Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 44 (5.6.1899)
- Date
- 1899-06-05
- Page
- Seite 837 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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637 Professor Geiger hatte den Antrag gestellt, die zur Revision des Gebetbuches der neuen Synagoge am 26. Juni eingesetzte gemischte Kommission aufzulösen. Vor der Eröffnung der Synagoge in der Lützowstratze hatte man beschlossen, eine gemischte Kommission zur Revision des Gebetbuches behufs Herstellung eines einheitlichen Gebetbuches für alle Orgelsynagogen einzusetzen. Was diese Kommission bis heute geleistet hat, das kann man in ein Wort zusammenfassen: Nichts! — Man kann daher Herrn Professor Geiger, der in der Nacht von Samstag zu Sonntag von der Göthefeier aus Weimar zurückkehrte, nur dankbar sein, daß er die Kommission begraben hat. Wir möchten außerdem fragen, haben die conservativen Gemeindemitglieder sich deshalb conservative Vertreter gewählt, damit sie sich mit einem einheitlichen Gebetbuch für die Orgelsynagoge befassen, um Korbonaus mit Damenchor zu sagen? Warum kümmern diese Herren sich nicht um die alte Synagoge und die Kaiserstraßesynagoge? Wo bleibt der versprochene conservative Rabbiner? Diesen wollen jetzt die Liberalen wählen, zum Dank werden dann die Conservativen den Freisinnigen wählen. — Und was thaten die Conservativen heute? Anstatt Herrn Professor Geiger Rede zu stehen, verließen sie den Saal. Der Tapfere weicht muthig einen Schritt zurück! Darmstadt, 29. Mai. (G e n e r a l v e r s a m mlung des „Unabhängigen Vereins israel. Lehrer im Großherzogthum Hessen" am 22. Mai lb99 in Fran kfurt a. M.) Die G eneralversammlung, welche wiederum in der von der Direktion der Realschule der Jsr. Religionsgesellschaft freundlichst zur Verfügung gestellten Turnhalle dieser Anstalt stattfand, war von 39 Mitgliedern besucht. Herr Direktor Dr. M. Hirsch, welcher sich zur Erholung in Bad-Homburg aufhielt, ließ der Versammlung telegraphisch die besten Grüße übermitteln und wünschte den Berathungen gesegneten Erfolg. Der Vorsitzende, Herr Dr. Barnaß—Pfungstadt, eröffnete die Konferenz unter Begrüßung der Anwesenden und gibt einen Bericht über die Thätigkeit des Vorstandes im abgelaufenen Vereinsjahre. Unter den für den israel. Lehrerstand Hessens bedeutsamen Erscheinungen desselben seien besonders die neuerlichen Schritte des Großherzoglichen Minifteriulns zu erwähnen, welches der Regelung der prekären Verhältnisse der israelitischen Religionslehrer näher zu treten erklärte, und die Vorstände der beiden israelitischen Lehrer vereine betreffend geeigneter Vorschläge um Ausarbeitung einer Denkschrift ersuchte. Ueber die zu diesem Zwecke mit dem anderen Verein gemeinsam geführten Unterhandlungen könne vorerst nichts Bestimmtes berichtet werden. Doch wollen wir hoffen, daß die Zeit für Erfüllung der nothwendigen und berechtigten Forderungen der israelitischen Lehrerschaft Hessens nicht mehr fern sei. Auf Anfrage des Vorsitzenden über das Schicksal des wiederholt bei der Großherzoglichen Regierung seitens der Herren Rabbiner gestellten Antrags auf Befreiung der Schüler der höheren Lehranstalten vom Unterricht an den letzten Tagen des nvL und riMv- FefteS, berichtet Herr Rabbiner Dr. Bond i—Mainz, daß die Regierung nicht darauf emgehe und die Rabbiner ihre Pflicht gethan hätten. Der Vorsitzende ersucht die Herren Rabbiner, sich nicht zufrieden zu geben und die Sache nochinals bei den Behörden energisch zu vertreten. Im Laufe der weiteren Debatte theilt Herr Rabbiner Dr. S ch l e s i n g e r— Bingen einen Fall mit, welcher für da« Verhalten einzelner Reformrabbiner Hessens in dieser Frage bezeichnend ist. Auf das gleiche Ersuchen desselben Herrn Rabbiner an die Großherzogliche Schulbehörde wurde diesem mitgetheilt, daß die Regierung auf ihren ablehnenden Standpunkt beharren müsse, indem nach Umfrage bei den Direktoren, Kreisschulinspekloren und Rabbinern diese sämmtlich den bestehenden Zustand für befriedigend erklärten. (Trotzdem ein Jahr vorher dieselben Herren Rabbiner gemeinsam mit den Rabbinern der orthodoxen Gemeinden Hessens die Eingabe auf Befreiung vorn Unterricht beschlossen hatten!) Infolge Mittheilung mehrerer Fälle von eigenmächtiger Entziehung der Kinder durch deren Eltern vom Religionsunterricht, welche in Griesheim bei Darmstadt und König im Odenwald vor gekommen sind, wird in der Debatte konstatirt, daß der Schulbesuch nicht dem Belieben der Eltern anheim gestellt ist, vielmehr jedes Kind gesetzlich Religionsunterricht genießen muß. Die Bestimmung würde nur von manchen Behörden verschieden ausgelegt, wogegen zur Beseitigung vorgekommener Mißftände energisch aufzutreten sei. Nach erfolgter Rechnungsablage und Prüfung derselben seitens zweier Revisoren wird dem Vereinskassier Entlastung ertheilt. Als nächsten Punkt der Tagesordnung erstattet der Unterzeichnete sein Referat über „die Vorbildung desisraelitischen Lehrers zum Kantordienst und seine Fortbildung in diesem Fache." In der Einleitung gibt Referent einen Ueberblick der Entwicklung des Synagogengesangs seit der ältesten Zeit bis heute, bespricht dann die Vorbildung der israelitischen Lehrer, welche in erster Linie zur Pflege des synagogalen Gesangs berufen sind, da in den meisten Gemeinden Lehr- und Kantorfach in einer Person vereinigt sind. Als Vorbereitungsanstalten dienen hauptsächlich die Präparandenschulen und Lehrerseminarien, doch kann in diesen nur das Allernothwendigfte gelehrt werden.