Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 46 (12.6.1899)
- Date
- 1899-06-12
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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886 nviM zu machen! Und da» alle» segelt unter ^2- Flagge! Die ganze Handhabung der gesammten Echächt-Jnstitutionen ist in vielen, ist leider in den meisten Gemeinden so ungenügend, so verlottert, daß man zur Aufzählung aller hier waltenden Mißstände ein ganze» Buch schreiben müßte. Es kann das auch, wie die Dinge liegen, kaum ander» sein. Wenn e» zum guten Ton gehört, öffentlich nviv zu effen, um der Zeit Rechnung zu tragen, wenn man die Schächtinstitutionen nur noch anstandshalber aufrecht hält, um da» Decorum zu wahren, um sich erforderlichen Falls zu Hause den Luxus von ^-'Fleisch gestatten zu können, so braucht die Institution nicht b.sser zu sein, als sie in den meisten Fällen ist. Eine radicale Befferung dieser betrübenden Zustände ist ohne eine radicale Befferung des ganzen Oemeindeorganismus und der Einzelnen nicht möglich. Woher soll man auch nur richtig qualificiite Schochttm nehmen, wenn dem die Schocktim autorisirenden Rabbiner diese Qualification abgeht, wenn Rabbiner und Vorsteher die Scheu gegen ein göttliche» Gebot zu verstoßen, al» überwundenen Standpunkt belächeln? Die leichtfertige Art und Weise, mit welcher eine große Zahl von Rabbinen die Prüfung und Autorisation von Schochtim vornehmen, ist ja bekannt. Man täusche sich nicht über die Tragweite dieses leichtsinnigen Gebahrens. Wenn wir diese Verkommenheit der Schechita, wie sie in vielen, wie sie leider in den meisten westeuropäischen Gemeinden besteht, öffentlich zur Sprache bringen, so handelt es sich zunächst nur um die religiöse Seite der Schechita. Die technische Seite derselben, also z B. die Rücksichten auf den Thierschutz, welchem die Schechita Rechnung trägt, werden davon nicht unmittelbar berührt. Die Gegner der Schechita können daher aus der Constatirung der tiefen Schäden und Gebrechen, welche der praktischen Ausübung der Schechita anhaften, kein Kapital für ihre Agitation schlagen. Die äußere technische Ausführung des Schächtaktes mag den Anforderungen de» Thierschutzes ebenso entsprechen, ob die Schechita von einem religiös qualisicirten oder von einem dem Religionsgesctze nicht entsprechenden Schochet vollzogen wird. Aber es kann nicht fehlen, daß wenn dieser verhängnißvolle Schlendrian noch lange fortbesteht, auch die technische Seite der Schechita in Mitleidenschaft gezogen wird. — Die Art und Weise, ein Thier regelrecht zu schlachten oder zu schächten, muß gelernt, geübt oder kontrollirt werden, wie jede» andere Metier. Wo die rechte Aussicht, der nöthige, religiöse Ernst und die Gewissenhaftigkeit seiten» der Rabbinen, Vorsteher und Gemeinden vorhanden sind, ist der Schochet genöthigt, seine Sache genau zu erlernen. zu üben und zu handhaben. Die Fertigkeit und Geläufigkeit in der praktischen Ausübung der Schechita, die Instandsetzung des Messer», der Art de» Riederlegens der Thiere, der Bedika u. s. w. ist Gegenstand fortwährender! Studiums der dafür Angestellten. Auf diese Weise vervollkommnet sich die praktische Ausübung der Schechita immer mehr und mehr. In den meisten der erwähnten westeuropäischen Gemeinden fehlt diese Controlle, fehlt der religiöse Ernst, fehlt somit der Sporn über das absolut erforderliche Maaß auch nur einen Schritt hinauszugehen. Der gute Schochet findet für seine Vorzüge kein Lob und der schlechte für seine Mängel keinen Tadel. Die Schechita stagnirt, steht still und muß, wie alles, was nicht vorwärts kommt, rückwärts gehen. Vielleicht, vielleicht ist die ganze Agitation gegen die Schechita, das von der Vorsehung bestimmte Miitel, die Schechita und alles, was so vielfach mit ihr zusammenhängt, vor dieser Stagnation zu schützen. Vielleicht sind diese Angriffe unserer Feinde gegen dieses Gottesgebot dazu bestimmt, uns selber ihm wieder mit dem erforderlichen Ernste zuzuwenden. Vielleicht ist eben der Umstand, daß Mizwas Schechita noch zu keiner Zeit und von keiner Unduldsamkeit uns untersagt wurde *) die Ursache, daß sie vielfach nicht bei uns die erforderliche, sorgsame Beachtung findet. Lehren doch unsere Weisen: „Jede Mizwa, für die Israel sein ganzes Selbst eingesetzt und dafür zu Zeiten staatlicher Verfolgung in den Tod ging, wie z. B. das Verbot des Götzendienstes und das Gebot der Mila, wird heute noch mit der alten Kraft bei ihnen gehandhabt. Jede Mizwa dagegen, für die Israel nicht sein ganzes Selbst einsetzte, um zu Zeiten staatlicher Verfolgung deshalb in den Tod zu gehen, wie z. B. Mizwas Teffiliu, wird heute noch lästig von ihnen gehandhabt." (Talmud Sabbat Fol. 130. a.) Wollen wir diesen erprobten Erfahrungssatz jüdischer Weisheit auch für unsere Zeit uub ihre betrübenden Erscheinungen verwertheu, so ist uns der Weg, den wir einzuschlagen haben, klar vorgezeichnet. Dann dürfen die Allüren der Gegner der Schechita uns nicht zu Concessionen und Compromisten bestimmen, sondern zum vollendeten Gegentheil. Dann müsten alle Mängel und Gebrechen, die ihr noch anhaften, abgestellt werden und wir müsten mit t?e;rr r-TDö mit Einsatz unserer ganzen Persönlichkeit für die unverkürzte Aufrechterhaltung der Schechita eintreten, wie sie uns von Gott geboten. Eine ungenügende Schechita, eine vom religiösen Leichtsinn *) Jebamoth S. 63b heißt es allerdings naan n» wozu Raschi bemerkt: nUTU? "ffia Indem es aber nid^t nL^'n^rn >> heißt, scheint dort weniger von einem Schächt-Verbot, als von einem Verbot deS Fleisch Genusses von geschachteten Thieren die Rede zu sein.