Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 44 (5.6.1899)
- Date
- 1899-06-05
- Page
- Seite 844 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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844 Opfer, welche die Sirenenstimme der Ihorafeindlichen Lehrer in Wien schon angelockt und zum Abgrund geführt hat. Es herrscht ein Durst nach Thora in Wien, auch nach Belehrung im Gotteswort in moderner Form. Aber der Brunnen lebendigen Wassers sind zu wenig in der Wüste, und die Verschmachtenden saugen begierieg von Miasmen durchsetzte Flüssigkeit auf, die nothwendig Krankheit bringen. Fast alle Einrichtungen, die der gesetzestreue Jude zum Leben nöthig hat, sind in Wien in richtiger W.ise vorhanden, aber alles ist viel zu wenig da, genügt bei Weitem den Bedürfnissen der großen Menge nicht. Und darum, allda wo es möglich ist, zu irren, zu fehlen und zu fallen, sieht man Verirrte, Sünder und Gestürzte. Mit der Schiffschul ist ein reichen Segen stiftendes Bet-Hamidrasch verbunden, in welchem fleißig gelernt wird, ein Verein läßt in den Räumen dieses Bet-Hamidrasch Kindern vorzüglichen Unterricht in Mischna und Gemara ertheilen, auch eine Talmud Thora-Schule existirt, welche streng gesetzestreue Vorstandsmitglieder beaufsichtigen und leiten, doch das wiederholte Wörtchen „ein", „eine", es zeigt uns den Fehler. Ein Bet-Hamidrasch für das große Wien, eine Schule. Wie gesagt, d a ist fast Alles, aber dem Bedürfniß entsprechend viel zu wenig — lange nicht ausreichend. Und weil Alles zu wenig da ist, darum imponirt es nicht, zieht viel zu wenig den Blick der neu Hierherkommenden auf sich, flößt ihnen viel zu wenig Achtung ein, läßt ihnen den Kreis der Gesctzestreuen aus dem Bilde der Großstadt ganz schwinden. Es giebt eine erschreckende Redensart, die man selbst von Einwanderern, die aus streng-frommen Häusern stammen, allzu oft zur Beschönigung und Entschuldigung hört. Diese entsetzliche Phrase, welche eine Grundsäule des Judenthums hinwegnimnit und die es schützende gewaltige Mauer umstürzt, lautet: „Wer kann in Wien mp halten?" Wir erhielten diese Frage zur Antwort, als wir einem Synagogennachbar Vorwürfe darüber machten, daß er seinen hoffnungsvollen Sohn in ein Geschäft gegeben hatte, wo das Kind zur Entweihung des Sabbat gezwungen wurde. Wir besuchten eine jüdische Conditorei, wo man uns über das Kaschruth der Maaren überraschend günstigen Bescheid geben konnte, doch als wir fragten: Wie ist es mit mp? da mußten wir dieselbe Gegenfrage als Antwort hinnehmen. Mehr noch als das Gesagte erregte uns folgender Vorfall. Wir machten einmal einen Besuch bei jungen Geschäftsleuten, die noch nicht lange vorher hierher verzogen waren. Das ab- Märmte Aussehen der Frau siel uns auf und unter Thxänen erzählte sie uns auf unsere Frage, ihr Mann habe die Zeit, die sie zur Erholung bei den Eltern zubrachte, dazu benutzt, um sein Gewölbe am Sabbat zu öffnen. Nicht wegen irgend eines geschäftlichen Gewinnes habe er dieses gethan, fügte die Frau hinzu, sondern um den Sticheleien nub dem Hohne der Nachbarn zu entgehen, die ihm unablässig in den Ohren lagen: Wer kann in Wien mp halten? — Unwillkürlich drängte sich mir beidieserUnterhaltung imBilde das Wort desPropheten Micha auf, da er ganz Israel zerstreut sieht auf den Bergen, wie Schafe die keine Hirten haben. Warum wissen diese Aermsten in unserer Stadt die Kreise und die Männer nicht zu finden, deren Leitung und Stütze, deren Führung und Belehrung sie sich anvertrauen können? Wir haben oben gesagt, daß Wien verderblicher auf das religiöse Leben der Einzelnen wirkt, als fast alle anderen Großstädte Diejenigen, die beispielsweise nach Berlin oder Paris aus den deutschen oder französischen Provinzen ziehen, sind zum g ößten Theil in ihrer Heimath schon dem Judenthum entfremdet gewesen. Hier aber — wie viele kommen alljährlich aus Ungarn und Galizien zu uns, die Sabbatentweihung kaum von Hören sagen kannten, und die hier hilflos der Verführung und Verlockung zum Opfer fallen? Warum auch steht es mit dem Judenthuni in Böhmen und Mahren so traurig? Wer weiß ein wie großer Theil dieser Schuld auf die nach Wien Gekommenen und dort dem Judenthum verloren Gegangenen zu wälzen ist? Wer kann sagen, ob nicht das böse Beispiel der Residenz, deren Gesetzestreuen sich fast verborgen halten, den Nachbarländern zum Fallstrick wurde? Ein Anfang zur Einigung der guten jüdischen Elemeitte ist mit der im ersten Briefe genannten „Freien Vereinigung zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judenthums" gemacht. Möge dieses der erste Schritt zum Ziele sein. Mit göttlicher Hilfe werden wir dann bald den Kreis der Wiener Gesetzestreucn in Einigkeit geschlossen Achtung gebietend und beispielgebend die schweren und hehren Airfgaben lösen sehen, deren möglichst schnelle Lösung die Verhältnisse gebieterisch heischen. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzerr Deutschland. Mainz. Dem vierten Jahresbericht des Vereins zur Beschränkung des Wanderbettels in Mainz entnehmen wir: Das Bild, das sich vor unseren Augen entrollte, ist im Großen und Ganzen demjenigen der vorausgegangenen Jahre ähnlich; die Zahl der Unterstützungssuchenden hat sich etwas vergrößert und sind in Folge dessen auch die Ausgaben entsprechend höher gewesen als im Vorjahr. In der Zusammenstellung der Monate zeigt sich alljährlich im Frühjahr und Herbst gegen die israelitische