Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 42 (29.5.1899)
- Date
- 1899-05-29
- Page
- Seite 799 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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799 Aufgabe gestellt hat, immer mehr Würdigung seitens unserer Glaubensgenossen finden und dem Vereine und seinen Zielen eine verheißungsvolle Zukunft bevorstehen werde. Wir aber schließen diesen Bericht mit dem Wunsche v-rx pe* pi roi» p! Zeitungsnachrichten und Correfpon-enzen Deutschland. Berlin, 22. Mai. Herr Jakob M. F r e n k e l, der von schwerem Siechthum bei hiesigen Aerzten vergebens Heilung suchte, wurde als Siebenundfünfzigjähriger aus seinem reichverdienten Leben abberufen. Ein Sproß gefeierter Ahnen, welche an dem Himmel talmudischer Gelehrsamkeit als Sterne erster Größe leuchten, hat der Verblichene seines Daseins ganzen Inhalt in dem Studium des Gottesgesetzes, das er wie ein Meister beherrschte, und in seiner hingebungsfreudigen Betätigung erblickt. Als Knabe schon wegen seiner erstaunlichen Kenntnisse auf allen Gebieten rabbinischen Wissens bewundert, hat er als zwanzigjähriger Jüngling mit Capazitäten wie R. Jakob E t t l i n g e r b"si in Altona, R. Bunenr Schreiber “rs» in Preßburg u. A. correspondirt und wird von ihnen wie ein Ebenbürtiger in ihren Schriften erwähnt. Die letzten Jahre seines Lebens galten fast ausschließlich denr Forschen im Talmud, den er dreimal vollständig durchstudirt, und in den religionsphilosophischen Schriften. Seine Wohlthätigkeit kannte keine Grenzen: mit vollen Händen spendete er nicht nur für russische Arme und heimische Interessen, sondern gleich freigebig für die Hilfsbedürftigen aller Länder, namentlich Palästina's, das er selbst bereist hat und mit heißer Liebe umfing. Auf dem Friedhofe der Israelitischen Synagogengemeinde Adaß Jisroel wurden die sterblichen Reste zur Ruhe gebettet , nachdem die Herren Prediger Dr. M. Hildesheimer und Rabbinats-Assessor Dr. Biberfeld in tiefempfundenen Worten des Nachrufs das Leben und die Verdienste des Heimgegangenen geschildert ra^b p’-nt “irr. Glogau, 25. Mai. Der Prozeß gegen den antisemitischen Grafen Pückler zu Kl.-Tschirne wegen Aufreizung zum Klassenhaß wurde vor der hiesigen Strafkammer verhandelt. Graf Pückler hat in einem Vortrage, der an hetzerischen Ausfällen gegen das Judenthum das Möglichste leistete, u. a. die Aufforderung ausgesprochen, den Juden „die Jacke vollzuhauen, daß die Knochen krachen", und dieser Vortrag wurde darauf gedruckt und in einigen tausend Exemplaren verbreitet. Vor Gericht gab sich Graf Pückler als ein überaus harmloses Gemüth; er habe nicht zu Gewaltthätigkeiten aufreizen wollen, sondern sich nur bildlich ausgedrückt und eine geschäftliche und gesellschaftliche Jsolirung der Juden gemeint. Sein Vertheidiger meinte, in den ungebildeten Kreisen, zu denen Graf Pückler gesprochen habe, würde eine andere Sprache gar nicht verstanden werden. Der Gerichtshof schenkte der Auffassung von der Harmlosigkeit des Grafen Pückler Glauben, obwohl dieser die Gerichtsverhandlung abermals zu einer Hetzrede benutzte und die Anmaßung hatte, seine Person mit der Ehre des deutschen Volkes zu identifiziren. Objektiv betrachtet, so besagt die Urtheilrbegründung, liege zwar eine öffentliche Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten vor. Der Angeklagte sei aber als ein Mann bekannt, der sich leicht von seinen Gefühlen Hinreißen lasse und deßhalb in seinen Ausdrücken nicht gerade wählerisch sei, er sei aber andererseits von idealen Zielen erfüllt und wolle nur das Gute. Der Gerichtshof habe daher nicht die Ueberzeugung gewonnen, daß der Angeklagte auch nur das Bewußtsein hatte, es könnte der öffentliche Friede gestört werden. Mit dieser wohl einzig dastehenden Begründung wurde Graf Pückler sreigesprochen. — An das Glogauer Urtheil wird wohl noch oft erinnert werden, und man wird darauf Bezug nehmen können gegenüber allen ähnlichen Anklagen, auch wenn sich diese nicht zufällig gegen gräfliche Antisemiten, sondern etwa gegen Arbeiter richten sollten, denen man eine gleiche „bilderreiche" Sprache ja noch viel eher zu Gute Hallen müßte. Wreschen, 22. Mai. Nach langem schweren Leiden, das eine unbegrenzte Gottergebenheit ihn mit wahrem Heldenmuth ertragen ließ, ist bei Einkehr des Schowuotfestcs Herr Robert Siebunh Hierselbst verschieden. In still geräuschloser Thätigkeit hat der Verblichene den mannigfachsten Gebieten jüdischer humanitärer Bestrebungen seine Kräfte gewidmet. So gehörte er mit zu den Begründern unseres Armen- Unterstützungs-Vereins und des Vereins für „Jüdische Geschichte und Literatur." Seine Hochherzigkeit beschränkte sich nicht etwa auf die Bedrängten hiesiger Stadt, sondern bethütigte sich, durch keine Landesgrenze gehemmt, mit gleich freudiger Bereitwilligkeit, wo imruer es galt, das Elend und das Leid des Glaubensbruders zu mildern, zumal dem Jammer in Rußland zu steuern und ganz besonders dem Hilfesuchenden in Jerusalem beizustehen. Was der Heimgegangene für diese Hartgeplagtcn gesuhlt und geleistet, läßt sich in Worten nicht darstellen und ist kaum denjenigen in seiner ganzen Großartigkeit bekannt, denen diese, seine Wirksamkeit zugute kam. Obwohl Kaufmann von Beruf, wendete er doch die freie Zeit seines Lebens dem Thora- und Talmudstudium zu. Er folgte dabei den Traditionen seines Hauses und namentlich dem Vorbilde seines be-