Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 47 (15.6.1899)
- Date
- 1899-06-15
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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9Ö8 Sie, Herr Pfarrer, ich will ja nichts für mich, und wenn ich für meine Glaubensgenossen und in ihrem Namen hier bin, so will ich ja auch für sie nichts, worauf sie nicht ein menschlich-natürliches Anrecht hätten. Seit Menschengedenken, Herr Pfarrer, war Göllheim ein friedliches Städtchen; nie hat es hier Parteien gegeben, nie Zank und Hader; in schönem, harmonischen Einvernehmen lebten die Bekenner der einzelnen Konfessionen nebeneinander. Und warum auch nicht, Herr Pfarrer? „Haben wir denn nicht alle einen Vater, hat nicht ein Gott uns alle geschaffen? Warum sollen wir treulos handeln, einer gegen den andern?" Nur der Friede gibt Kraft; wo Zwietracht waltet, da ist Schwäche, da liegen die schönsten und edelsten Triebe des Menschen brach, da bleiben die herrlichsten, begehrenswerthesten Ziele des Menschen unerstrebt und unerreicht. Ich sage Ihnen, Herr Pfarrer, die Lust am Leben ist mir verleidet; nicht etwa, weil ich infolge der maßlosen Verhetzung unserer Bürgerschaft mein Geschäft immer mehr herabkommen sehe, nicht etwa, weil man auf dem besten Wege ist, mich mit Gewalt aus einem wohlhabenden Manne zu einem Bettler zu machen: nein, Herr Pfarrer, diese Aussicht ist wohl traurig, aber meinen Muth zu brechen und meine Kraft zu lähmen, vermag sie nicht. Gott wird helfen. Er erhebt ja aus dem Staube den Armen, er bringt aus der Niedrigkeit in die Höhe den Dürftigen! Aber was mich in meinem Innersten mit so tiefer Betrübniß erfüllt, was mir das Leben so wenig schön erscheinen läßt, das ist die entsetzliche Erkenntniß, daß ich um mich das Böse, das Gemeine, daß ich das Unrecht triumphieren sehe! Lohnt es sich da noch zu leben, Herr Pfarrer, wo die Bosheit solche Erfolge erringt, wie hier in Göllheim? Lohnt es sich da noch zu leben, wo sie die innigsten Freundschaftsbündnisse mit roher Faust auseinanderreißt, wo sie einfache, natürliche Menschen zu Teufeln macht und indem sie künstlich den Neid und die Mißgunst in ihnen wachruft, sie gegen wehrlose Mitbürger aufhetzt, die kein anderes Verbrechen begangen haben, als dasjenige, von jüdischen Ellern geboren zu sein?! Was will man denn von uns, Herr Pfarrer? Wem schaden wir denn? Wem thun wir denn etwas zu leide? Macht man uns unsere höhere Intelligenz zum Vorwurf? Nun, man bestrebe sich, uns hierhin ebenbürtig zu werden! Verfolgt man uns, weil wir treu an unserem Glauben hangen? Nun, Sie, Herr Pfarrer, hangen ja auch an dem Ihren! Will man uns die Sünden der Vergangenheit büßen lassen, uns dasjenige als Fehler und Verbrechen anrechnen, was eine grausame Vorzeit selbst an uns verschuldet hat? Man hat uns so gemacht, wie wir sind, mit Absicht und mit Gewalt, und nun verlangt man, daß wir nicht so sein sollen, wie wir sind! Man bindet uns, um mit Moses Mendelssohn zu reden, man bindet uns die Hände und erhebt dann gegen uns den Vorwurf, daß wir sie nicht gebrauchen! Ist das nicht himmelschreiend, Herr Pfarrer? Ist das die Liebe, die der Stifter Ihrer Religion gepredigt hat? Würde er, wenn er heute lebte, nicht all die Hetzer und Verleumder durch eines seiner Kraftworte für alle Ewigkeit als das brandmarken, was sie sind? Ja, ich gehe sogar noch weiter! War nicht der Stifter Ihres Glaubens selbst ein Jude? Hatte nicht der jüdische Stamm ihn hervorgebracht? Und sind somit nicht all die Schmähungen und Verleumdungen gegen Juden und Judenthum nicht auch Schmähungen und Verleumdungen gegen ihn? Schneidet sich ein Christ, der es mit den Antisemiten hält, nicht gleichsam in das eigene Fleisch?!" (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erscheint wöchentlich sw einaal, Montag* und Donnerstag:«, jedesmal in mindestenzwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend höher. Man abonntrt gaiizjährlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Vrv Vuchhandrl verkehrt durrtl V. Zf. Slriuuckrv, Leipzig, Noßplatz )$. — Inserate 25 Pfennig dieviergefpaltene Petitze le oder deren Raum. Preis der Zeile im Reclametheil 75 Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 16 Kronen ästerr., für'- Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einsenden. Postzeitungsliste 3784. Telephon 315. «ine ftftdftttbtttt« der <*» die «edaetion eingesandlen «anusrripten findet nicht statt, t**» bittet deshalb, fich von asten «insendungen eine Copte znrückzubehalten. Gtellensnchende erhallen ans »nnfch die Inseraten Beilage vier Wache« lang gratis nnd franco zugesandt. Inhalt <Harsptblatt> Leitender Artikel: Dr. Israel Hildesheimer j?"j. — Zeitungsnachrichten u. Corresponpondenzen: Deutschland: Berlin. — Vermischtes. — Feuilleton: „Liebet eure Feinde." (Fortsetzung. Inhalt der ersten Beilage: Zeitungsnachrichten und Corresvondenzen: Deutschland: Berlin. Frankfurt a. M. AuS Bayern. Cöln. Soden. Oefterr.-Ungar. Monarchie: Prag. Rußland: Petersburg. — Miitheilungen aus den jüd. Armenvereinen und für dieselben. — Sprechsaal. — Vermischtes. Bestetr. Beilage: Eine eigenartige Ausstellung. Von Louis Lamm—Frankfurt a. M. Extra-Beilage: Sprüche der Väter. Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag da^Aoh Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu drei Beilagen.