Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 45 (8.6.1899)
- Date
- 1899-06-08
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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864 Raphael Nathan Rabinowitz in seiner ganzen geistigen Bedeutung für da- Judenthum und für die Wissenschaft , mit seinem Feuereifer im Forschen und Schaffen, mit seiner gluthvollen, begeisterten Anhänglichkeit an unsere heilige Lehre, nochmals vor die Seele rufen, um den Werth jener Frau richtig zu würdigen, die von der Vorsehung erlesen war, die Leben-gefährtin des großen Mannes, dieses tonrc px: zu sein. Es sind nicht immer die höchsten Berge, deren gigantische Häupter in die Wolken ragen, denen unsere größte Bewunderung gilt; manch schlichtes, naives Lied dringt uns mehr zu Herzen, als das großartigste, in meisterhafter Kunst geschaffene Musikwerk; manch einfach anmuthiges Blümchen fesselt unser Wohlgefallen mehr, als die stolze Zierpflanze, die in glühender Farbenpracht prangt und berückenden Duft spendet. Darum müssen er auch nicht immer über den Alltagsrahmen weit hinausragende Charaktere, andere Wesen durch ihre kraftvolle Individualität in den Schatten stellende Persönlichkeiten sein, die unsere Beachtung und unsere Anerkennung verdienen. Es kann auch ein anspruchsloses, in stiller Bescheidenheit wirkendes Gemüth sein, das ein volles Anrecht darauf hat, daß wir nicht achtlos und gleichgiltig an ihm Vorbeigehen. Ein Jeder weiß, wie mannigfach, wie viel verzweigt die Aufgaben einer jüdischen Hausfrau sind, wenn sie das Haus zu dem machen will, was es im jüdischen Geiste sein soll, zu einer Heimstätte lebensfreudiger Gottesfurcht, zu einem Friedenstempel, in dem jüdische Tugend und Sitte heimisch sind. Eine Frau, die solch erhabenen Aufgaben voll gewachsen ist, hat dafür auch die Genugthuung, daß ihr Gatte ihr ganz und voll angehört. Die Frau eines Raphael Nathan Rabinowitz aber muß sich mit der Wissenschaft, mit der Thora, mit Gesammt-Jsrael in den Besitz ihres Gatten theilen. Hätte er nicht die feste Ueberzeugung gehabt, daß sein Haus wohl bestellt, daß in seinen Mauern ein guter Genius waltet, hätte diese Frau es nicht verstanden, so viel Sorgen als möglich von ihm fernzuhalten, den Widerwärtigkeiten, Mißlichkeiten des tagtäglichen Lebens den Weg zu ihm zu verlegen, fo wäre dieser Mann wohl auch schwerlich zu jener mächtigen Bedeutung, zu jener gewaltigen Höhe emporgestiegen, auf welcher ihn seine Zeitgenossen mit Bewunderung erblickten, und wo er sich auch ein unvergängliches Denkmal für die spätesten Geschlechter geschaffen. DaS häusliche Wirken seiner frommen Gattin war ein solches, daß — wenn irgendwo — hier zutraf das Wort, welches im Hymnus auf das Biederweib enthalten ist: nbvz zbrtz nes. Wahre Tugend und wahre Frömmigkeit bewähren sich echt und recht erst in Prüfungen. Und welche Prüfung könnte härter fein, als die, wenn die Frau den geliebten Gatten inmitten seiner besten Jahre, aus der Fülle der Arbeit heraus, dahingerafft sieht, wenn sie erleben muß, daß ihrem Sohne der Vater so frühzeitig entrissen wird. Aber war ihre Seele auch bis in das Tiefinnerste verwundet, von Gram zerrissen, ihre Gottergebenheit und ihr religiöser Sinn kamen keinen Augenblick ins Wanken. „Was mir der Lenker da oben auferlegt, das muß ich tragen", so waren ihre Worte. Seit dem Heimgange ihres Gatten widmete sich die Hingeschiedene ganz der Uebung religiöser Pflichten und der Pflege ihres leidenden Sohnes, wobei sie eine Aufopferung und eine Selbstverleugnung entfaltete, wie es eben nur ein Mutterherz und eine jüdische Mutter vermag und ganz besonders eine solche, die nicht blos zufällig, sondern verdientermaßen den Namen der dritten Stammutter trug. So wollen wir auch von ihr Abschied nehmen mit den Worten, welche der gottbegeisterte Prophet der Stammutter Rachel zuruft: -irr tr -mnx2? mpn. Nürnberg, 2. Juni. Der Ausschuß des Landesvereins zur Unterstützung nothleidender israelitischer Cultusgemeinden in Bayern, hielt gestern seine ordentliche Jahresversammlung im Sitzungssaale der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde ab. Zu derselben hatten sich zahlreiche Delegirte aus allen Theilen des Landes eingefunden. Außer der Gewährung von Unterstützungsbeiträgen an die unbemittelten kleineren Gemeinden, welche in einer Gesammthöhe von ca. Mark 8000 bewilligt wurden, bildete eine in der vorjährigen Ausschußsitzung im Princip genehmigte und für die diesjährige Berathung in ihren Details vorgeschlagene Aenderung der bisherigen Statuten des Vereins den wichtigsten Gegenstand der Berathung. Demnach soll aus dem Landesverein zur Unterstützung nothleidender israelitischer Cultusgemeinden in Bayern, ein „Landesvereitl für die israelitischen Cultusgemeinden in Bayern" überhaupt werden, und gemäß dieser allgemcinern Bezeichnung der Ausschuß die Gesammtinteresscn der bayerischen Cultusgemeinden in den Bereich seiner Berathungen und Beschlußfassung zu ziehen berechtigt sein. Unter Anderem sollen, als zu diesen Gesammtinteressen gehörig, neben der Ermöglichung und Erleichterung der Cultusübungen und der Pflege des Religionsunterrichts in den einzelnen Gemeinden, die einheitliche Regelung der Armenpflege und die schiedsrichterliche Schlichtung innerer Streitigkeiten in den Bestimmungen des umgeänderten Statuts namhaft gemacht werden. Diese Vorschläge erweckten den lebhaftesten Widerspruch der orthodoxen Mitglieder des Ausschusses, welche zuerst durch den Mund Dr. Cohn's auf Ablehnung, bezw. Zurückziehung, antrugen, und als dies nicht beliebt wurde,