Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 47 (15.6.1899)
- Date
- 1899-06-15
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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904 seinem Banner steuern werde. Von diesem Wahne war PH. in den letzten Jahrzehnten seiner publicistischen ThStigkeit gründlich geheilt. PH. stand, wie feine anderen gesinnungsverwandten Schöpfer der Reformlehren, isolirt da. Wohin die ersten Anhänger dieser heilverheißenden Theorien irrten, haben wir Kreits oben angedeutet. — Dem zielbewußten H. dagegen eröffnete der allgütige Gott ein neues ersprießliches Feld, auf welchem ihm und dem glaubenstreuen Judenthum, mit welchem das ganze Leben Hildesheimer'« innig verbunden ist, reicher Segen erblühte. — Der Ruf des philosophisch geschulten jungen Rabbiners, der sich neben moderner Bildung eine treue Liebe zur Gotteslehre bewahrte, der sich das Ergründen und Lehren der talmudischen Wisienszweige zur Lebensaufgabe stellte, war bis nach dem entfernten Ungarn gedrungen. Da versuchte es eine von frommen und intelligenten Männern geleitete Gemeinde dieses Lander Dr. Hildesheimer einzuladen, das erledigte Rabbineramt zu übernehmen. Er sollte nun die Heimath, die theuere in Ehren ergraute Mutter, die Familie, mit welcher ihn gemeinsames Streben für das Heil des Judenthums vereinigte, verlosten. Er sollte von seiner jugendlichen Gattin das Opfer fordern, sich fremdländischen Verhältnisten anzubequemen und mit ihm in ein Land zu wandern, das er aus eigener Anschauung nicht gekannt, wo ihm wohl reicher Erfolg winkte, aber auch ein mühereicher Kampf bevorstand. Die Schwierigkeiten, die sich der Wahl in Eisenstadt entgegengestellt hatten, waren überwunden. Daselbst war das Rabbinat seit dem Scheiden des berühmten cW*b ntrc n vakant, ein tverwaltete dasselbe. Letzterer war ein Kind der Eisenstädter Gemeinde und durfte nach den in Eisenstadt heilig gehaltenen des Vst trx a^nc den Rabbinerposten nicht bekleiden. Die leitenden Kreise der ungarischen Judenheit nahmen Veranlastung, die Riederlaffung des ersten deutschen Rabbiners in Ungarn zu Hintertreiben. Die Neologen, die in dem Wahne lebten, die jüdischen Bürger Ungarns könnten nur durch radicale Reformen auf religiösem Gebiete, die staatsbürgerlichen Rechte erlangen, ließen die altgläubigen Rabbiner bis dahin ruhig gewähren. Sie hofften über die Köpfe dieser Männer hinweg früher oder später zu ihrem Ziel zu gelangen. Schon unter dem Diktator L. Kostuth war von ihnen ein Rabbinerseminar geplant worden, dieses sollte an der Umgestaltung der ungarischen Judenheit von oben herab arbeiten. Mit dem Sturze des Diktators wurde dieser Gedanke nicht aufgegeben; die ungarischen Juden, die an dem 48er Aufstande theilgenommen hatten, mußten eine Extrasteuer für diese Unvotmäßigkeit bezahlen. Aus diesen Fonds hoffte man die Mittel zur Gründung eines Seminars zu erlangen.; Die Neologen hatten gleichsam die Bildung in alleiniger Pacht und glaubten nun alle Hebel in Bewegung setzen zu müssen, um den Eintritt eines wissenschaftlich gebildeten, frommen Rabbiners zu hintertreiben, — Die Orthodoxen dagegen waren von einer nicht ganz unberechtigten Furcht ergriffen. Die gebildeten Rabbiner Ungarns wie Dr. Zipser in Kechniz, Löw in Szegedin und der verflossene Chorin in Arad boten ihnen ein abschreckendes Beispiel; die hebräischen Schriften der Biuristen und fihrer Nachtreter waren auch nicht so vertrauenerregend, als daß sie ohne Besorgnis auf den Neuling blicken konnten, -iv^v 21V 21pv!lL>. Bor Antritt seines Amtes fand H. in Wiener- Baden Gelegenheit, den Coryphäen der ungarischen Rabbinerwelt näher zu treten und daselbst den Grund zu seiner achtunggebietenden Stellung in Ungarn zu legen. Man gestand ein, daß man sich in den Voraussetzungen gründlich getäuscht hatte. Man hatte einen Mann der güldnen Mitte vermuthet, der mit aller Welt liebäugelt, um es mit Allen zu verderben, und fand einen klar ausgeprägten, in sich und seinem gründlichen Wissen wohl gefestigten Charakter. Man erging sich in die Blumengärten des Talmud, pflückte an den Fruchtbäumen der «rwwr mb*#, der älteren und neueren Commentatoren, und fand, daß der junge Rabbiner berechtigt sei, als Gleicher unter Gleichen zu gellen, indem derselbe neben einer ungeheuchelten Frömmigkeit, einen Schatz tiefsten Wissens in sich berge. Hierdurch waren die ersten Berührungspunkte gegeben, man konnte sich in 2'pNei mit ihm ergehen. So unterblieb nun auf dieser Seite — vorläufig — jedes weitere aggressive Vorgehen. Die Bestätigung der Regierung langte herab; im August hielt Dr. H. seinen Einzug in das kleine freundlich gelegene Städtchen. Aller Herzen schlugen ihm freudevoll entgegen und bald erkannte die gesammte Gemeinde, daß ein frischer Lebenshauch in die Judenstadt eingezogen sei. Die wenigen Gegner waren bald entwaffnet. Am 2'22.v 's nzir hielt der Rabbiner seine Antrittsrede. Als Text wählte derselbe D'aatj er« 22vz „Ihr steht heute vor Gott, Alle, vom Vornehmsten bis zum Geringsten, Alt und Jung, Häupter und Führer und die gesammte Gemeinde, um mit dem geistlichen Führer den Gottesbund zu schließen." Der Redner gelobte ein Führer und Berather, ein Leiter und Helfer Allen zu sein, allen Gemeindeinstitutionen seine Kraft zu weihen. Wie Rabbiner Dr. Hildesheimer sein heiliges Gelübde löste, darüber giebt die Geschichte eines achtzehnjährigen, mühevollen und an Kämpfen reichen Wirkens in Ungarn Aufschluß. Hildesheimer begann sein Werk mit einem soliden Unterbau, eine öffentliche Gemeindeschule wurde