Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 41 (25.5.1899)
- Date
- 1899-05-25
- Page
- Seite 781 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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781 Soden im Taunus, 20. Mai. (E i n e M u ft e r - Anstalt.) „Das Leben ist der Güter Höchstes nicht", sagt unser großer Landsmann Schiller in der „Braut von Messina". Diesem Ausspruche doch als Pendant, würde ich den Satz aufstellen: „Die Gesundheit ist das höchste Gut des Lebens", denn was sind all' die irdischen Güter, was sind alle unsere Errungenschaften, wenn wir an denselben nicht Antheil nehmen können, wenn unser Körper von einem tückischen Leiden befallen und wir siechend den Freuden des Lebens entrathen müssen. Das Ende unseres Jahrhunderts scheint jedoch in mildere Accorde ausklingen zu wollen — die nimmerrastenden Forschungen auf allen Gebieten der Wissenschaft haben ungeheure Fortschritte gemacht. Ich will von allen Fachwissenschaften nun gleich jene meines zu behandelnden Thema's, der hygienisch, diätetischen Heilmethode einschlagen. Bis zum Jahre 1881 stand die Menschheit im Banne einer Krankheitserscheinung, deren eigentlicher Sitz bis zu jener Zeit nicht erforscht werden könnte. Da machte der große Gelehrte Prof. Rob. Koch in Berlin die Entdeckung des die Lunge verheerenden „Tuberkel-Baeillus". Run hatte die Wissenschaft einen großen Schritt nach vorwärts zu verzeichnen, da man doch die Ursache der Krankheit kannte. Da eine directe Behandlung medicamentöser Art, und später versuchsweise vorgenommene Serum- Einimpfungen mittelst „Tuberkulin" den gewünschten Erfolg nicht brachten, so hat ein großer Theil der medicinischen Welt sich der hygienisch, diätetischen Behandlungsweise zugewendet. Eine gewaltige Bewegung hat in unserem letzten Decennium Platz gegriffen und wie ein Ruf aus Millionen Kehlen erschallt es im ganzen Reiche nach Errichtung von Lungenheilstätten. Dank der nimmerrastenden Bemühungen der wissenschaftlich gebildeten Aerzte und den philantropischen Bestrebungen unserer begüterten Mitmenschen, werden bereits in allen Gauen des Landes die Grundsteine zu jenen segenverbreitenden Stätten gelegt. Zu den bereits seit vielen Jahren sich im Dienste der leidenden Menschheit befindlichen Heilstätten resp. Kuranstalten, zählt auch in erster Reihe jene durch den Gemeinsinn und Menschenliebe sich auszeichnende von Frankfurter Glaubensgenossen errichtete „Jsr. Kuranstalt in Soden am Taunus". Schon die treffliche Wahl des am Fuße des südwestlichen Taunus gelegenen, herrlichen Thales zur Errichtung dieser Anstalt, und der dem Orte von der Natur gespendeten Heilquellen, jtoh möge anerkennend für den löblichen Vorstand dieser so segensreich wirkenden Stätte, zum Ausdrucke gebracht werden. Der Neubau dieser Anstalt wurde in hochherziger Weise von Frau Freiin von Rothschild in Frankfurt a. M. errichtet, resp. die Mittel zu diesem Bau von derselben gespendet. Hart am Fuße des Dachberges befindet sich die Kuranstalt, welche aus zwei Gebäuden und einem herrlichen Parke, geschmückt von breiten Blumenbeeten und schattigen Bäumen besteht. Zahlreiche Lauben und Boschetts und eine Felsengrotte verleihen dem Parke einen vornehmen Charakter. Das an der Dachbergstraße gelegene ältere Gebäude enthält das Ordinations- und Wohnzimmer des Arztes, sowie einen Wartesaal, während die übrigen Räumlichkeiten zu luftigen und mit allen sanitären Maßnahmen versehenen Wohnstuben für Frauen dienen. Wenn wir den Park durchschreiten, kommen wir an den im Schweizerftyle aufgeführten herrlichen Neubau. Dieser enthält im Erdgeschoß eine große, schattige Glasveranda, welcher sich ein äußerst geräumiger Speisesaal anschließt. Neben letzterem befindet sich die in peinlichster Reinlichkeit und Ordnung gehaltene Küche. Die oberen Räumlichkeiten bergen gleichfalls Wohnstuben für Frauen, nebst einer, eine prächtige Fernsicht gewährende Terrasse. Die männlichen Patienten wohnen in Privatlogis in der nächsten Nähe der Anstalt, da die Räume in derselben nicht ausreichend sind. Schreiber dieses, welcher auch zu den Leidenden der Menschheit zählt, ist es zum Tröste in seinem Leiden vergönnt, an dieser würdigen Stelle seine Heilung zu suchen, und hofft mit Gottes Hilfe diese auch hier zu finden. Die Anstalt steht unter ärztlicher Leitung des Herrn Dr. Hughes, welchem Herr Dr. Rothschild würdig zur Seite ist, diesen Aerzten gebührt für ihre gründliche, eingehende und verständnißvolle Untersuchung und Behandlung vollstes Lob und höchste Anerkennung. Nicht nur im Ordinationszimmer steht man unter der ärztlichen Autorität und Fürsorge, auch auf allen Wegen und Stegen hat man sich des Warnuugs- oder Ermahnungsrufes des Arztes zu gewärtigen. In umsichtiger Weise wird die Anstalt in culinarischer und administrativer Beziehung von dem seit der Gründung derselben hier thätigen Fräulein Beit geleitet. Für das pünktliche Einhalten der Mahlzeiten, für die reichhaltige und abwechslungsreiche Küche, welche in streng ritueller Weise beobachtet wird, so auch für die strenge Ueberwachung, daß die ärztlichen Vorschriften befolgt werden, gebührt diesem Fräulein die vollste Anerkennung. Nach kurzer Anwesenheit eines Patienten, weiß dieses Fräulein schon genau, was demselben in quali-