Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 39-40 (18.5.1899)
- Date
- 1899-05-18
- Page
- Seite 733 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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733 War der Elimelech ein so hervorragender Mann, warum verließ er die Heimath? Noch schwieriger erscheint ein Ausspruch des Rabbi Me'ir im Midrasch, der in einer scheinbar sehr gesuchten Weise die Namen im Buche Ruth zu erklären versucht: mv» 'oyj :ntrx ctr: mzbo xsn 'bx iNx mir -sbv'bx i*o fftojB* p^no ,p'by pbm ros w Dir: czryji nyj nwo .B^vn |0 iSmip p^ai ,D^vn „Eilmelech bedeutet: er sprach: ich will König werden, Noomi, weil ihre Thaten lieblich waren, Machlon u. Kiljon, weil sie den frühen Tod verdient halten." Diese Erklärung der Namen ist um so auffallender, als doch gewiß Rabbi Me'ir unmöglich angenommen haben kann, die Ellern Elimechs hätten schon, als sie ihrem Sohne den Namen gaben, voraus gewicht, daß er ehrgeizig, oder Elimelech hätte schon durch den Namen seiner Söhne bekunden wollen, daß sie nichtswürdig sein würden. Alle diese Schwierigkeiten lösen sich, wenn wir an die einleitenden Worte des Buches Ruth denken: Es war zur Zeit, da man die Richter richtete, wozu unsere bemerken: rcci» nx bbiw m. „Wehe dem Geschlecht, das seine Richter richtet." Das jüdische Volk hatte damals keinen König. Richter beherrschten das Volk, die vom Volke gewählt wurden. Mit einer solchen Richterwahl beginnt das Buch Ruth. „Es war zur Zeit, da man die Richter richtete." Denn wenn es noch in unseren Tagen bei Wahlen heiß hergeht, die verschiedenen Parteien mit erlaubten und unerlaubten Mitteln sich einander befehden, die Männer, die von der einen Seite auf den Schild erhoben werden, von den Gegnern angegriffen, herabgesetzt und oft beschimpft und in den Staub gezogen werden, wie mag es erst in der damaligen Zeit gewesen sein, wo keine feste Autorität die Leidenschaften im Zügel hielt, wo es sich um das höchste, einflußreichste Amt, das die Nation zu vergeben hatte, um die Wahl des Richters handelte. Wie viele Parteien mögen sich damals gebildet, wieviel stürmische Volksversammlungen stattgesunden, wie mag man die Richter gerichtet, ihre Fehler und Mängel öffentlich hervorgehoben und ihr ganzes Leben mit den Augen des Haffes und des Neides durchforscht haben! Auch Rabbi Me'ir hat sich mit der Frage beschäftigt, wie es möglich gewesen, daß ein edler und bedeutender Mann, wie Elimelech, sein Vaterland verlaßen, und er antwortet, indem er an die Bedeutung der Namen seiner Meinung anlehnt. Elimelech hatte gesprochen: „Zu mir soll das Königthum kommen, ich will König werden." Elimelech bewarb sich um das Amt des Richters, und als er bei der Wahl übergangen wurde und sich in seinen ehrgeizigen Plänen getäuscht sah, da grollte er seinem Volke: und da nun eine Zeit des Hungers über das das Land kam, vermochte er es nicht über sich, n- Schlimmes mit Gutem zu vergelten. Lieber verließ er die Heimath, um nicht denjenigen Wohlthaten spenden zu müssen, die sich, wie er meinte, so undankbar gegen ihn benommen. Doch warum blieb er nicht im Lande und verschloß den Armen die Thüre? Das konnte der Gatte der Noomi nicht, nwi mir, die durch Thaten der Liebe ausgezeichnet, gewiß auch gegen den Willen ihres Gatten ihrem edlen Herzen gefolgt wäre. Aber warum hatte das Volk Elimelech verschmäht? Rabbi Me'ir glaubt seiner Söhne wegen, die sich als unedel und schlecht erwiesen. * * * (Schluß in der ersten Beilage.) ZeilungKnachrichten und Correspondenzerr Deutschland. Berlin. (Berliner Briefe VII.) Im wunderschönen Monat Mai hat der hiesige Verbrüderungs- Dusel eine neue Blüthe getrieben: Hebräische Sprachkurse. Der Aufruf dazu geht von Männern aller Richtungen aus; von der radikalsten Reform bis zum äußersten Conservatismus. Beinahe hätte ich Orthodoxie gesagt, aber die Scheu vor einem offiziellen Dementi hat mich das böse Wort noch rechtzeitig unterdrücken lasten. Orthodoxe gibt eS hier nämlich nicht mehr. Noblesse oblige. Seitdem es außerhalb der Johannesstraße keine Reform und keine Reformer mehr gibt, hören unsere Orthodoxen auch auf diesen Namen nicht mehr —, sie sind konservativ. Meinetwegen; in dieser Gesellschaft ist auch konservativ noch orthodox genug. Als ich diese Gesellschaft musterte uud damit die hochtrabenden Phrasen ihres Aufrufs verglich, habe ich unseren großen Altvordern im Stillen Abbitte dafür gethan, wenn ich früher ihr Mißtrauen unbegreiflich fand, welches sie den pnp-i und denjenigen entgegen brachten, welche sich auf das Studium der heiligen Sprache capricirten. Man weiß es zwar schon von unseren nationalen russischen Juoen her, daß man ein vollkommenes Hebräisch schreiben und dabei ein vollkommener ton»* sein könne. Das Gros der Unterzeichner dieses Aufrufs strebt erst das Hebräische an, das die russischen Nationaljuden bereits beherrschen; im übrigen jedoch sind sie ihnen, was die Hauptsache betrifft, gleich. Eine Kleinigkeit übersehen unsere Berliner Sprachschwärmer. Wenn es ihnen plötzlich der Osten angethan hat, über den sie sich sonst thurmhoch erhaben glauben, so hat's mit dem dort neu erwachten Leben der hebräischen Literatur seine eigene Be^ wandtniß. Sie wäre dort nie zu diesem Leben er-