Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-06-05 · Heft 44 (5.6.1899) · p. Seite 836

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 44 (5.6.1899)
Date
1899-06-05
Page
Seite 836 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2448993--48386-2498795
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

' w.j > 4,, '.'> i 'l ,^>I, I > "^""'.MMJjljyy II11'1^ Ijy H1 HWfljjJ’fjP* 836 urtheilt, „weil er es versucht hat, sich widerrechtlich einen Vermögensvortheil zu verschaffen". Ich könnte mit meiner Erzählung hier schon abbrechen und daraus rechnen, daß sie als Warnung vor jeglicher Anzeige dienen wird. Denn eine solch harte Bestrafung hatte auch mein Freund nicht erwartet, und bereute unendlich seine unbedachte, voreilige Auslieferung des 'armen Menschen an die Polizei. Ich will aber weiter erzählen, weil ich die Umstände, welche den Gefangenen zum Betrug geführt, weiß und die Schicksale manches andern „Schnorrers" mit denen dieses Unglücklichen sehr ähnlich sein mögen. Namen darf ich nicht nennen, aber die Angaben kann ich verbürgen. Ad. W. ist ein Familienvater, Kaufmann, sehr gebildeter Mann und auch im Jüdischen nicht unbewandert. Er stammt aus B., wo seine Familie noch wohnt und wo er ein nettes Geschäft hatte. Das Geschäft ging zurück und W. glaubte anderwärts sein Glück versuchen zu sollen. Er ließ seine Angehörigen in B. und etablirte eine Handlung in K. Aber auch hier gelang es ihm nicht, sich wieder emporzuarbeiten, er mußte Concours anmelden, und wurde, da in seinen Büchern sich eine kleine, (wie er behauptet nicht direkt von ihm verschuldete) Ungehörigkeit fand, wegen Betruges zu vier Wochen Haftstrafe verurtheilt. Jetzt wandte er sich nach H. und nach vielen Bemühungen gelang es ihm, Provisionsreisender für einen Artikel eines großen Waarenhauses zu werden. Aber auch hierin hatte er wenig Glück und in den letzten Tagen nicht so viel verdient, um die Rückreise nach H. bezahlen zu könner. Traurig und niedergeschlagen saß er nun in einem Bierhause, und stillte mit einem Stückchen Brod seinen Hunger, als ihm sich der Verführer in Gestalt eines geriebenen Schnorrers nahte. Dieser setzte ihm auseinander, daß Betteln ein Geschäft sei, das immer noch seinen Mann ernähre, und er brauche ja nicht dabei zu bleiben, sondern könne ja immer wieder zu seinem Berufe zurückkehren, sobald er sich Einiges zusammengebracht habe. Für geringes Entgelt wurden die gefälschten Papiere eingehandelt, und der erste Versuch mit denselben hier und gerade unglücklicher Weise bei meinem auf einen Betrüger lauernden Freund gemacht. Durch die Voruntersuchung stellten sich alle diese Angaben als wahr heraus, aber, da es schon der zweite Betrug des Mannes war, erfolgte die harte Strafe. Schon diese Voruntersuchung brachte den Unglücklichen fast zur Verzweiflung. Die Behörde stellte überall Nachforschungen an, natürlich auch in seiner Heimath, und der Mann mußte sich sagen, daß in seiner kleinen Heimathsstadt die Sache allbekannt werde und seine erwachsenen Söhne und Töchter, sein das Vorsteheramt in der Chevro Kedischo bekleidender Bruder durch ihn für immer gebrandmarkt seien. Immerhin hielt ihn bei der Untersuchungshaft die Hoffnung aufrecht, daß er mit einer ganz geringen Strafe davon kommen werde. Dann hatte er ja nicht geleugnet, alle seine Angaben hatten sich als wahr erwiesen und sein Unrecht war ja bei dem allerersten Versuch geblieben. Allein er war schon in K. vorbestraft gewesen, war also ein rückfälliger Verbrecher, und nach kaum drei Minuten währender Berathung stimmten die Richter dem Antrag des Staatsanwalts zu. Er war zu vier Monaten verurtheilt. Er selber stimmte auch zu; denn, was würde es ihm geholfen haben, wenn er sich bei dein Urtheil nicht beruhigte? Der Mann „sitzt" bis zur Stunde noch und gewährt ein Bild des Jammers. An und für sich nicht sehr kräftig, ist er im Gefängniß recht leidend geworden. Er hat auch dort nicht Rechtes zu effen. Ec lebt von Brod, Kaffee und Milch. Verbotenes hat er noch nichts genoffen. Peßach ward ihm auf Kosten der Gemeinde Esten geschickt. Es kostete ein schön Stück Geld. Im Juli wird er frei. Wird er dann, in dem ungünstigen Monat, zur Saurengurkenzeit, Arbeit, Stellung finden, selbst wenn er gesund und kräftig die „Besserungsanstalt" verläßt? Lieber Leser, verlangt es dich noch, einen Betrüger unschädlich zu machen? Mein Freund hat an dem einen Mal genug, er wird Keinen mehr anzeigen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. ER. Berlin, 28. Mai. So uuintereffant die heutige Sitzung der Repräsentantenversammlung auch am Anfang gewesen, so hochintereffant ist sie am Schluffe geworden. Zunächst habe ich zu berichten, daß die neue Geschäftsordnung für die Repräsentanten in zweiter Lesung angenommen ist. Eine Zuwendung des Herrn Julius Schulvater an die Altversorgungsanstalt im Betrage von 24,000 Mark wird angenommen. Die Lehrerinnen an den hiesigen Mädchenschulen, Fräulein Glaser und Fräulein Cohn haben ihr Vermögen von 1785 Mk. und 685 Mk. der hiesigen jüdischen Gemeinde letzwillig hinterlaffen. Der Ausschuß bittet das Geld dem Levy'schen Legat zu überweisen, aus dessen Zinsen Unterstützungen zu Badereisen gewährt werden. Höchst eigenthümlich berührt uns der Antrag des Herrn Professor Baginsky, Punkt 7 von der Tagesordnung abzusetzen. Herr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.