Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 45 (8.6.1899)
- Date
- 1899-06-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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yffiipiajpipyj^fipgp^^ ■ •r Mi- 3ah»s»««. JH 45. Der Israelit. «in Hentrak-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum Begründet von Dr felmftnn in IKtiiini. Donnerstag, de« 8. Juni 5659 (1899), Leitender Artikel. Sir CsilmeM» der WWlbsiten i» dr» deitslhe« Parl«eitrii. Mainz, den 6. Juni. I. So erfreulich auch der Ausgang der jüngsten Debatten über das Schächten, sowohl im Reichstag, als auch in der badischen und früher schon in der bayerischen Kammer sich gestaltet hat, so wäre es doch ein verhängnißvoller Jrrthum, wenn man nun jede Gefahr für diese fundamentale jüdische Institution beseitigt glaubte. Es gehört nicht viel Scharfsinn dazu, den Ernst der Situation auch heute noch zu erkennen. Dieser Ernst würde aber noch erheblich gesteigert, wenn er jüdischerseits verkannt und nicht in seiner ganzen Bedeutsamkeit gewürdigt würde. Man mag über den blinden Eifer unserer Feinde denken wie man auch immer will, so weit reicht auch ihr von Vorurtheil und Haß getrübter, politischer Blick, daß sie sich vorher über das Fiasko klar waren, das ihr Vorstoß gegen das Schächten zur Folge hatte. Wenn sie vielleicht auch nicht eine so gänzliche Niederlage und eine so glänzende Ehrenrettung unseres religionsgesetzlich vorgeschriebenen Schlachtverfahrens erwarteten, so waren sie sich doch zweifellos bewußt, daß ihre ochsenfreundlichen Allüren weder in München und in Karlsruhe, noch in Berlin bei den Volksvertretungen und Regierungen Anklang finden werden. Das Bedürfniß sich zu blamiren, dem sie bei ihren sonstigen legislatorischen Sonderbarkeiten ja reichlich genügen konnten, war sicher nicht da- Motiv ihres Vorgehens. Was denn? Die Verhandlungen in den Parlamenten bieten unseren Feinden zunächst Gelegenheit, die Sache nicht einschlafen zu lassen und die breiten Schichten des Volkes fortwährend in Athem, uns Juden aber in einer fortgesetzten Unruhe zu halten. Das ist schon viel, und das ist das Einzige, was sie für ihre Machenschaft unter den gegenwärtigen Verhältnissen thun können, dafür zu sorgen, daß die Sache nicht einschläft. Dazu werden von gewissenlosen Agitatoren die Verhandlungen über das Schächten in der judenfeindlichen Presse, in Thierschutzvereinen und Volksversammlungen ausgeschlachtet werden. Wie das möglich ist, den Triumph des jüdischen Schlachtverfahrens als seine Niederlage darzustellen, darüber brauchen sich die Herren keine Sorge zu machen, sie arbeiten nach bewährten Mustern. Man braucht nur die Reden der Schächtgegner zu lesen, wie sie vor den erwählten Vertretern des Volkes die Namen illustrer Gelehrten, wie Du-Bois-Reymond, als Gegner des Schächtens darzustellen suchen, während sie in der Thal seine eifrigsten Verfechter sind, um sich zu überzeugen, was in diesem Genre nicht alles möglich ist. Wenn so etwas im Reichstage möglich ist, wo diese plumpen Wahrheitswidrigkeiten von fachkundiger Seite sofort als das, was sie sind, gezeichnet werden können, so hat man einen Begriff von dem wüsten Treiben in Zeitungen und Versammlungen, zu deren Niveau selten Jemand hinabsteigt, der Interesse und Fachkunde genug hat, um der vergewaltigten Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen. Da werden in zahllosen Pamphleten die Reden der Schächtgegner in alle Welt vertheilt und wohlweislich wird dabei verschwiegen, daß diese Deklamationen auch die rechte Abfuhr erhalten haben. Diese Reden werden in den Parlamenten nur zum Fenster hinaus gehalten, denn die erleuchteten Volksvertreter selbst lassen sich nicht so ohne Weiteres einreden, daß eS eitel Liebe zum Ochsenthum ist, die es den Antisemiten angethan hat.