Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 41 (25.5.1899)
- Date
- 1899-05-25
- Page
- Seite 772 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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m von Wien, Gründung von möglichst vielen Schulen und Religtonsschulen, Erbauung einer Reihe modern eingerichteten MikwauS in möglichst vielen Stadttheilen, Alles Aufgaben, über deren Nothwendigkeit kein Zweifel herrschen kann und die mit etwas Einmüthtgkeit zu erreichen sind. Die Freie Vereinigung ist noch nicht konstituirt und schon werden Unkenrufe laut, daß auch sie an der Uneinigkeit der Wiener Gesetzestreuen in die Brüche gehen werde. Von einer gewissen Seite sogar scheint man die alte Burg des gesetzestreuen Judenthums in Wien, die Schiffschul, gegewärtig anzufeinden und ihren Führern den ihnen zukommenden Einfluß in der Freien Vereinigung schmälern zu wollen. Hoffen wir, daß die schwere Roth der Zeit unsere Gesinnungsgenoffen endlich zur Besinnung bringt, und daß den heiligen und hohen Aufgaben gegenüber endlich einmal die Zwietracht und das Mißtrauen schwinde. Seit Anfang der Jahres erscheint hier ein orthodoxe» Blatt. Wir hatten die Hoffnung, daß die Zeitung in erster Linie die Sammlung und Einigung der Orthodoxen herbeizuführen suchen würde und im Ausgleich der Gegensätze im streng gesetzestreuen Lager ihr Hochziel erblicken würde. Doch weit entfernt davon, diese allernöthigste Arbeit zu verrichten, vergnügt sich der Herausgeber des Blattes damit, mit möglichst viel Gepolter offene Thüren einzuschlagen und in einem rüden Ton auf die Reformer in Wien zu schimpfen. Um uns die Augen über die Reformrabbiner, über die Zustände der Reformgemeinde zu öffnen, dazu hatten wir keine neue Zeitung nöthig. Das Tischtuch zwischen den gesetzestreuen Juden und der Reform ist längst zerschnitten, der Riß ist so groß, daß auch das blödeste Auge ihn erkennen muß. Wenn die „Wiener jüdische Presse", dieses Blatt meinen wir, sich bis jetzt mit dem Einschlagen offener Thüren die Zeit vertrieb, so greift es in der jüngsten Nummer zu der Kurzweil, mit Kanonenkugeln auf Spatzen und zwar zur Abwechslung auf Sperlinge, die in Deutschland Hausen, zu schießen. Der Moniteur des famosen Herrn Dr. Maybaum, die unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheinende „Zeitung des Judenthums", hat, ohne unseres Wissens der Beachtung eines weiteren jüdischen Blattes gewürdigt zu werden, im Namen des deutschen Rabbinerverbandes einen Ukas erlassen, wonach die Gemeinden nur noch solche Rabbiner anstellen sollten, welche ihre Ausbildung auf theologischen Lehranstalten erhallen hätten und worin die Gemeinden gewarnt werden, solche Candidaten zu berücksichtigen, die nur von einzelnen Rabbinern autorisirt sind. Die junge Wiener Retterin des Judenthums in- und außerhalb der schwarzgelben Grenzpfähle nimmt nun Herrn Maybaum und seinen Rabbinerverbaud gewaltig ernst. sieht den „Lehrschatz" des Judenthums gefährdet und fordert allenthalben die gesetzestreuen Rabbiner auf, durch Unterschriften gegen Herrn Maybaum und Consorten das Recht der Ertheilung von nnin mm sich zu wahren. Die Wiener Collegin soll sich ihr schweres Geschütz für wichtigere Dinge aussparen, deren es in unserem jüd. Oesterreich genug zu bekämpfen und zu erkämpfen giebt. Wir glauben zu Ehren eines jeden gesetzestreuen Gemeindevorstandes annehmen zu können, daß sich wegen der Willensäußerung eines Maybaum, und selbst wenn er im Namen des Rabbinerverbandcs spricht. Niemand seinen sonst ihm zusagenden Rabbiner verleiden läßt. Der jüngste gesetzestreue Rabbiner besitzt ja mehr Oualifieation, einen Rabbiner zu ernennen, als der Leugner der Offenbarung, Maybaum, einen solchen zu diskreditiren. Wir haben uns etwas länger bei den Thaten und Meinungen dieses jungen Blattes aufgehalten, weil es, abgesehen von seinen sonstigen großen Fehlern, jetzt schon den Typus vieler Wiener Gesetzestreuen zeigt, viel unnöthiger Lärm und überflüssige Erregung über nebensächliche Dinge, während das Bedeutendste und Heiligste auf dem Spiele steht. Die Wiener Gesinnungsgenossen haben es verlernt, aufs Große den Blick zu lenken, darum ist hier die Uneinigkeit unter Brüdern noch nicht zu bannen gewesen. Die Wiener Gesetzestreuen müssen endlich einmal alles Trennende vergessen, die Welt wird staunen, wieviel Großes sie tbs dann geeint vollbringen werden. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Berlin, 18. Mai. In einer Versammlung des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens berichtet der Vorsitzende, daß ein Vereinsmitglied den Vorstand darauf aufmerksam gemacht habe, daß die jüdischen Leiter des Budapester Operettentheaters in dem Stücke „Die letzte Ehre" jüd. Trauergebräuche öffentlich verspotten, ihre Vorstellungen beständig in antisemitischen Blättern ankündigen, trotzdem aber durch zahlreichen Besuch von Juden unterstützt würden. Sodann erklärte Herr Direktor Wilhelm Gold stein, daß er dasjenige Vereinsmitglicd sei, welches seiner Empörung über das Treiben des Budapester Unternehmers Herrenfeld und ihrer jüdischen Theaterbesucher Ausdruck gegeben habe und entschiedenes Vorgehen gegen dieses Treiben wünsche. Der Vorsitzende entgegnete, daß das einzig wirksame Mittel dagegen Selbsthülfe sei, und daß, wenn in diesen Vorstellungen Dinge, die den Juden heilig seien, herabgezogen würden, dieses Treiben aufhören würde, wenn kein Jude mehr solche Vorstellungen besuche.