das Zerstörungswerk auch nur im Zusammenhang mit einer größeren Judenhetze möglich gewesen sein! Gleichviel! Auch das paßte ja in des Pfarrers Kram! Trotz alledem jedoch hatte Tettenborn seit je das dumpfe Gefühl gehabt, daß es nicht gerade Ehrenmänner gewesen, mit denen er sich eingelassen. Er hatte dieses Gefühl, wie gesagt, mit Gewalt zurückgedrängt! Und stehe da — jetzt hatte der Jude in seinen zermalmenden Worten ausgesprochen, was er selbst sich nicht zu gestehen gewagt! Wie sein Richter und Ankläger stand Feist vor dem Pfarrer, und dieser bedurfte seiner ganzen Kraft, um nicht der Wucht dieser Argumente sichtlich zu erliegen! Denn eingestehen vor diesem Juden, ihm Recht geben, wohl gar bereuen — nimmermehr! Dagegen bäumte sich sein ganzer Stolz empor, dagegen wehrte er sich krampfhaft! So bot ihm denn die Wendung, welche Fcist's Rede gegen den Schluß hin genommen, eine willkommene Handhabe, um zunächst einmal das Gespräch von der Hauptsache abzulenken. Auf Feist's letzte Sätze eingehend, sagte Tettenborn ernst, mit eiserner Ruhe: „Sie vergessen, Herr Feist, daß der Begründer unserer Religion über das Judenthum, aus dem er allerdings hervorgegangen, weit hinausragte, daß er das Judenthum ergänzt, fortgebildet und dadurch andererseits auch wieder sich völlig von ihm getrennt hat. Sie vergessen, daß Er der S t i f 1 e r des Christenthums wurde!" Feist hatte eine solche Antwort auf seine Rede nicht erwartet. Er glaubte auf eine barsche Ablehnung der Argumente gefaßt sein zu müssen, die er, in Kürze zwar, aber doch treffend gegen die Idee des Antisemitismus geltend gemacht hatte — nun lenkte der Pfarrer auf etwas ganz anderes ab. Auch dahin konnte er ihm folgen. Aber er beschloß doch, die Hauptsache nicht aus dem Auge zu lassen. So wenig er daher auch in dieser Stunde zu akademischen oder theoretischen Erörterungen aufgelegt war, glaubte er doch auf die Anregung des Pfarrers eingehen zu müssen, zumal er ja selbst durch seine Schlußbemerkung gewissermaßen den Anlaß Dazu gegeben. Feist setzte sich ruhig wieder in den Fauteuil und erwiederte: „Wollen Sie mir gütigst sagen, Herr Pfarrer, worin denn die von Ihnen gezeichnete Ergänzung und Fortbildung des Judenthums bestand?" Der Pfarrer erhob sich und schritt zu seinem Schreibtisch. Dort nahm er von einem Stoß Bücher das oberste, der Dicke nach zu urtheilen eine Bibel und suchte blätternd nach einer bestimmten Stelle. Als er sie gefunden hatte, las er mit lauter Stimme:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.