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Der Israelit · 1899-05-18 · Heft 39-40 (18.5.1899) · p. Seite 756

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 39-40 (18.5.1899)
Date
1899-05-18
Page
Seite 756 (sequence 26)
Language
German
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"-SS durch hervorstechende Eigenschasten und Gepflogenheiten, durch Uebung von Sitten und Gebräuchen von einander unterscheiden, so gehen ihre Wege auch auseinander in dem Punkte, wie sie und aus welchen Ursachen sie ihre Großen als Solche anzuerkennen pflegen una wie sie dieselben feiern. Das eine Volk würdigt besonders Diejenigen, welche auf der Wahlftatt in blutigem Ringen den Kranz der Tapferkeit sich umS Haupt gt wunden und mit ocn Waffen glorreiche Siege erstritten haben, ein anderes Volk stellt diejenigen, welche auf dem Gebiet der reinen Wahrheit und des geistigen Erkennens Hervorragendes geleistet, am höchsten, andere Nationen erkennen den Künstlern, welche im Reiche des Schönen und Erhabenen herrschen und schaffen , die höchsten Ehren zu. Auch das jüdische Vo k ehrt seine tapferen Helden, es feiert seine großen Philosophen und Dichter, es blickt mit Bewunderung auf zu Denen, die der Genius der schönen Künste sich als Lieblinge erkor, aber den höchsten Preis, die größte Hochachtung erkannte und erkennt es immer zu Denjenigen, welche die reinsten Herzenslugenden entfalteten, welche in Edelsinn und Hochherzigkeit als Muster und Vorbild voranleuchten. Und darum sei es für das jüdische Volk unabweisliche Pflicht, in Liebe, Bewunderung und Verehrung zu gedenken der fürstlichen Wohlihäterin der gesammten Menschheit, der verewigten Baronin Klara von Hirsch. Wir leben in einer schwer bewegten Zeit. Wo man hinblickt, klaffen Gegensätze, nimmt man widerstreitende Interessen und Disharmonien wahr. Aus dunklen, nächtlichen Tiefen, steigen herauf schattenhafte, unheimliche Gestalten, welche die Eultur-Errungenschaften, die gesellschaftliche Entwickelung von Jahrhunderten umzustoßen und zu vernichten drohen. Es ist die brennende, schicksalsschwere Frage, genannt die soziale Frage, an der gekrönte Häupter, Staatsmänner, Philosophen, Parteiführer und Volksmassen seit Jahrzehnten ihren Witz versuchen und über die sie sich den Kopf zerbrechen, wie es zu bewerkstelligen sei, daß die Reichen und Mächtigen an Besitz und Bedeutung nicht immer mehr und mehr zunehmen, daß die Schwachen und Besitzlosen nicht immer geringer und elender würden. Da empfehle es sich, den Inhalt des Wochenabschnittes (wpra -.m) zu prüfen und zu erfassen. Hier zeichnet das göttliche Gesetz die Wege vor, auf welchem zu dem heiß umstrittenen Ziele, zur Lösung der sozialen Frage, zur Ausgleichung der Gegensätze zwischen Hoch und Nieder zu gelangen ist. Da finden wir ganz besonders in erwähntem Wochenabschnitte einen Satz, der uns als Grundregel, als Lebensprogramm auf dem Gebiete der Nächstenliebe und des Wohlthuns gelten sollte, den Satz: -pn« -pir .7» ■>m 15 n nptnm -jov w rram „Wenn Dein Bruder neben Dir abkommt und seine Hand sinken läßt, so unterstütze ihn, auch der Fremde und Zugezogene soll bei Dir leben können." Von dieser Lehre war — bewußt oder unbewußt — die ganze werkthätige Mildherzigkeit, die Lebensarbeit ver Baronin von Hirsch geleitet. Was sagt uns der obenerwähnte Satz aus der heiligen Schrift? Unterstütze Deine Mitmenschen, so lange sie noch neben Dir stehen, wenn sie noch nicht gesunken sind, sondern erst zu sinken drohen, wenn noch die Möglichkeit vorhanden, daß sie sich dann selbst wieder emporrichten und aus eigener Kraft ihrem Ziele wieder zuitreben können. Eine Wunderblume im Garten der jüdischen Nation war von jeher das jüdische Herz. Gewiß, was man auch immer unserem Volke zum Vorwurfe machen konnte, was die gottbegeisterten Männer und Propheten mit der Zuchtruthe ihres Mundes rügten und geißelten, von einem herzlosen, gefühlsrohen Israel konnte wohl nie die Rede sein. Auch heute apprllirt man an das jüdische Herz selten vergebens, unsere Glaubensgenossen geben fast bei allen Gelegenheiten der Eine mehr, der Andere minder, je nach Lage ihrer Verhältnisse. Allein die heilige Schrift will uns vor die Seele halten: Es kommt nicht bloß daraus an, ob und wie viel der Mensch gibt, sondern viel mehr darauf, wann und wie er gibt. Run die verewigte Baronin von Hirsch wird für das „Wann" und „Wie" wohl als unerreichtes Vorbild dastehen. Ihr Streben war es, helfend einzugreifen, bevor Jammer und Roth sich in ihrer ganzen erschreckenden Gestalt gezeigt, der Armuth und dem Elend vor zubauen, durch ungezählte Millionen Goldes und durch ein Heer von Humanitäts- Anstalten Hunderttausenden Gelegenheit zum Ausbau einer Existenz zu bieten, zum Fortkommen durch redliche Arbeit zu verhelfen, die Enterbten des Glückes an die Quellen der Bildung und des Wissens zu leiten, damit sie sich selbst die Grundlage schaffen für ihr künftiges Gedeihen und für ihr einstige Wohlfahrt, und da beschränkte sie sich nicht allein auf die Brüder ihres Glaubens, die ganze Menschheit hatte sie vielmehr in ihr Herz geschlossen, wie unser erwähntes Texteswort es vorschreibt: „Auch der Fremde und Zugezogene soll bei Dir leben können." Wie gleichen doch so oft die Herzen der Menschen dem Schranke, in welchem ihre Schätze, ihre Kostbarkeiten geborgen sind. Es bedarf eines eigenartig konsiruirten, eines kunstvoll gearbeiteten Schlüssels, um den Zugang zu erreichen. Vielen muß erst das Unglück als erschreckendes Gespenst erscheinen, die Verzweiflung muß erst in herzzerreißenden Tönen an ihr Ohr dringen, ehe sich ihre Hand aufthut, um der Roth und dem Jammer abzuhelfen. Gewiß, auch diese Art des Wohlthuns ist verdienstvoll und gottgefällig, wie uns das Wort des redegewal-

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