Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 37-38 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 727 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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727 Beziehungen hilfreich zur Seite zn stehen. Er wolle sie selber unterrichten und alles thun, um sie möglichst bald ihren Zielen entgegen zu führen. Christine hatte nun verschiedene Bedingungen zu stellen. Erstens solle die Sache zunächst strenges Geheimniß bleiben. Sie wollte ihren Geliebten mit ihrem Judenthume überraschen. Seine Ellern halten ihm nämlich die Mittheilung gemacht, daß sie ihn demnächst verheirathen wollten. Er hatte dieselben gebeten, ihm noch vier Wochen Frist zu gönnen. In dieser Zeit wollte er mit seiner Geliebten den Plan entwerfen, wie sie sich beide der elterlichen Gewalt entzieh n und ihre Verbindung aus eigene Faust perfekt machen könnten. Er hatte einen Plan ausgedacht, den er aber nicht dem Papier anvertrauen wollte, es sollte eine Ueberraschung für ihre nächste Zusammenkunft fein, die auf den 15. März im Caf6 Tivoli festgesetzt war. Daß sie bis dahin vollkommen Jüdin sei und sich durch ein Zeugniß des Rabbiners ausweisen könne, war ihr Hauptbedingung. Einen besteren Beweis ihrer opferbereiten Liebe und Treue konnte sie ihrem Geliebten nicht geben. Auch darin willigte Herr Dr. I. Christine nahm angeblich jeden Nachmittag einen soeben eröffneten Cursus im Sticken und Nähen mit, um ihre Eltern über ihre Abwesenheit vom Hause zu täuschen. In Wirklichkeit g>.noß sie aber in dieser Zeit den Religionsunterricht des Herrn Predigers der Resormgemeinde. Als alle Formalitäten erledigt waren, theilte Herr Dr. I. seiner Eonvertitin auch mit, daß man in früherer Zeit es rigoroser mit der Aufnahme von Proselpten genommen hätte. Ihm genüge ihre eidliche Versicherung, daß sie in aller Zeit und Fahrniß treu dem Judenthum angehören wolle; einen Eid, den Christine auch ohne langes Besinnen leistete. Sie hätte auf Verlangen ein halbes Dutzend Eide geschworen, wenn sie ihre Sache so glatt und rasch erreichen konnte. Schon drei Tage vor dem 15. März waren alle Förmlichkeiten erledigt und Christine hatte es schwarz auf weiß in der Tasche, daß sie nun Jüdin sei. Sie hieß nunmehr Sara. Sie brannte vor Begierde diese Bescheinigung ihrem Arthur bei ihrem bevorstehenden Rendez-vous zu überreichen. Der 15. März kam heran. Sie ging wie gewöhnlich in die Straße, in welcher der angebliche Stick-Cursns abgehalten wurde, nahm dort eine Droschke und fuhr ins Cafe Tivoli. Schon von der Ferne sah sie ihren Arthur sehnsüchtig nach ihr ausblicken. Noch wenige Minuten und sie lagen sich in den Armen. „Liebe Christine, ich habe Dir eine bedeutsame Ueberraschung mitzutheilen, die, wie ich hoffe, unser Geschick günstig wenden wird: Ich habe mich taufen lasten, ich bin jetzt Christ und nichts hindert."- Weiter konnte Arthur nicht sprechen; denn Sara siel in einen lauten Schrei ausstoßend in ihren Fauteuil zurück, und starrte ihren Geliebten sprachlos an. „Wenn ich geahnt hätte, daß Dich ein Religionswechsel so aufregt, hätte ich ihn Dir sicher nicht als Ueberraschung mitgetheilt. Aber ich glaubte Dir eine große, die größte Freude zu bereiten und nun, was ist es, was Dich so entsetzt?" Statt jeder Antwort griff Elvira in ihre Tasche und überreichte den Schein des Rabbiners. Nun war die Reihe sich zu entsetzen auf Seite Arthurs. Abergläubig wie er war, erblickte er in diesem Vorgang ein böses Omen. Aber einige Gläser Champagner genügten, um alle Bedenken fortzuspülen. Das Pärchen beredete sich dar Opfer, da» sie gegenseitig sich gebracht, beweise, wie sehr sie zusammen gehören. Sie verließen noch an demselben Nachmittag mit dem Schnellzug ihre Vaterstadt, verabschiedeten sich brieflich von ihren Eltern und fuhren nach Belgien, wo sie in der Thal niemals entdeckt wurden. * * * Einige Tage, kurz vor Peßach vorigen Jahres kam uitfere Putzfrau mit verweinten Augen zu mir und fragte mich, ob ich die große Gnade haben wollte, ihr zehn Franken von ihrem Arbeitslohn vorauszahlen zu wollen. Sie habe drei kranke Kinder zu Hause liegen, von welchen eins mit dem Tode ringt und sie könne ja Tags über nicht einmal bei ihren kranken Kindern bleiben, denn sie müste unablässig das kärgliche, tägliche Brod verdienen. „Und Ihr Mann?" fragte ich. „Mein Mann ist schon seit drei Jahren tobt; er hatte sich dem Trunk ergeben und erlag dem Säuferwahnsinn." Ich gab ihr die zehn Franken und ersuchte sie mir eine Quittung darüber aurzustellen. Sie kam dem nach und Unterzeichnete dieselbe: Sara von Wanfried. „Sind Sie von Adel," frage ich, „davon haben Sie uns ja nie etwas gesagt?" Daraufhin erzählte sie mir die obige Geschichte, und die ganze Kette von Unglücksfällen und Leiden, die ihr ganzes Leben ausmachten; und sie immer tiefer und tiefer sinken ließ. „Ich bin heute," so schloß sie mit von Thränen erstickter Stimme, „eine arme Putzerin, die geplagte Mutter dreier kranker Kinder. Aber andere Arme hält der Gedanke an Gott aufrecht. Ich bin dagegen eine Heidin, die Religion meiner Eltern habe ich abgefchworen und die der Juden zum Schein angenommen, meine armen Kinder sind Heiden; mein Arthur ist tobt, meine Eltern sind todt und aus den Tagen meiner heiteren, sonnigen Jugend klingt mir Tag und Nacht, früh und spät, der Mahnruf des großen Rabbi nach: „TreibenSie kein frivo les Spiel mit dem Allerheiligsten, das wird nicht ungestraft bleiben!"