Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 39-40 (18.5.1899)
- Date
- 1899-05-18
- Page
- Seite 757 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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767 tigsten Propheten, das wir am heiligsten Festtage im Gotteshause als Haphtara lesen, kündet und lehrt: „Wcnn Du dem Hungernden Brod reichst, den Bedrängten in Dein Haus aufnimmst, wenn Du beim Anblick eines Nackten ihn kleidest und Dich nicht entziehst Dem, btr Deines Fleisches ist, dann wird wie Morgenroth Dein Licht durchbrechen, Genesung Deiner Seele schnell ersprießen." Aber ungleich höher steht jene Großherzigkeit und jene Nächstenliebe, welche gegen Noth und Bedrängniß einen Schutzwall aufrichtet, den Fluthen von Jammer und Verzweiflung einen Damm entgegensetzt, ehe die Wogen hoch emporschlagen. Und für Den, der diese Bahnen wandelt, hat derselbe Prophet auch ein noch glänzenderes Bild gezeichnet in den Worten: „Wenn Du aus Deiner Mitte jeden Drang entfernst, wenn Deine Seele den Dürftigen labt und schmachtende Gemüther erquickt, dann strahlt im Dunklen Licht und Deine Finsterniß wird zur leuchtenden Mittagssonne. Der Ewige selbst leitet Dich dann für und für, nährt mit Seligkeit Dein Gemüth und wird erfrischen Deine Kraft." Wir misten es ja Alle sehr gut, daß der Mensch Reichthümer und irdische Schätze nur als ein Darlehen zu betrachten hat, welches Gott ihm gewährt und von dem er entsprechend dem göttlichen Gebote gute und verdienstvolle Werke üben und bethätigen soll. Wer so auf den Höhen des Glücks steht, wie es bei der verewigten Baronin von Hirsch der Fall gewesen — so wird Mancher denken — für den ist Wohlthun und Nächstenliebe ein Leichtes. Nun war freilich die Heimgegangene Baronin mit irdischen Reichthümern gesegnet, wie es selten ein Sterblicher ist. Allein, trotzdem war sie nicht glücklich, die göttliche Vorsehung legte ihr bittere und schmerzliche Heimsuchungen aus. Nun ist es nur zu bekannt und in der menschlichen Natur begründet, daß eigene Leiden den Menschen oft hart und unempfindlich machen gegen fremdes Weh und Elend. Die verewigte Baronin mußte den gräßlichen Schmerz erleben, einen blühenden Sohn, aus den sie die stolzesten Hoffnungen gesetzt, frühzeitig ins Grab sinken zu sehen; ihr Gatte wurde inmitten rüstiger, schaffensfroher Thätigkeit durch einen jähen Tod von ihrer Seite geristen, ein tückisches Leiden durchwühlte und verzehrte ihren Körper und legte sich als düsterer Schatten auf ihre letzten Jahre. Aber inmitten aller Seelenpein, ungeachtet ihrer schmerzvollen, physischen Qualen erlahmte sie nicht in ihrer philantropischen Arbeit, in der Thätigkeit, die sie sich als Lebensaufgabe gesetzt und bis zum letzten Athemzuge galt ihr Denken rin) Fühlen einzig und allein den Werken der Menschenliebe und in der Fürsorge für die Bedrängten und Gebeugten, denen ihr ganzes Leben ein Segen gewesen, hauchte sie ihre Seele aus. Die Völker unterscheiden sich von einander auch in der Art, wie sie ihre Großen der Nachwelt in einem Denkmal erhalten. Sie thun es meistens, indem sie prunkvolle, künstlerisch ausgearbeitete Monumente von Stein und Marmor errichten. Israel kennt diese Sitte nicht. Erz und Stein, Granit und Marmor, sie sind vergänglich und wie alles Irdische früher oder später dem Verfall preisgegeben. Israel ehrt seine Großen, indem es ihre Werke, ihre Thaten sich tief ins Herz prägt, indem es sie seinen Kindern und Enkeln als heiliges, unauslöschliches Vermächtniß überliefert. Indem wir unseren Großen und Edlen nachzueifern und nachzustreben bemüht sind, sichern wir am besten ihre Unsterblichkeit, ihr Fortbestehen für späteste Geschlechter. Wohl selten wird ein Staubgeborener wieder erstehen, der im Stande wäre, in dem Umfange, in der Fülle, wie di« verblichene Baronin von Hirsch Wohlthaten unter die Menschheit zu streuen. Allein, wenn Jeder nach seinen Kräften und nach Maßgabe seiner Verhältnisse sich bemüht, im Geiste und im Sinne der großen Todten zu wirken, von ihrer Feinfühligkeit und ihrem Seelenadel zu lernen, sich zu der Höhe ihrer idealen und heiligen Lebensauffaffung emporzuschwingen, dann wird das schönste und unvergänglichste Denkmal sein für die Fürstin im Reiche der Menschenliebe, für den zum Heile und zum Tröste der bedrängten Menschheit von Gott gesandten Engel: Frau Baronin Clara von Hirsch. Leipzig. Die gründliche Abfertigung, welche die Agitatoren gegen das Schächten im deutschen Reichstage kürzlich erfahren haben, hat nicht verfehlt auch auf die Verfechter unseres sächsischen Schächtverbots einigen Eindruck zu machen. Sie suchen die alten rostigen Waffen hervor, um eine verlorene, unmögliche Sache pro forma zu vertheidigen, aber es geschieht dies alles mit sehr geringem Erfolg. Die „Leipziger Zeitung" hat die sächsische Ministerial-Verordnung vom 21. März 1892 wieder in Erinnerung gebracht. Aber wenn es keine durchschlagendere Motive für ein Schächtverbot gibt, als die hier angeführten, dann ist es mit der Begründung herzlich schlecht bestellt. Soweit sich dieselbe speziell mit dem Schächten belaßt, lassen wir hier den Wortlaut folgen. Nachdem die Nothwendigkeit der Betäubung der Thiere auch vor dem Schächtschnitt eingehend betont wird, fährt die Verordnung fort: „Das Ministerium des Innern, bei welchem, nachdem diese Vorgänge bekannt geworden waren, nrehrere jüdische Gemeinden vorstellig geworden waren, hat die Lache in nochmalige reifliche Erwägung gezogen, hat jedoch die von letzterer Seite erhobenen Einwendungen, insbesondere auf Grund anderweiten Gutachtens der Eommission für das Veterinärwefen nicht für durchschlagend zu halten vermocht