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Der Israelit · 1899-06-15 · Heft 47 (15.6.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 47 (15.6.1899)
Date
1899-06-15
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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902 und jur GotteSliebe anzueifern, floß, ist wie bei den meisten hervorragenden Geistern der Menschengeschichte in der elterlichen Erziehung zu finden. Der Vater H.'s R. Löb Glai Vxr, ein Zweig einer alten Gelehrtenfamilie, war ein bedeutender Talmudist und einer jener glühenden Verehrer unserer theueren Judenthums, die ihr ganzes Erdendasein mit seinem Glanz und seinem Genuß für eine selige Stunde in den Hallen der Gotteslehre hingeben. Da» Studium der Gotteslehre und die Erfüllung der religiösen Pflichten betrachtete er als Lebenszweck und den Erwerb als Mittel, welche diesem heiligen Berufe dienstbar sind. Selbst an dem Tage, an welchem er den größten Theil seines Vermögens einbüßte, widmete er einige Stunden dem Vertiefen in das Gotte-Wort. In dem Vertrauen zu Gott und in der Geringschätzung der vergänglichen Güter fand er die Kraft fich auch in einem höchst kritischen Momente aufrecht zu erhalten. Von einer innigen Glauben-Wärme und einer rührenden Menschenliebe war auch die Mutter H.'s durchdrungen. In einem solchen vom dehmüthigen Glauben und tiefinnerster Begeisterung für die Gotteslehre getragenen Hause erblickte Hildesheimer am 27. Jjar 5560 (20. Mai 1820) in Halberstadt das Licht des Lebens. In der jüdischen Schule daselbst empfing Hildesheimer die erste Ausbildung in den religiösen und profanen Wissenschaften. Die Pädagogen, die an dieser Anstalt wirkten, zeichneten sich neben ihrer profanen Bildung durch Gesinnungstüchtigkeit aus, ein Umstand, der vielfach auf die Lebensrichtung Hildesheimers einwirkte. Als der heitere und stets lebensfrohe Knabe die erste schöne Kinderzeit durchschritten hatte, da entriß ihm ein unerbittliches Geschick den wackeren Vater. So hart diese göttliche Heimsuchung für den wissensdurstigen Jüngling war, der mit dem Vater seinen theuersten Jugendbildner eingebüßt hatte; so milderte der Umstand, daß die energische und zielbewußte Mutter die Erziehung der Kinder im Sinne des verstorbenen Galten fortsetzte, das Herbe des Schicksalsschlages. Die kluge Frau entfaltete eine Meisterschaft in der Erziehungskunst; ihr rastloses Schaffen galt nunmehr dem einen Ziele, die verwaisten Kinder nicht die Bitterniß der Vaterlosigkeit empfinden zu lassen. — Wir dürfen auch nicht unerwähnt lassen, daß der Wohlthätigkeitssinn der biederen Frau fich trotz der gesteigerten Haussorgen nicht auf den engeren Familienkreis allein beschränkte, daß vielmehr, wie beim Leben des Vaters, das Wohlthun zur Lebensaufgabe der Familie Hildesheimers gehörte. Als der Jüngling das 17. Lebensjahr erreicht hatte, mußte an eine Trennung, voy dem trauten Heim Mona war d<A 'Zlek"der''erW'WaWerüüg'tü M Fremde. Dort schaarte der geistvolle Gelehrte, Oberrabbiner Jakob Ettlinger b"^, einen Kreis wissensdurstiger Jünger um seinen Lehrstuhl. Hier gelangte der gründlich vorgebildete Hildesheimer zu einem tieferen Erfassen der rabbinischen Wissenschaft, hier lernte er die Kunst, wie die köstlichen Schätze aus dem Meere des Talmud gehoben werden, hier empfing er gleichsam die Weihe für seinen eigentlichen Beruf. Ettlingers Geist und Autorität ging auf den Schüler über, der verständnißvoll den erleuchteten Meister erfaßt hatte. Ettlinger wurde ihm Vorbild, er gab der Wirksamkeit H.'s. Ziel und Richtung. Dieses geistige Abhängigkeitsverhältniß blieb bis zum Tode des Meisters und gewissermaßen bis zu seinem Ende. Der auf dem Gebiet der Religionswissenschaften schöpferisch thätige Schüler erkannte, daß die religiöse Forschung unbeschadet der selbstständigen Bearbeitung unseres Wissensfeldes, dennoch eine selbstlose Unterordnung erheische, und diesem unerläßlichen Gebote kam Hildesheimer gewissenhaft nach. Welche herrliche Blüthen würden unsere Männer der Wissenschaften zu Tage fördern, wenn sie alle von dieser Bescheidenheit, die unsere heilige Thora auch an unserm größten Propheten rühmt, durchdrungen wären, wenn sie er nicht vorzögen, ihren Witz und ihren Scharfsinn in ewigem Regiren und Zersetzen zu versuchen. Jede Wintersaison fördert neue Hypothesen zu Tage, um bald wieder von der Bllofläche zu verschwinden, wenn eine andere Mode geworden. O bedächten doch diese historisch-kritischen Bibelsecirer, daß unser Judenthum längst der Versumpfung verfallen wäre, wenn das gesammte Volk mit deren Theorien gesunken wäre. Gott sei es gedankt, daß uns Männer erstanden in Dr. Hildesheimer und seinen Vor- und Mitarbeitern, die mit der Schärfe ihres Geistes die Kritik unserer allerheiligsten Thora in ihr Nichts znrückschleuderten. Ein Mann, der Hildesheimer in dieses Gebiet einführte, war der sel. Chacham BernayS in Hamburg. Die unbestrittene Größe dieses Meisters der Redekunst bestand darin, die biblischen Schriften nach der Auffassung unserer Weisen zu beleuchten und den Beweis zu erbringen, daß sie mit den gesunden Gesetzen der Vernunft in Einklang stehen, daß alle kritische Schärfe nichts als ein Spiel witziger Laune ist. Von dieser Tendenz waren seine Reden getragen, und von dieser gesunden Kost näherte sich Hildesheimer, während er zu gleicher Zeit mit beispiellosem Fleiß seinen Talmudstudien in Altona oblag. — Ausgerüstet mit diesen festen Grundsätzen kehrte der numehr Zwanzigjährige nach Halb.rstadt zurück, um daselbst nach vollbrachter privater Vorbereitung in die Prima des Gymnasiums einzutreten. Seine Mutter, die keineswegs in

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