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Der Israelit · 1899-06-08 · Heft 45 (8.6.1899) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 45 (8.6.1899)
Date
1899-06-08
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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862 Gewöhnlich lassen die Herren über ihre in den Parlamenten erfahrene Niederlage etwas, wenn auch nur ganz kurzes Gras wachsen und dann beginnen sie den alten Tanz mit einer Unverfrorenheit, als ob nichts vorgekommen wäre. Dieses Mal scheinen sie nicht einmal dazu die erforderliche Verschämtheit zu haben. Wenige Tage nach der denkwürdigen Verhandlung im Reichstag wagt sich schon eine Broschüre an den Tag: „Das Schächten — ein mosaischer Ritualgebrauch?" der ein Blatt vom Kaliber des ..Potsdamer Jntelligenzblattes" recht warm das Wort redet! Es gilt also das Volk für diese Machenschaft zu gewinnen, in der Hoffnung, daß dieses dann eine Pression auf seine zu wädlenden Vertreter ausübe und ihre Wahl davon abhängig mache, daß sie sich verpflichten gegen das Schächten zu stimmen. Deßhalb wird der Antrag wieder und wiederkommen mit einer Beharrlichkeit, die auch schon anderen Anträgen im Laufe der Jahre zum Siege verholfen hat. So denken sich'« wenigstens unsere Antisemiten und man kann nicht sagen, daß es eine Utopie ist, an welche sich da unsere Feinde klammern. Sie thun reichlich das ihrige, um das Ziel zu erreichen. Seit Jahren betreiben sie eine maßlose Agitation, und entfalten eine Propaganda so umfassend und rührig, daß wenige bei uns von ihrer Bedeutung eine rechte Vorstellung haben. Ihren Hauptsitz hat diese Propaganda in Berlin und geht dort von den Thierschutzkreisen aus. Von dort aus wird, wie die ganze antisemitische Agitation im allgemeinen, speziell die gegen das Schächten gerichtete in alle Länder dirigirt. Millionen von Flugblättern werden von dort nach allen Richtungen zur Discreditirung der Schechita verbreitet. Das wird jetzt nicht nur nicht aufhören, sondern mit doppeltem Hochdruck fortgesetzt werden, um die Scharte auszuwetzen, welche die ganze Antischächtbcwegung vor den deutschen Volksvertretungen erhalten hat. Es gibt unter diesen Agitatoren Leute, welche die Bekämpfung des Schächtens sich zur Lebensaufgabe gemacht haben und ihr ihre ganze Tdätigkeit widmen. Einer von ihnen hat schon vor einigen Jahren die Erklärung abgegeben, er könne nicht sterben, bis das Schächten allgemein verboten sei. Der Herr, an den diese Erklärung gerichtet war, erwiederte ihm darauf, daß er dann voraussichtich sehr lange leben werde. Aber eine allgemeine Aufregung und Beunruhigung der Juden in aller Herrn Länder werden die Agitatoren jedenfalls erreichen. Die Agitation wird durch ihre gesteigerte Maßlosigkeit und ihre Ausdehnung auch vorurtheilsfreie Kreise gewinnen, die von Haus aus Juden und Judenthum nicht feindlich gesinnt sind. Man wird bestrebt sein die Agitation so weit zu betreiben, bis man glücklich allenthalben eine „Schächlfrage" zu Wege gebracht hat. Stellt man aber erst mit dieser Zähigkeit das Schächten in Frage, so hoffen die Agitatoren, daß die Antwort, welche von den Massen darauf erfolgt, anders lauten werden, als die, welche die Parlamente bis dahin gegeben haben!! Was kann unsererseits gegen diese Calamität geschehen? Wenn wir diesem Eifer unserer Feinde ebenbürtig entgegen treten wollen, müssen nur eine ähnliche, eine womöglich noch ausgedehntere Propaganda entfalten. Es müßte dann ein Central-Conüle und an allen Orten Local-Comitös ad hoc gebildet werden, welche die Zeitungen, Flugblättern und die Verhandlungen in den Thierschutzvereinen aufmerksam verfolgen, um ihnen entgegen zu treten. Dazu gehört eine eingehende Kenntniß der einschlägigen Literatur und speziell aller Einwände, welche die Gegner des Schächtengeltend machen, um ihnen mit Erfolg entgegen treten zu können.*) Eine solche Gegenagitation würde große Summen und eine Reihe von Persönlichkeiten erfordern, die sich ganz in den Dienst dieser Sache stellen. Die Geldmittel für die Agitation gegen das Schächten liefern die Antisemiten. Für die Aufbringung der Kosten zu einer Agitation für das Schächten wären die jüdischen Herzen und Hände zu gewinnen, was wohl nicht allzuschwer sein dürfte. Ob aber eine solche Agitation unsererseits empfehlenswerth oder auch nur wünschenswerth ist, ob der durch sie zu erzielende Gewinn in richtigem Verhältniß steht zu den Opfern, die er verlangt, das ist eine Frage, die sehr discutirbar ist. Wer die Genesis der ganzen Agitation gegen das Schächten in äußeren Verhältnissen erblickt, wird für Entfaltung einer solchen Propaganda nach außen, sich entscheiden. Wer aber die ganze Bewegung nur als eine höhere Fügung auffaßt, dazu bestimmt, uns selber für diese Mizwa wieder zu begeistern, und ihr zu ihrer rechten Ausübung wieder zu verhelfen, der wird einer nach außen zu entfaltenden Propaganda keinen solchen Werth beilegen, ja sie sogar für schädlich Hallen. Concentriren wir unsere Aufmerksamkeit auf Zustände und Verhältnisse, welche nicht die wahre, innere Ursache der ganzen Agitation sind, so wird sie damit von dem Punkte abgelenkt, dem sie in erster und fast ausschließlicher Weise gehören sollte. Erft wenn wir dieser Agitation für die Schechita in unserem eigenen Kreise Rechnung getragen haben, hat eine *) Zur Information eignen sich die Schriften von Hofrath Dr. Dembo und die Schrift „Thierschntz und Menschcntrutz" von Dr. Ehrmann (I. Kanffmann, Frankfurt a. M.) — Erster behandelt besonders die fachwissenschaftliche Seite der Frage, während letztere die Betonung des religiösen Elamentö sich zur Aufgabe gesetzt bat, eine Seite, welche in der zahli eichen Literatur über diesen Gegenstand sonst nur sehr spärlich bedacht wird.

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