Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 46 (12.6.1899)
- Date
- 1899-06-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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kontrolltrte, autorisirte und gehandhabte Schechita ist keine Schechita, wenn sie auch die äußere Form des Decorums halber wahrt. Das ist die erste Consequenz, zu welcher die Animosität gegen das Schächten führt. Es handelt sich dabei um eine Agitation, zu Gunsten der Schechita und zu ihrer besseren Würdigung nicht bei den Schächtgegnern, sondern in unserem eigenen Kreise. Diese Agitation wäre aber nur eine, wäre die erste Seite der Propaganda sür unsere Schechita. Sie hat aber noch viele Abzweigungen, auf die wir auch gelegentlich eingehend zurückkommcn werden. Die Gelegenheit dürfte sich viel rascher bieten, als mancher glauben mag. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, werden unsere Feinde, sobald sie die wuchtigen Schläge in den Parlamenten einigermaßen verschmerzt haben, mit der alten Unverfrorenheit ihren Kampf gegen das Schächten wieder aufnehmen. Wir werden jede Bewegung nach dieser Seite aufmerksam verfolgen und unsere Leser darüber im Laufenden erhalten_ Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Berlin, 31. Mai. (Rückgang des Antisemitismus.) Als deutliches Kennzeichen für den Rückgang des Antisemitismus darf die Thatsache gelten, daß das bisher in Breslau erscheinende antisemitische „Deutsche Volksblatt" eingegangen ist, während die Magdeburger „Sachsenschau" in ein Wochenblatt umgewandelt wurde. Das zuletzte genannte Blatt schiebt die Schuld an diesem „Rückgänge" den „Führern" zu. Jene wollen das natürlich nicht wahr haben und entgegnen in den „Deutsch- Sozialen Blättern": „Dabei war es schon lange klar, daß das Blatt sich nicht Hallen konnte, weil es den Sonderinteressen einiger Leute diente, die die Partei dadurch in die Höhe bringen wollten, daß sie das Bestehende in Trümmer zu schlagen gedachten." — Das ist ja ein recht bemerkcnswerthes Eingeständniß des demagogischen Charakters eines Theils der deutsch-sozialen Reformpartei! — Ein weiteres Symptom für den Rückgang des Antisemitismus ist die bescheidene Zurückhaltung, mit der die deutsch-soziale Presse das Bekenntniß des Vorstzenden des Bundes der Landwirthe, des Frhrn. v. Wangenheim: die Gründung der deutsch-sozialen Resormpartei sei überflüssig gewesen, ausgenommen hat. Die .Deutsche Tageszeitung" hat die betreffenden, in Gotha gefallenen Äußerungen des Frhn. v. Wangenheim abzuschwächen gesucht. Mit diesem Trost nimmt das deutsch-soziale Parteiorgan vorlieb, indeni es! dem Balsam der „Deutschen Tageszeitung" nur noch den Satz hinzufügt: „Wir sind der Ansicht, daß e» am klügsten ist, wenn man auf beiden Seiten die Sache nunmehr auf sich beruhen läßt." — Vor einigen Jahren hätten sich die „Deutsch - Sozialen Blätter" im Bewußtsein der Stärke der damaligen antisemitischen Bewegung nicht so kleinlaut verhalten. Berlin. Anknüpfend an die Correspondenzen aus Soden (in Nr. 41 und Nr. 43 Ihres geschätzten Blattes) scheint mir der Zeitpunkt geeignet, einer größeren Oeffentlichkeit die Anregung zu geben, diese alle Jahre in ^großer Zahl erscheinenden Jahresberichte wohlthätiger Anstalten wirklich einmal auf die Wahrheit ihres Inhalts zu prüfen. Ich betone, genannte Correspondenzen geben mir die äußere Veranlassung zur Erörterung dieser eminent wichtigen Sache. lieber die zuletzt besprochene Anstalt steht mir*) keinerlei Urtheil zu, da ich sie gar nicht kenne. Wohl aber kenne ich eine andere ähnliche, demselben Zwecke gewidmete Anstalt genau — leider allzugenau. Auch diese letztere Anstalt versendet alljährlich salbungsvolle Jahresberichte, triefend von Güte, Milde und Menschenliebe — und dennoch, wer zählt und erzählt all die Rohheiten und Herzlosigkeiten, die da von den Mächtigen aktiv und passiv im Laufe weniger Monate verübt werden?.! Wie wenig sagt doch und wie enorm viel verschweigt doch solch ein Jahresbericht! Das kann füglich nicht sehr Wunder nehmen; sind doch meist die Vorsteher selbst oder deren bezahlte Sekretäre diejenigen, welche das große Publikum über den Werth ihrer Leistungen belehren wollen. Und dies ist nicht überflüssig. Derartige Anstalten, wie ich sie kenne zumindest, werden nämlich, mit Ausnahme von festen Beiträgen jüdischer Gemeinden, von den Spenden der jüd. Kurgäste erhalten, welche meinen, hierdurch in bester Weise ein n*a gethan zu haben, eine nnv, mit welcher es bemittelte kranke Juden ernster zu nehmen pflegen. Diesen Letzteren muß doch ein solches wohlthätiges Curatorium, das — wohlgemerkt — mit fremdem Gelbe schaltet und waltet und völlig unabhängig sich geberdet, imponiren! Und diese Jahresberichte erfüllen auch meistens ihren Zweck. Man wirft einen Blick hinein, findet alles in wunderbarster Ordnung — natürlich! — überredet sich weiter vom wohlthätigen Zweck der Anstalt und — was die Hauptsache ist — sendet, ohne sich um Näheres und Weiteres zu bekümmern, seinen Beitrag. *) In dem bei Frankfurt a. M. liegenden Soden ist, wie uns persönlich bekannt, in der dortigen iSr. Kuranstalt die gewissenhafteste Verwaliung, da die Philantropen, die die Anstalt begründeten, sich selbst darum kümmern und nicht Allebezahlten Leuten überlassen. Red. d. ISr.