Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 44 (5.6.1899)
- Date
- 1899-06-05
- Page
- Seite 843 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XI-.. Jahrgang. Keitüge zu M 44 -es „Israelit". Leitender Artikel. IPkwr Arioso. LLien, 30. Mai. II. In meinem vorigen Brief habe ich die unerläßlichen religiösen Institutionen genannt, welche bis jetzt in Wien nur für einen kleinen Kreis genügend vorhanden sind. Für den größeren Theil >er Gefetzestreuen ist keine den berechtigten Ansprüchen genügende Schechita, kein ausreichender Religionsunterricht vorhanden und die eine, sage eine Mikwa, welche vom Rabbinat der Schfffschul beaufsichtigt wird, genügt durchaus den modernen Ansprüchen in Bezug auf Ausstattung und Bequemlichkeit nicht. Wir haben die in der weiten Großstadt zerstreut lebenden Gesinnungsgenossen in erster Linie zur Einigung und Einigkeit aufgerufen, um die drei Grundsäulen jüdischen Gemeindelebens fest und in möglichster Vollkommenheit Herstellen zu können. Der achtunggebietende Zusammenschluß der hiesigen Orthodoxen wird aber auch nach einer anderen ideellen Seite hin ungeahnten Segen stiften. Wir schließen hier an unsere erste verallgemeinernde Behauptung, daß Wien eine der größten orthodoxen Gemeindender Welt besitzt, eine zweite sehr beunruhigende, daß nämlich mit Ausnahme vielleicht von Budapest keine Großstadt so verderblich auf das jüdische Leben der Einzelnen wirkt, wie Wien. Wir erinnern zunächst nur daran, daß man lange Zeit in Ungarn die Uebersiedelung nach Wien für äußerst gefährlich hielt für das kostbarste Gut, das wir besitzen, für die Treue zur heiligen Religion der Väter. Wie wir Gesetzestreuen in Europa heute noch schwere Bedenken hegen, wenn ein Glaubensgenosie über das Weltmeer zum dauernden Wohnsitz nach Amerika zieht, so fürchtete man in Ungarn, und leider mit Recht, für die Frömmigkeit derer, welche die glänzende und verführerische Kaiserstadt zum Domizil wählen wollten. Und heute noch ist es der G. s. D. großen Zahl von Gesetzestreuen hier noch nicht gelungen, sich eine genügend achtunggebietende und hervorragende Stellung im jüdischen Gemeindeleben und in der jüdischen Gesellschaft zu erringen, um die Einwanderer auf die Gefahren der Großstadt aufmerksam zu machen und sie durch ihr Beispiel aufzumuntern und zu stützen. Offene Reformen wurden bekanntlich in Wien verhältnißmäßig spät eingeführt und dann auch nicht in dem Umfange, wie anderwärts. Aber schon damals war das Hinausschieben der Reform keiner machtvollen Volksbewegung zu verdanken. Die einflußreiche Stellung des Baron Jonas Königswarter allein ließ die reformlustigen Volksverführer, so lange dieser brave Mann lebte, nicht zum Siege gelangen. Das Jahresdatum seines Todes ist auch das Jahresdatum für die Streichung heiligster Gebete in den Wiener Gemeindesynagogen. Die Orgel hielt dann nicht sowohl die UeberzeugungStreue der Gemeindemitglieder fern, sondern in erster Linie ein Brief Meierbeer'S an Ludwig August Frankl, der vom musikgeschichtlichen und künstlerischen Standpunkt aus die Einführung von Orgeln in die Synagogen verurtheilte. Die äußere Umgestaltung des Gottesdienstes verrieth noch lange nicht genügend, welch religionsfeindliche Anschauungen in den Herzen des Gemeindevorstandes und besonders des Predigers Jellinek und des Cantors Sulzer lebten. Ein jve timen wurde sogar in's Leben gerufen, aber sein erster Gründer war Jellinek und sein erster Lehrer I. H. Weiß. Es wurde der Form nach in alter Weise in diesem Beth Hamidrasch „gelernt", aber der Mann, der in talmudfeindlicher Geschichtsverdrehung mit Grätz wetteifert, bot feinen Schülern vergiftete Früchte dar, deren Gift die Schale bis zum innersten Kern durchdrang. Weiß ging von Anfang an ohne Scheu an Has jerobeamitische Werk junge Leute, die von der ungarischen Jeschiboth nach Wien kamen, in ihrem Glauben zu erschüttern. Nach den Schilderungen von Männern, die glücklich den Verführungskünsten des Weiß entgangen sind und heute zu unseren ersten Lehrern gerechnet werden, gewinnt man von dem Beth-Hamidrasch in der Seitenstetter« gaffe einen ähnlichen Eindruck, wie von einer Missionskirche, deren hebräische Aufschrift Arglose zum Eintritt und dann zum Abfall veranlassen soll. Und bis zum heutigen Tag lockt das Beth Hamidrasch immer neue Opfer herein. Zu Weiß gesellte sich M. Friedmann, der heute noch in seinen Vorträgen die Grundsäulen unserer heiligen Religion zu erschüttern sucht. An dieser Stelle bietet sich uns die Gelegenheit, auf eine sonderbare Schwäche vieler Wiener hinzuweisen. Es giebt hier viele Leute, die nicht genug in den schärfsten Worten den Unglauben vieler Reformlehrer tadeln können und die sich dennoch zu deren Vorträgen drängen, in dem stolzen Bewußtsein, dem R. Meir darin zu gleichen, daß sie die Schale wegwerfen und den Kern genießen. Aber abgesehen davon, daß die Geschichte nur sehr wenige namhaft macht, die R. Meir ähnlich sind, so ist selbst der Kern hier wohl verzuckert, aber dabei mit dem gefährlichsten Gift durchtränkt, nb-sn am Wer zählt die