Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 47 (15.6.1899)
- Date
- 1899-06-15
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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907 Feuilleton, hiebet eure E^lnde." «ine apologetische Erzählung. •#••••#••#• Von Aivnolv mtann. 20) Nachdruck verboten. In der Gemeindeversammlung wtrde die Ansicht geäußert, daß das schlimmste zu befürchten sei, falls bei der nahen Reichstagswahl der antisemitische Kandidat gewählt würde. Dadurch müßte der Uebermuth der Feinde auf's Höchste steigen und sich in noch ganz anderer Weise äußern, als es bisher geschehen war. So klar man sich aber auch hierüber war, so unklar war man sich über das, was zu geschehen habe, um den Ausfall der Wahl zu beeinflussen. Die Feinde waren zu rührig gewesen, sie hatten ihr Ziel mit so viel Raffinement in Scene gesetzt und waren außerdem so sehr von Glück begünstigt worden, als daß sie auf einen Sieg nicht hätten rechnen dürfen. Sie hatten die Herzen der Bauern gefangen genommen, es war etwas ganz Neues, was sie brachten, der Neid und die Mißgunst spielten als wirksame Helfershelfer: es mußte ihnen gelingen! Eine Person in Göllheim war es, von deren Autorität man sich eine gewisse Hülfe hätte versprechen dürfen, wenn es gelang, sie von der Verderblichkeit der antisemitischen Idee zu überzeugen. Dieser Eine war Pfarrer Tettenborn. Ihm folgten die Gollheimer blindlings; wenn er wollte, vermochte er den ganzen Teufelsspuck durch ein Wort, das er von der Kanzel sprach, zu verscheuchen, mochten auch zehn Biesfeld am Werke sein. Es war Seligmann Feist, der diese Ansicht aussprach. Man stimmte ihr zu, und Einer machte den Vorschlag, man solle sich doch in die Höhle des Löwen wagen und, wenn auch erst in zwölfter Stunde, dieses letzte Hülfsmittel doch wenigstens versuchen. Wer weiß, vielleicht sendet Gott einen Lichtstrahl in das Herz des Geistlichen) So war es gekommen, daß Seligmann Feist den Auftrag erhielt, am Nachmittag Pfarrer Tettenborn aufzusuchen, und mit ihm des Näheren zu verhandeln. Daß man keinen Würdigeren mit diesem schweren, verantwortungsreichen Amte betrauen konnte, darüber waren alle einig. Seligmann Feist zog die Klingel des Pfarrhauses. Die öffnende Magd führte ihn auf seine Frage nach dem Herrn Pfarrer in eine kleine Stube und bat ihn, einen Augenblick zu warten. Bald darauf kam sie wieder und geleitete Feist über den Korridor, an reffen Ende sie eine Thür öffnete und Feist mit einem „Bitte!" den Zugang zum Zimmer frei machte. | Pfarrer Tettenborn erhob sich von seinem Schreibtisch, an dem er beschäftigt schien und ging dem Eintretenden entgegen. „Ah, Herr Feist, was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?" sagte er mit gewinnender Freundlichkeit und streckte dem Angeredeten die Hand entgegen. Seligmann Feist fühlte bei diesen Worten die drückende Beklemmung, die bis jetzt auf ihm gelastet, von sich weichen. Wie ein Dankgebet zu Gott stieg es in ihm auf. Wenn nicht alles täuschte, so bedeutete dieser unerwartete Empfang einen guten Erfolg seiner schweren Mission. Oder sollte der Pfarrer nur den Pflichten der Höflichkeit genügen wollen und später erst seine wahre Gesinnung um so offener und rücksichtsloser kundgeben? Feist beschloß, aus jeden Fall vorsichtig zu sein und seinerseits eine gewisse Zurückhaltung zur Schau zu tragen. Er ergriff die dargebotene Hand des Pfarrers und sprach: „Herr Pfarrer, ich bitte Sie, mir auf ein Viertelstündchen Gehör zu schenken!" „Gern, Herr Feist!" antwortete Tettenborn und lud Feist durch eine auf den Fauteuil hinweisende Handbewegung zum Sitzen ein. Feist nahm Platz und der Pfarrer setzte sich ihm gegenüber in die Ecke des Sopha's. „Ich habe schon so viel von Ihnen gehört, Herr Feist" begann er, während er sich niederließ, „daß ich eigentlich schon längst einmal den Wunsch hegte, ein bischen mit Ihnen zu plaudern!" „Zu viel Ehre, Herr Pfarrer", wehrte Feist bescheiden ab, ..ich bin nur ein einfacher Kaufmann!" „Aber ich habe mir doch sagen lassen", fiel Tettenborn ein, „daß Sie früher ein Seminar besucht und sich auch in der Wissenschaft ein bischen umgesehen haben. Ja ich hörte sogar, daß die Wissenschaft jetzt noch Ihre heimliche Liebe sei!" Der Pfarrer drohte scherzhaft mit dem Finger und lächelte. „Bis vor einem Jahre wohl", erwiderte Feist erregt „war es so wie Sie sagen. Seitdem aber, namentlich in den letzten Monaten, Hab ich über Einem an allem Anderen vergessen, selbst an meiner geliebten Wissenschaft!" Selbstverständlich wußte der Pfarrer ganz genau, was Feist meinte. Es war nichts als eine konventionelle Phrase, als er fragte: „Und jenes Eine ist —?" „Dasjenige, was mich heute zu Ihnen führt, Herr Pfarrer", fiel Feist ein, „ich glaube Sie verstehen mich, Herr Pfarrer, auch ohne daß ich mich genauer ausdrücke—• aber, was sage ich da? Warum Offenheit führt am besten zum Ziel; darum lassen Sie mich Ihnen sagen, was mich drückt. Sehen