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Der Israelit · 1899-05-31 · Heft 43 (31.5.1899) · p. Seite 813

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 43 (31.5.1899)
Date
1899-05-31
Page
Seite 813 (sequence 3)
Language
German
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813 Ausfällen und Vermuthungen verfteigt, die er bei etwas kühlerer Ueberlegung sicherlich als völlig grundlos erkannt hätte. Ich will über den Ton, in dem jener Brief gehalten ist, gar nicht reden; denn über den Geschmack ist nicht zu streiten, und man kann nicht von jedem verlangen, daß er durchaus einen guten Geschmack habe. Aber man wird zugeben, daß es einem schlecht ansteht, über „hochtrabende Phrasen" eines Aufrufs abfällig zu sprechen, der in einem kurzen Artikel von nicht ganz zwei Spalten ein ganzes Lexicon anmuthiger Redewendungen verschwendet, wie „Verbrüderungsdusel", „solche Gesellschaft", „Sprachschwärmerei", „Redefloskel", „Machenschaft", „Entrepreneure“. „Mischmasch", „Koscherzettel" u. s. w., ganz abgesehen davon, daß sich thatsächlich in jenem Aufruf durchaus keine Phrasen finden; und es wäre wirklich besser gewesen, den Aufruf selbst dem Urtheil des Lesers zu unterbreiten, als durch absprechende Aeußerungen von vornherein ein ungünstiges Vorurtheil in ihm zu erwecken. Was aber den Inhalt jenes Briefes betrifft, so ist es einfach unverständlich, welche Gefahren für das Judenthum aus dem Erlernen der hebräischen Sprache zu befürchten sein sollen, oder wieso zu besorgen ist, daß unsre Religion Schaden leiden könnte, wenn der Aufruf zur Bildung hebräischer Sprachcurse auch von Männern unterschrieben ist, die nicht auf dem Standpunkt des orthodoxen Judenthums stehen. Glaubt denn der Verfasser wirklich, daß ein ehrlich denkender Jude es gutheißt, wenn Männer, die „nach antikem Schnitt gelernt haben, ihr Wissen dazu mißbrauchen, um Steine in den Brunnen zu werfen, aus dem sie getrunken haben?" Ich meine, jeder ehrliche Mensch wird über solche Handlungsweise ebenso entrüstet sein, wie die Unterzeichner des Aufrufs über die Unterstellung, daß sie sie „nachahmenswerth finden " Heißt das eine vermeintlich schlechte Sache bekämpfen, wenn man die — Personen verdächtigt? Freilich ist der Verfasser so liebenswürdig, den Unterzeichnern zuzugestehen, daß sie es B'üb> avb meinen; indessen, einmal werden jene Männer auf diese gute Censur gern verzichten, sodann aber werden sie mit Recht beanspruchen, sich „über die besseren Ziele oder die bessere Gesellschaft, um ihr Streben wb zu documentieren", ein eigenes Urtheil bilden zu dürfen. Ist aber der Verfasser schon so wohlwollend, bei den Unterzeichnern die gute Absicht nicht zu verkennen, so geräth er mit sich selbst in Widerspruch, wenn er befürchtet, daß mit der Liebe zur hebräischen Sprache auch die „Verachtung für die göttlichen Satzungen" geweckt würde. Er darf beruhigt sein; Alle, die den Aufruf unterschrieben, und Alle, die an den Sprachcursen theilzunehmen sich entschlossen haben, sind der festen Ueberzeugung, ein gutes Werk zu vollbringen, und sie werden sich in diesem Bewußtsein nicht beirren lassen durch die Besorgniß, daß „durch diesen neuen Mischmasch eine Seele für die heilige Sprache gewonnen wird, für unsre heilige Sache aber verloren geht." Es ist im Gegentheil zu erwarten, daß mit der Liebe zu der Sprache unsrer Väter auch das Verständniß unsrer Glaubensurkunden und die Liebe zu der Religion unserer Ahnen wachsen und erstarken wird, und es will nichts besagen, wenn der Verf. es bezweifelt, ob die Leitung und die Lehrmethode die geeignete sei, oder wenn er gar mit wunderbarem Seherblick das ganze Unternehmen als ein „vornhinein verfehltes" bezeichnet. Er sollte sich vielmehr recht herzlich freuen, daß Erwachsene, denen die hebr. Sprache bisher fremd gewesen, sich bereit finden, ihrem Studium Zeit und Mühe zuzuwenden, und daß auch Männer, die den Standpunkt des Verfassers nicht theilen, gewillt sind, dieses Ziel durch thatkräftige Unterstützung zu fördern. Nach einem bekannten Worte unserer Alten ist es etwas bedenklich, nach der Zerstörung des Tempels den Propheten spielen zu wollen. Rabb. Dr. M. Petuchowski. Gattirrgen, im Mai. irr *i»sn es? opDWi bs to Q’ow wb anoy n'pwy. „Alle Gemeindebeamte sollen ihr Amt im Namen des Himmels verwalten, denn das Verdienst ihrer Väter unterstützt sie, und ihre Frömmigkeit leistet ewigen Beistand." An diese trefflichen Worte des großen Rabbon Gamliel werde ich unwillkürlich erinnert, wenn ich die erhebende Feier, die am vergangenen Sonntag in unserer Cultusgemeinde stattfand, vor meinen Augen vorüberziehen lasse. Galt es doch unserem verehrten Synagogenratsmitglied, Herrn B. Harburger, der über 20 Jahre das Amt eines ersten Vorstehers bekleidete und nun im Begriffe steht, unseren Ort zu verlassen, für sein langjähriges, segensreiches Wirken und Schaffen den ihm in so reichlichem Maaße gebührenden Dank zu zollen. Die Feier, die einen glänzenden Verlauf nahm, wurde von Seiten unseres Herrn Rabbiner Dr. Spitz durch eine kurze Ansprache eröffnet. Derselbe erinnerte an die vielen Verdienste, die sich Herr Vorsteher H. um das Wohl und Gedeihen unserer Gemeinde erworben. Mit dem Wunsche, daß es dem Gefeierten vergönnt sein möge, noch recht viele, viele Jahre ungetrübter Gesundheit im Kreise seiner Familie zu verbringen, schloß Redner seine tiefdurchdachte Anrede, die auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. Hierauf ergriff das Synagogenratsmitglied, H. Wilhelm Moos, das Wort, um das zum Ausdrucke zu bringen, was Herr H. in religiöser Beziehung in unserer Gemeinde geleistet. Er hob hervor, daß dessen Sinnen und Trachten stets darauf gerichtet war, den Frieden und die Eintracht in unserer Ge-

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