Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 37-38 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 726 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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726 dem Käufer um so erstrebenSwerther, je lieber der Kaufmann sie für sich behalten möchte. „Aber Sie glauben doch an die Wahrheit und Vortrefflichkeit Ihres JudenthumS. Sie müffen demnach doch annehmen, daß dasselbe einmal Gemeingut der ganzen Menschheit werden wird, wie sollte das je möglich sein, wenn alle so handeln wollten, wie Sie jetzt mir gegenüber handeln?" Lächelnd erwiederte der Rabbiner: „Ich kenne einen sehr reichen, geizigen Mann, der noch nie einen nach Hilfe Suchenden mit einer Gabe erfreute. Ein dreister Armer, welcher ebenfalls mit der stehenden Redensart: „Ich gebe principiell nichts!" abgewiesen worden war, fragte darauf den Geizhals: Sie geben doch zu, daß das Geld ein Kommunikationsmittel ist, daß es lediglich den Zweck hat, den geschäftlichen Verkehr zu vermitteln und zu erleichtern, daß es diesen Zweck verfehlt, so lange es in eisernen Truhen todt daliegt, daß es ihn erst erfüllt, wenn es in lebendigem Verkehr unter den Leuten circulirt; wenn aber alle Welt mit ihrem Gelde so an sich halten wollte, wie Sie, wie würde das Geld seinen Zweck als Verkehrsmittel erfüllen, wie käme es unter die Leute? Der Geizhals schmunzelte und meinte er wäre der glücklichste Mensch der Welt, wenn ihn keine Sorgen quälten als diese. Sie sei aber jedenfalls nicht stark genug um ihn zu bestimmen, sein Geld unter die Leute zu werfen. Wenn aber den Frager diese Frage keine Ruhe laffe, so könne er ihn versichern, daß schon anderweitig dafür gesorgt sei, daß das Geld ins Rollen und in die Welt käme. — Sehen Sie, verehrtes Fräulein, ich bin auch ein Geizhals dieses Schlages, der fest an seinen heiligen, idealen Gütern hängt. Ob und wie diese einst unter die Welt kommen, das hat mir noch wenig graue Haare gemacht. Das überlaffe ich dem, zu dessen Ehre ich dieses heilige Gut treu bewahre." „Dann müffen aber nach Ihrer Ansicht auch alle unsre Missionsbestrebungen tadelnswerth sein, und Sie werden doch den segensreichen Erfolg nicht bestreiten, den diese Verbreitung des alten und neuen Testaments unter den Heiden und Wilden zu verzeichnen hat?" „Wenn ich ihn auch bestritte, so brauchte für Sie da- Urtheil eines Rabbiners über speciftsch christliche Angelegenheiten nicht maßgebend zu sein. Aber ich bestreite ihn nicht einmal. Man mag über Christenthum und Judenthum denken, wie man immer will, daß das letztere vielseitigere und größere Anforderungen an seine Bekenner stellt als das erstere, daß da- Judenthum schwerer zu erfüllen ist als das Christenthum, darüber dürsten alle einig sein. Wenn ich also wirklich der Ansicht wäre, daß das Judenthum einst Gemeingut der ganzen Menschheit würde, so könnte ich mich der Verbreitung des Christenthums unter den Heiden nur freuen und müßte darin einen großen erfreulichen Fortschritt erblicken." Christine hatte gehofft, den Rabbi zu einer Verurtheilung einer christlichen Einrichtung zu drängen, um daran wiederholt die Bitte zu knüpfen, ihr doch von der Lossagung von einer solchen Religion behülflich zu sein. Aber die kluge, duldsame Sanftmuth des ehrwürdigen Greises hatte sie so vollständig entwaffnet, daß sie die religiöse Disputation aufgab und wieder versuchte direkt auf ihr Ziel loszusteuern. „Wie können Sie aber behaupten", fragte sie plötzlich, „daß der Eintritt ins Judenthum so schwer ist, erst vor wenigen Wochen hat doch Fel. Zugmüller von der großen Oper sich zum Judenthum bekehrt, um einen jüdischen Herrn zu heirathen?" „Es ist mir darüber nichts Näheres bekannt, obwohl ich hörte, daß die Zeitungen über den Fall berichteten. Ich hatte damit nichts zu thun, ich weiß nicht einmal, ob die Aufnahme hier erfolgt ist. Vielleicht, daß der Prediger der Reformgemeinde die Sängerin aufgenommen hat. Derselbe hat wenigstens schon Proseliten ins Judenthum ausgenommen." „Es gibt also bei Ihnen auch verschiedene Judenthümer, wie das Christenthum in Confessionen getbeilt ist? Das ist mir neu; und wie heißt der Rabbiner der reformirten Confefsion?" „Er heißt Dr. I. in der.straße, unmittelbar neben dem neuen Tempel." „Ich bin Ihnen für diese Mittheilung sebr dankbar," sagte Christine, indem sie sich erhob. „Ich glaube, daß ich dort rascher zum Ziele kommen kann." „Vielleicht!" erwiederte ernst der Rabbi. „Sie sind jung und mit einer Leidenschaft erfüllt, die auch erfahrene Leute unfähig machen könnte, die Wahrheit zu erkennen. Rehmen Sie von einem alten Manne einen ernsten Rath an und treiben Sie kein frivoles Spiel mit dem Allerheiligsten! Brechen Sie nicht mit der Religion Ihr e r Eltern und mit diesen selbst und zittern Sie davor, dasBekenntniß eineranderen Religion zu heucheln; das wird nicht ungestraft bleiben!" „Besten Dank für Ihren freundlichen Rath, entschuldigen Sie die Störung!" Mit diesen Worten verließ sie den Rabbi, und ließ ihre Droschke direkt zu Dr. I. fahren. III. Herr Dr. I. war ein liebenswürdiger, kahlköpfiger glattrasirter Herr, der sich ungemein von dem hohen Besuche des adligen Fräuleins geschmeichelt fühlte. Als Elvira ihm den Zweck ihres Besuchs erzählt hatte, reichte, er ihr väterlich die Hand, beglückwünschte sie zu dem heroischen Entschluffe das Judenthum anzunehmen und versprach ihr in allen