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Der Israelit · 1899-05-31 · Heft 43 (31.5.1899) · p. Seite 829

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 43 (31.5.1899)
Date
1899-05-31
Page
Seite 829 (sequence 19)
Language
German
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SMWWW 82» aus dem Amtsleiter des hiesigen Bezirksgerichts, dem Staatsanwaltssubftituten und dem Polizeikommistär, die Caffabücher der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde abgeholt, angeblich um die Unterstützungen, die von der Cultus gemeinde im Laufe des Jahres gewährt wurden, zu prüfen. Es muß betont werden, daß das Märchen vom Ritualmord hier noch immer geglaubt wird, und daß dieser Glaube von gewistenlosen Agitatoren aus das eifrigste genährt wird. Der Pöbel ergreift durchweg für den des Mordes verdächtigen Jan da Partei. Frankreich. Paris, 26. Mai. Das Ereigniß der Tages ist die große Rede Rouanets in der Deputirtenkammer über die Judenfrage in Algier, er sprach unter der gespannten Aufmerksamkeit des ganzen Hauses und dem stürmischen Beifall der Majorität. Rouanet beleuchtete die Genesis des Antisemitismus in Algier und wies mit Entschiedenheit alle Lügen und Verleumdungen der Antisemiten zurück. Für die lt feieren war es ein schlechter Tag. Unerbittliche Thatsachen und schonungslose Ziffern, das waren die Pfeile, mit denen Rouanet sie ins Junerste traf. Er hat ihr ganzes Lügengewebe von jüdischem Geld- und Landwucher zerstört, es machte große Sensation, als Rouanet von den Wuchergeschäften der Präsidenten einer antisemitischen Liga erzählte. Er bewies, daß nicht die Juden, sondern gerade die Antisemiten zumeist Bankerott machen, daß sie den Bankcredit mißbrauchen, daß speziell der Vater des antisemitischen Deputirten Morin au d der Banque d'Algerie mehr Geld schuldig geblieben ist, als alle algerischen Juden zusammen. Großen Eindruck machte es auf die Kammer, als Rouanet gegenüber den fortwährenden Ausstreuungen der Antisemiten, daß die Juden der franz. Bevölkerung alle Staatsämter wegftschen, nachwies, daß es in Algier unter 17,843 Staatsbeamten kaum 253 Juden gibt, während die Juden 1/9 der französischen Bevölkerung bilden. „Was ist denn eigentlich auf der Tribüne vorgebracht worden?" fragt Rouanet. „Die antisemitischen Abgeordneten verlangen auf Grund einer Sammlung von gefälschtenThaten und entstellten Angaben die Aushebung des Decret Cremieux. Selbst, wenn alle Beschuldigungen der Juden wahr wären, wie sie es nicht sind, hätten dennoch die Antisemiten nicht das Recht, ein Verbrechen der Civilisationsschändung zu begehen und eine Herrschaft der Barbarei in Algier einzusühren, die Algier und Frankreich in den Augen Europas und der Civilisirten entehren wird. Würden denn nach Beseitigung des Decret Cremieux die Gegensätze schwinden? Das Decret vom Jahre 1870 ist für die Juden Algeriens das, was für die franz. Juden die Constituante. Die Versammlung von Versaille hat es gegeben und es darf nicht zurückgenommen werden. „Von den jüdischen Abgeordneten hat sich bis beute keinerlhören lasten, obwohl man durch drei Tage hier ihre armen Glaubensgenoffen in Algier so hart anklagt. (Die Kammer wendet ihre Aufmerksamkeit auf den Millionär Klotz, der bei den letzten Wahlen sein Mandat nur dadurch sich rettete, daß er sich gegen die Revision des DreyfußprozeffeS erklärte), es gibt keine Solidarität zwischen der jüdischen Bourgeoise und dem jüdischen Proletariat. „Mr. Marchal hat hier erklärt, daß er im Jahre 1870 nur zwei Juden gekannt habe, die ihre Pflicht erfüllten. Das mir vorliegende Buch „Die Etappe eines oranischen Freischärlers" von einem französischen Offizier verfaßt, führt in der genauen Liste aller Freischärler 60 Juden auf. Aus Bestätigungen von Offizieren und des Bürgermeisters von Algier, Herrn Vuillier, die ich vor mir habe, ist ersichtlich, daß, als die Araber unsere Landsleute plünderten, die Juden zuerst die Vertheidigung übernahmen. Die Juden haben auch in der Miliz gedient und darüber lese ich: „Die jüd. Milizsoldaten haben ihren Beruf ohne jeden Vorwurf erfüllt, kein einziger hat seinen Posten verlosten." So sprechen christliche Offiziere von jüdischen Soldaten. Der Antisemitismus in Algier hat erst im Jahre 1894 rohe, gewaltthätige Formen angenommen, seitdem der franz. Geist durch fremden Einfluß verdrängt worden ist. Die Spanier und Italiener (Max Regis ist Italiener), haben nach Algier extreme religiöse Anschauungen und den atavistischen Judenhaß mitgebracht. Ich haste sehr tief jeden Fanatismus, aber wir finden beim Fanatiker wenigstens einen guten Glauben. Was sollen wir aber von Jenen sagen, die gar kein religiöser Fanatismus beherrscht, weil sie gar keine Religion haben und die mit kaltem Blute, um Stimmen zu werben, die Leidenschaften reizen und den Judenhaß erwecken? Ich finde im parlamentarischen Wörterbuche gar keinen Ausdruck, um diese Haltung zu brandmarken. Ich überlaste dies Ihrem Urtheile. Diesen Spaniern, Italienern und Franzosen, die fern von Frankreich leben, redet man ein, daß die Juden allein an der Rothlage in Algier schuld seien, daß sie bevorzugte Stellen einnehmen, und daß e« möglich sei, sie fortzujagen und ihre Habe zu theilen. Bei den letzten Muniz: palwahlen in Constantine war das Losungswort: „Hinaus mit den Juden aus dem Magistrat!" Die Wahlen fielen antisemitisch aus und das Versprechen mußte gehalten werden. Misten Sie, wie viel Juden aus die 140 Beamten der Bürgermeisterei entfallen? Vier. Die triumphirenden Antisemiten haben sie fortgejagt. „Die algerische Filiale des Credit Lyonnais stellte

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