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Der Israelit · 1899-05-12 · Heft 37-38 (12.5.1899) · p. Seite 724

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 37-38 (12.5.1899)
Date
1899-05-12
Page
Seite 724 (sequence 26)
Language
German
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Millionen wegspielt, daß Deine Eltern dann ihre Einwilligung zur Verheirathung mit einem armen Christen, nein, mit einem getauften Juden geben werden? Die Kirche mag uns Juden durch die Taufe immerhin als richtige Christen anerkennen, aber für die öffentliche Meinung bleiben wir immer Juden, wenn auch getaufte Juden. Hast Du schon einmal von getauften Christen gehört? So müßte man uns doch nach der Taufe billiger Weise nennen und selbst diese bloße Anerkennung versagt man uns ebenso hartnäckig, von Seiten der Juden wie von den Christen." Arthur Cohnstamm seufzte tief auf. Christine ergriff beruhigend seine Hand und sagte mit einschmeichelnder Stimme: „Ich sage Dir ja, wir wollen einmal den ledigen Geldpunkt ganz außer Betracht lasten. Nehmen wir einmal an, er eristirte gar nicht, so kannst Du doch leichter Christ werden als ich Jüdin. Ihr lebt, denkt, fühlt und verkehrt doch das ganze liebe Jahr hindurch wie wir Christen. Ihr besucht christliche Gesellschaften und ladet sie zu euch ein, ihr habt selbst in euren Tempeln christliche Kircheninstrumente, ihr verleugnet ostentativ euere jüdischen Namen, ihr zündet am heiligen Abend den Christbaum an, ihr cht und trinkt mit den Christen zusammen, was den Juden durch ihre veraltete Religion verboten ist, warum sollten Deine Eltern auf halbem, auf mehr als halbem Weg stehen bleiben und muthlos vor der letzten folgerichtigen Consequenz ihrer ganzen Lebensrichtung zurückschrecken? Ich begreife, daß Deine Eltern die Religion, in der sie geboren sind, nicht wechseln wollen, aber ihren einzigen Sohn können sie im Ernste nicht von dm zurückhalten wollen, wohin doch ihre ganze Lebensrichtung zielt. Das ist eine Caprice, die sie nicht ewig festhalten werden, wenn ihnen Dein Wille sanft, aber entschieden entgegentritt. Meinst Du nicht?" Da auf die Frage, statt einer Antwort nur ein vieldeutiges Achselzucken folgte, fuhr Christine fort: „Und nun male Dir einmal den Gedanken aus: Christine von Wanfried, die Tochter des Generalmajor von Wanfried, eine Jüdin! Gäbe es für unsere Familie eine größere Entehrung als die Schmach, daß ihr geliebtes Kind, einen solchen Schritt thäte? Wir sind treu überzeugte Christen, wir verkehren nicht mit Juden und Juden verkehren nicht mit uns; als meine Eltern vor Jahresfrist nur hörten, daß wir uns kennen, gab es eine Scene, die mich einen viermonatlichen Hausarrest kostete. Es ist heute seit vier Monaten das erste mal, daß ich wieder in die Gesellschaft wie sonst darf. Aber man hat mir Spione nachgeschickt, um jedes Zusammentreffen mit Dir sofort zu verhindern und meinen Eltern zu berichten. Ich habe Rosine verboten, daß sie mit 724 ___ irgend Jemanden ein Wort mehr als im Vorübergehen spricht. Man würde sonst der Maske nachgehen, um festzustellen ob Du nicht etwa dahinter steckst. Kann ich unter solchen Umständen nicht schwerer Jüdin werden, als Du Christ? Und doch würde ich vor dem Schritt und dem Bruch mit meinen Eltern nicht zurückschrecken, wenn ich nur sicher wäre, daß Deine Eltern dann ihre Zustimmung zr unserer Verbindung geben." „Das ist es ja eben", bemerkte mit tiefer Nachdenklichkeit der Maltheserritter Arthur Cohnstamm, „daß es aus der Sackgaffe, in die wir eingesperrt sind, keinen Ausweg gibt. Da ihr kaum so viele Hunderttausende habt, als wir Millionen, so sieht mein Vater diese Verbindung als eine Mesalliance schlimmster Sorte an, auch wenn Du eine Jüdin wärest. Vielleicht würde ihn die Verschiedenheit des Besitzes aber nicht hindern seine Einwilligung zu geben, wenn er dadurch in verwandtschaftliche Beziehung mit einer Familie von so altem Adel gelangen könnte. Aber daran ist ja nicht zu denken, da Deine Eltern Dich verstoßen würden und von der neuen Judenfreundschaft nichts wiffen wollten. Und da meine ich doch, daß uns unser Weg vorgezeichnet wäre. Werde ich Christ, so werde ich enterbt und bin von meinen und Deinen Eltern verstoßen. Heirathe ich Dich als Christin, so ist dasselbe der Fall. Wenn Du Dich aber entschließen könntest Jüdin zu werden, so würde mein Vater in unserer Verbindung nur eine Mesalliance erblicken, die aber keine Enterbung zu Folge haben würde. Ein solches Opfer kann ich jedoch nicht von Dir verlangen, denn Jahre würden doch darüber hingehen, bis meine Eltern wieder besänftigt werden." — „Himmel, es schlügt dreiviertel auf zwölf, ich muß Rosine aufsuchen und kann keinen Augenblick mehr verlieren, sonst wird unser Geheimniß verrathen. — Schreibe mir an die bisherige Adresse und ich werde es auch so machen. So viel steht fest, es muß einer von uns beiden seine Religion wechseln, wir werden uns darüber noch brieflich verständigen. Leb wohl!" II. Acht Tage nach dieser Begegnung treffen wir Fräulein Christine von Wanfried in der Lernstube des greisen Rabbiners S- „Ehrwürdiger Herr," begann Christine, „ich möchte Jüdin werden und bitte Sie mir die Bedingungen mitzutheilen, unter welchen ich in's Judenthum eintreten kann." Sie hatte diese Worte mit fieberhafter Hast, aber in einem Tone gesprochen, aus dem die Gewißheit klang, daß man sie mit offenen Armen als Jüdin begrüßen würde. Wie war sie daher erstaunt,

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