Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 39-40 (18.5.1899)
- Date
- 1899-05-18
- Page
- Seite 734 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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734 wacht, und hätte niemalnach Form und Inhalt moderne Gestalt annehmen können, wenn die Literaten in ihrer Jugend nicht nach antiquem Schnitt „gelernt" hätten. Wenn dieselben ihr so gewonnenes Wiffen dann mißbrauchen, um Steine in die Brunnen zu werfen, aus dem sie getrunken, so ist das ein eigener Geschmack, den außer den Unterzeichnern dieses Aufrufs wohl wenige nachahmenswert^ finden werden. Zunächst mag man bescheidene, aber recht starke Zweifel hegen, ob die angepriesene fachkundige Leitung und die moderne Lehrmethode, der alten Lernmethode den Rang streitig machen wird. Einstweilen erscheint das ganze Unternehmen, wie ein Dach ohne Unterbau, kurz als vornhinein verfehltes, falls e» noch einen anderen Zweck hat, als die Aufspürung eines neuen Gebiets auf dem sich Juden und Namenjuden finden können. „In unseren Tagen", so beginnt der Aufruf, „da auf allen Gebieten dejüdischen Lebens der kraftlose Jndiffe rentismus zu weichen beginnt, muß auch die bedauerliche Gleichgiltigkeit gegen die Sprache unserer Väter schwinden." „Die Sprache der Väter!" Für oie Sprache der Väter schwärmen da Männer, denen sonst das Leben der Väter, das heilige Erbe der Väter, als ein überwundener Standpunkt, als etwas Altväterisches gilt. Es sind darunter Leute, die für Verlegung des Sabbat auf den Sonntag schwärmen, bei denen es fraglich ist, ob sie nur ihre Kinder in das Abrahambündniß eingeführt haben und die sich nun plötzlich für die Sprache der Väter nicht nur begeistern, sondern diese Begeisterung sogar auf andere übertragen wollen. „In ihr ist unser heiliges Schriftthum verfaßt, die Grundlage menschlicher Bildung und Gesittung." Das sind wunderliche Heilige, deren Mund unser Schriftthum heilig spricht, während die That ihres Lebens den Inhalt dieses Schriftthums weit von sich weist und geradezu verleugnet. Selbstverständlich fehlt in einem Aufruf hujüs generis auch die stehende Redensart nicht, daß das Unternehmen unabhängig von allen Parteiungen im Judenthum ist und lediglich den Zwecken der jüdischen Gesammtheit dient. Man kennt diese Redefloskel bereits aus den Versicherungen des Gemeindebunde« und des Nabbinerverbandes und weiß, was man von ihr zu halten hat. — Es verlohnte sich nicht über die ganze Machenschaft ein Wort zu verlieren, wenn nicht auch ein oder zwei Namen von jüdischem Klang sich unter den Entrepreneuren befänden. Wenn es den Herren wirklich gelingen sollte, die Liebe zur hebräischen Sprache unter den Berliner Juden zu wecken, sie weckten mit dieser Liebe aber auch die Verachtung für die göttlichen Satzungen, die in dieser Sprache niedergelegt sind, wie sie ein großer Theil dieser Herren durch ihr Thun und Lassen öffentlich bekundet, dann kann kein Einsichtiger daran zweifeln, daß es besser wäre diese Liebe schliefe weiter. Jede Seele, die durch diesen neuen Mischmasch für die heilige Sprache gewonnen wird, für unsere heilige Sache aber verloren geht, habm diejenigen auf dem Gewissen, die hier als Koscherzettel wieder ihres bekannten Amtes walten. Sie meinen es ohne Zweifel wieder bw Deßhalb gibt es aber doch ohne Zweifel bessere Ziele und bessere Gesellschaft, um sein Streben v've» txh zu documentiren. Köln, 5. Mai. Der heute verstorbene Kardinal- Erzbischof Krementz war ein Mann, dessen hervorragenden Charakterzüge Milde und Anspruchslosigkeit, gepaart mit allgemeiner Menschenliebe es verdient, daß auch wir seiner mit hoher Verehrung gedenken. Gerade vor einem Vierteljahrhundert äußerte er sich als Bischof von Ermeland in einem Hirtenbriefe: „Unser Kampf besteht nicht in erbittertem Streiten, nicht in der Begierde nach Wredervergeltung erlittener Unbilden, sondern in der eifrigen Vertheidigung des Rechts und der Wahrheit". Wer solche Friedesworte als leitenden Grundsatz für seine Glaubensgemeinschaft ausgesprochen, hat sich auch unsere Dankbarkeit erworben zu einer Zeit, da uns der Kamps von unfern erbitterten Feinden aufgedrungen ward, und wir jenes Grundsatzes auch für uns in der Vertheidigung der Wahrheit und des Rechtes selbst bedurften. Erzbischof Krementz zeigte sich stets als warm fühlender Beistand der Bedrückten, so besonders auch im Jahre 1892, als unter dem Druck einer Verfolgung viele Tausende russischer Juden aus ihrer Heimath flüchten mußten. Damals schrieb der edle Herr dem Rabbiner der Synagogen G meinde Köln, Herrn Dr. Frank: Köln, den 10. Januar 1892. An dem traurigen Lose Ihrer verfolgten StammeSgenossen nehme ich um so herzlicheren Antheil, als wir Katholiken die unablässige grausame Bedrückung unserer polnischen und ruthenischen Glaubensgenossen dortselbst auf das schmerzlichste empfinden. Ich kann den edlen Bestrebungen der Komitees, welche den au$ ihrer russischen Heimath indirekt Vertriebenen ein anderweitiges Unterkommen zu beschaffen sich bemühen, nur den besten Erfolg wünschen. In hochachtung-voller Ergebenheit Dr. Ph. Krementz, Erzbischof von Köln. Im Friihjahr 1893, als der Rabbiner und die Vorsteher der Synagogen-Gemeinde Se. Eminenz die Glückwünsche der jüdischen Glaubensgemeinschaft zu seiner Erhebung in die Kardinalswürde aussprachen, dankte der Kirchenfürst mit freundlichen Worten und sagte, er werde nach wie vor ein Schirmer des Friedens unter den Konfessionen sein und fuhr fort: „Mögen wir in unserer religiösen Ueberzeugung auseinandergehen, damag jeder Mensch mit seinem Gott ab-