Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 37-38 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 725 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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als sie gar keine große Freude über diesen Entschluß bei dem Greise gewahren konnte! Leutselig erwiederte der Greis: „Wie ich aus Ihrer Visitenkarte ersehe, gehören Sie einer bekannten Familie von altem Adel an; was veranlaßt Sie zu einem so bedeutungsvollen Schrittes" „Ich möchte einen jüdischen jungen Mann heirathen, den ich von ganzem Herzen liebe, dessen Eltern aber nicht in eine Ehe mit einer Christin willigen." „Ah', ich ahnte so etwas; nachdem Sie mir nun meine Ahnung selber als zutreffend bestätigen, erkläre ich Ihnen, Sie können niemals Jüdin werden." „Warum nicht?" fragte Christine erstaunt. „Unsere Religion gestattet die Aufnahme von Proselylen nur in seltenen Fällen. Ich bin heute über siebzig Jahre alt, aber von den vielen, welche mich im Laufe der Jahre um Aufnahme in den Bund Abrahams ersuchten, habe ich nicht eine einzige Person gefunden, die die erforderliche Qualifikation gehabt hätte." „Und was wären die Bedingungen, die Ihre Religion verlangt?" fragte etwas schnippig Christine. „Zunächst Nluß die Gewißheit vorhanden sein, daß die Liebe zur Wahrheit, wie sie das Judenthum lehrt, das einzige Motiv für den Religionswechsel ist. Die bloße Behauptung, von diesem Motiv beseelt zu sein, darf dem gewissenhaften Rabbiner nicht genügen. Es gehört oft eine schwierige, langjährige Beobachtung dazu, um über alle Zweifel festzustellen, daß es nur die Liebe zum Judenthum ist, welche einen solchen Entschluß zur Reife gebracht hat." „Wer sagt denn, daß ich keine Liebe zum Judenthum hätte?" i „Sie selber, mein gnädiges Fräulein, sagten es mir ja, daß es die Liebe zu einem jüdischen jungen Manne ist, die Sie bestimmt. Das Judenthum können Sie schon deßhalb nicht lieben, weil Sie es nicht kennen. Werden Sie aber erst die Ansprüche kennen lernen, die es an seine Bekenner stellt, so wird die Schwierigkeit, ihm gerecht zu werden, gewiß alles andere leichter zur Folge haben, als Liebe. Jedoch selbst angenommen, Sie würden das Judenthum auch wirklich lieben, o würden Sie es eben nur auch lieben. Ihre erste Liebe gehörte Ihrem Geliebten und sie bliebe doch das erste und wahrscheinlich einzige Motiv Ihres Jntereffes für das Judenthum. Deßhalb ist für Sie jede Möglichkeit ausgeschlossen, je Jüdin werden zu können." „Gestatten Sie mir noch eine Frage?" „Gewiß, ich stehe gerne zu Ihren Diensten." „Wenn Sie die Ueberzeugung erlangt hätten, daß ausschließlich die Anhänglichkeit an das Judenthum meine Bekehrung zu ihm bestimmt, würden! Sie mich dann ausnehmen?" I „Auch dann könnte ich Ihrem Wunsche nicht ohne weiteres entsprechen. Dann wäre es meine! Pflicht, Sie auf die weitgehenden Folgen aufmerk-! sam zu machen, die ein solcher Schritt für Sie haben I muß. Sie verlassen die herrschende Staatsreligion, in welcher Sie geachtet und geehrt dastehen, und schließen sich einer Religion an, deren Bekenner so viele Zurücksetzungen, Kränkungen und selbst Verfolgungen gerade wegen ihres religiösen Bekenntnisses zu erdulden haben. Warum sollten Sie das thun? Wenn Sie Ihrer Religion treu bleiben und ihren Satzungen gemäß einen frommen Lebenswandel führen, so können Sie des einstigen Lohnes der ewigen Seligkeit sicher sein, nach der Lehre des Judenthums. Es verdammt nicht die Bekenner anderer Religionen, es lehrt vielmehr, daß die Frommen aller Völker Antheil am künftigen Leben haben. Warum sollten Sie sich das Leben dieser Welt so leichthin verkümmern? Für uns, die wir als Juden geboren sind, wäre das Vertauschen der Väterreligion mit einer anderen, allerdings ein schweres Verbrechen. Aber für Sie liegt kein Grund vor, Ihre! Religion aufzugeben und die Erschwerungen mit der Verantwortlichkeit hinzunehmen, die sich an Ihren Eintritt in das Judenthum knüpfen würden. Für uns, die wir darin geboren und erzogen wurden, verdienen diese Erschwerungen kaum diesen Namen, aber wenn Sie sich diesem Regime unterziehen wolltet!, in Speise und Trank, was die Heilighaltung der Sabbate und Feiertage und viele andere Satzungen betrifft, Ihnen müßte cs in der That schwer, wenn nicht geradezu unmöglich sein, allen diesen Verbindlichkeiten gerecht zu werden. Wollten Sie aber die betrübend große Zahl der Juden noch vermehren, die es nur dem Namen nach sind, die sich aber in Wirklichkeit über die Satzungen ihrer Religion hinwegsetzen, dann mögen Sie vor dem strafenden Unwillen desjenigen zittern, der ein solch frivoles Spiel mit dem Allerheiligsten nicht ungeahndet lassen wird!" „Verzeihen Sie, ehrwürdiger Mann, ich bin ganz überrascht über jedes Wort, das ich von Ihnen höre. Ich sehe wohl ein, daß man seine Religion nicht wechselt wie ein Kleid; aber ich begreife nicht, wie Sie Jemand abwendig machen können, von einer Religion, von deren Wahrheit und Vortrefflichkeit Sie doch selber am meisten überzeugt sein müssen?" „Was einem lieb ist und theuer, drängt man anderen nicht auf. So handelt man selbst nicht bei materiellen Gütern, um wie viel mehr bei idealen. Seine schlechte Waare muß der Kaufmann anpreisen, die gute spricht durch ihren eigenen Werth und wird