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Der Israelit · 1899-05-18 · Heft 39-40 (18.5.1899) · p. Seite 732

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 39-40 (18.5.1899)
Date
1899-05-18
Page
Seite 732 (sequence 2)
Language
German
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732 Warum, so fragen wir, sollen alle Völker Gott preisen, weil er über Israel seine Liebe hat walten lassen? Allerdings dürfen wir 'r nicht mit „denn", wir müssen es vielmehr mit „obgleich" übersetzen. Alle Völker fordert der Psalmist auf, Gott zu rühmen. Denn, obgleich Gott das ganze Füllhorn seiner Liebe besonders über Israel ausgegossen und das jüdische Volk wie auf Adlersftt Ligen durch die Jrrgänge der Geschichte getragen hat, so kommt doch das, was Israel ausgezeichnet und für dessen Verbreitung es erhalten worden ist, der ganzen Menschheit zu gute, „denn die Wahrheit Gottes (die Thora) ist für ewig und alle Völker der Welt sollen sie dereinst besitzen." * * * Zu einer anderen Erklärung führt uns die Erwägung, daß wir am nwnv-fiefte nur der znSzv nun, der schriftlichen Lehre geoenken. Aber neben dieser besitzen wir die nv bp22> min, die mündliche Lehre, die ebenfalls göttlichen Ursprungs ist und für uns als der Ausdruck des göttlichen Willens Verpflichtungskraft hat. Ohne diese mündliche Lehre wären wir kaum im Stande, eine einzige nnw richtig auszuüben. Woher würden wir die Gesetze der nv'nw kennen, da sie in der Thora nur angedeutet? Woher wüßten wir, welche Pflanzen wir am riwv-Feste in den d'J’o nt*, dem Pflanzenbande, vereinigen, welche Abschnitte der Thora in den p^cn enthalten sein müssen, wenn nicht die „mündliche", in Mischna und Talmund niedergelegte Lehre uns Auskunft darüber gäbe? Ueberall tritt die mündliche Lehre ergänzend und erklärend an die Seite des schriftliches Gotteswortes. Nirgends aber zeigt sich die mündliche Lehre so in ihrer souveränen, göttlichen Machtvollkommenheit, wie bei der Auslegung des Gesetzes, welches dem Buche Ruth zu Grunde liegt. 82' *6 nnw in dj "7 $n[52 '28M 'Jioy 82' ab obw "7 S-!p2. „Ein Ammonite und Moabite darf nicht in die Gemeinde Gottes kommen, niemals darf hier von ihnen, auch nicht ein zehntes Geschlecht, in die Gemeinde Gottes kommen." So gebietet mit dürren Worten die Thora. Die mündliche Lehre aber erläutert die schriftliche, indem sie erklärt: 'Jioy ,ii'2xic x^i *2x10 rrjToj? 8^7 nur männliche Glieder dieser Nation sind ausgeschlossen von der Gemeinschaft mit dem Gottesvolke, die Frauen aber dürfen ins Judenthum ausgenommen werden. Nur auf Grund dieses Gesetzes der mündlichen Lehre war es möglich, daß Ruth die Gattin des Boas, die Stammmutter Davids werden konnte. Darum also wollen wir am Feste! der Offenbarung das Buch Ruth lesen, damit wir I über die schriftliche nicht die mündliche Lehre ver- ' gessen, deren Größe und Machtvollkommenheit wir nirgends so klar wie hier erklären können.- Es war zur Zeit des Richtens der Richter, zur Zeit einer Hungersnoth, so beginnt das Buch Ruth, da zog ein Mann, Namens Elimelech, von Bctlehem fort, er und seine Frau und ihre beiden Söhne und ließen sich im Lande Moab nieder. Warum verließ Elimelech die Heimath, warum suchte er das Land der Heiden, der feindlich gesinnten Moabiter aus? Raschi beantwortet diese Frage, indem er darauf verweist, daß damals eine Hungersnoth im Lande herrschte. Elimelech aber war egoistisch und geizig, er fürchtete, die Armen würden ihn mit der Bitte um Brod bestürmen, darum zog er es vor, das Land zu verlassen und nach Moab überzusiedeln. Dieser unjüdische Charakterzug der Hartherzigkeit gegen nothleidende Brüder will uns um so seltsamer erscheinen, als Elimelech selbst von Raschi ein onc mn ein Führer seiner Zeit genannt wird. Auch hätte einer, der so hartherzig war, daß er seine Reichthümer zu den Feinden seines Volkes trug, um nur die Armen nicht davon genießen zu lassen, ruhig im Lande bleiben können, und Niemand, wenn nicht sein eigenes Gewissen mahnend in ihm die Stimme erhob, hätte ihn gezwungen, von seinen Schätzen den Nothleidenden mitzutheilen. Daß Elimelech wirklich ein durch Charaktereigenschaften hervorragender Mann war, geht auch aus einer Stelle im Buch Ruth selbst hervor. Als er starb, heißt es nämlich rrj2 jo«: xti ■wm „die Frau blieb zurück mit ihren beiden Söhnen", wozu unsere Weisen im Midrasch die überaus seltsame und schwer verständliche Bemerkung machen nxwy: rrnjs 'i'trD „wie die Ueberrefte des Mincho Opfers." Mein verehrter Lehrer, Rabb. Dr. Hildesheimer J' hat diesen Midrasch in geistreicher Weise erklärt. Das Wort ixt? heißt im Hebräischen „Rest" in dem Sinn, wie es im Deutschen gebraucht wird, wenn von einem Gegenstand der größere Theil fortgenommen wird und nur ein kleiner Theil zurückbleibt. Darum finden es unsere Weisen eigenthümlich, daß hier der Ausdruck gebraucht wird: „Noomi blieb übrig mit ihren beiden Söhnen", da doch nur einer, Elimelech, aus dem Kreise der Seinen genommen war und drei Familienmitglieder zurückgeblieben waren, und sie machen die Bemerkung: wie die Reste des Mincho- Opfers, von welchem der Priester nur die wcp, eine Handvoll, also ein klein wenig auf dem Altar darbrachte, während der übrig gebliebene große Theil als Ueberrest betrachtet und bezeichnet wird, weil das Wesentliche eben jene kleine Menge war, mit der die eigentliche Bestimmung des nrue erfüllt worden war, ebenso war Elimelech allerdings nur einer, aber dennoch war mit seinem Tode den Seinen die Krone vom Haupte gefallen, der Glanz des Hauses war dahin und nur ein „Rest" war noch von der einstigen Herrlichkeit geblieben.

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