Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 43 (31.5.1899)
- Date
- 1899-05-31
- Page
- Seite 815 (sequence 5)
- Language
- German
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WWWMWMW 815 O e ste rr.- Ungar. Monarchie. Wiett. („Die Juden haben kein Vaterland!") Das ist der Ausspruch des an der königl. ung. Handelsakademie zu Preßburg tradirenden Herrn Professors Stierling. Wie nämlich von dort geschrieben wird, hat dieser Professor vorige Woche einem jüdischen Schüler, der anstatt „Magyarorszüg" (Ungarn) „hazünk" (unser Vaterland) sagte, vor der ganzen Klasse zugerufen: „Reden Sie doch nicht so bundes Zeug, die Juden haben kein Vaterland!" Von diesem Vorfälle, der sowohl im städtischen Schulstuhle als auch beim Vorstände der Preßburger israelitischen Religionsgemeinde zur Sprache kam, wurde dem Unterrichtsministerium Anzeige erstattet. Wien. (Sitzung des Vorstandes der isr. LuttuSgemeinde.) Der Obmann der Finanzsection Herr kaiserl. Rath Moritz Hirsch erstattet das Referat über den Rechenschaftsbericht für daS Jahr 1898. Das Gesammtergebniß des Verwaltungsjahres 1898 ist laut Zusammenstellung auf dem GebahrungSergebniß-Conto, ein Zuschuß von 4.0.210 fl. 56 kr. und jenes der Bilanz nach Abrechnung des Activ-Saldo per 1. Januar 1898 und der Differenz zwischen den Debitoren und Creditoren des Capital-Conto ein Deficit von 30.637 fl. 7 kr., was aus der Zufamnlenstellung der Acfiven und Passiven auf dem Bilanzkonto zu ersehen. Nachdem nun der Voranschlag für das laufende Jahr ein unbedecktes Erforderniß der Gebahrung von 52.732 fl. 77 kr. ergibt, so werden wir unter Zuziehung des Deficiis der Gebahrung d. I. 1898 per 40.219 fl. 56 kr. Ende v. I. 1899 mit einer schwebenden Schuld von 92.952 fl. 33 kr. schließen, vorausgesetzt, daß das Budget nicht überschritten wird. Herr Vice-Präsident Dr. K o h n bringt namens der II. Section zur Kenntniß, daß das Ministerium für Lultus und Unterricht mit dem Erlaffe vom 25. März 1899, Z. 4478, dem Recurse der israelitischen Cultusgemeinde gegen den Erlaß des niederöfterr. Landesschulrathes vom 11. Dezember 1898, Z. 13064, betreffend die Ausschreibung der Oberlehrerstelle an der Mädchen-Volkschule im II. Bezirke, Czerninplatz 3, aus folgenden Gründen diesem Erlasse keine Folge gegeben habe. Der nied.-österr. Landesfchulrath steht auf dem Standpunkte, daß nur dann, wenn die absolute Majorität der Schüler einer bestimmten Confession angehört, für den Oberlehrer die Qualification zur Ertheilung des Religionsunterrichtes an die Majorität der Schüler gefordert werden müsse, während an der genannten Schule die israelitischen Schüler nur die relative Majorität bilden. Der Vorstand stehe auf dem Standpunkt, daß blos die einfache Mehrheit der Confession entscheidend sei. Neferennt beantragt namens der II. Section, die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes anzurufen und gleichzeitig um Sistirung der Besetzung dieser Stelle bis nach erfolgter Erledigung anzusuchen. Der Antrag wird einstimmig angenommen. Grotzwardein. Eine sehr seltene und pikante Angelegenheu beschäftigt seit einigen Wochen die Ju)enheit Ungarns, vielleicht ein nie vagewefener Fall, ein recht trauriger und bedauernswerther, der uns ein Bild der Verhältnisse und Zustände der ungarischen Neologengemeinden zeigt, das schlimmer selbst von dem ausgesprochensten Pessimisten — nicht gedacht und erwartet werden kann, das uns zeigt, wie faul und gebrechlich, halt- und kraftlos, die Zustände der Neologen sind. Der Sachverhalt ist folgender : Der Rabbiner der hiesigen Neologengemeinve Dr. Leopold Kecskemeti ist der glückliche Verfasser einer „Geschichte der jüdischen Religion", und hat dar Werk behufs Subvention an die „jüdische ungarische Literaturgesellschaft" eingesendet, und siehe da! Dort an dem Ort, wo sonst nur Irreligiosität gepflegt wird, wo das unjüdische dominirt, wo man sich der Religion sehr leicht abfindet, selbst dort wurden einige Stimmen laut, das Werk abzuweisen, und die verlangte Subvention abznlehnen; die Majorität des Ausschusses aber bestimmte, das Werk unter ihren Schutz zu nehmen und die Literatur mit diesem Werke zu bereichern. Was das Werk enthält, worüber so viele Widersprüche entstanden sind, darüber lassen nur das Parteiorgan der ungarischen Neoloqen „E yenlöseq" selbst referiren. „Der Verfasser ging in seiner Kritik bedeutend weiter, als je ein Bibelkritiker bisher gegangen. Er bricht mit jeder Tradition, mit jeder bisher bestandenen Auffassung. „Die fünf Bücher Mo es hat nicht Moses geschrieben, sondern um Jahrtausende später die Rabbinen. Die Gestalten der Bibel sind mythologische Gestalten» die Wunder sind pure Fabeln, die göttlichen Gesetze sind achwerke von Menschen, selbst der Gott Js.aelS ist auch eine Schöpfung der Rabbiner. Dieser war früher irgend ein jüdischer Götze, der später zum Rationalgott nvancirtc, und erst in seiner späteren Entwickelung ward er der Herr des Weltalls." Das ist oar. Wct k eines Rabbiners! Das Werk eines Mannes, der berufen sein soll, als Lehrer in Israel zu wirken. Wir haben iu Ungarn schon Gelegenheit gehabt zu sehen, auf welcher Stufe sich die Reologen-Rabbiner befinden, durch einen Dr. Kalbach, der das rituelle Scheiden durch den Scheidebrief (?:) ins Lächerliche zog, durch einen Dr. Rosenberg, der die Mischehen als konfessionell betrachtete und sie nach jüdischem Ritus einsegnete; aber daß sich ein Rabbiner an dem Glauben selbst verfängt, und die Grundlehre des Judentdums als ganz gewöhnliche» Machwerk bezeichnet, dies haben wir selbst von einem ungarischen Seminarzögling nicht erwartet. Die Gemeinde de» Verfassers des famosen Werkes votirte