Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 37-38 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 718 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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718 erstere bestätigen, während es mich freut, letzteres ganz entschieden in Abrede stellen zu müssen. Beweis: Die zahlreichen Offerten, die auf eine Annonce betr. Gesuch solcher junger Leute einlaufen. Die Hauptursache des „Nothstandes" von „gefahrbringender Dimension" ist also in den sehr wenigen mv geschlossenen Geschäften zu suchen und nicht wie der Herr Verfaffer meint, bei den religiösen Chefs, denen er den Vorwurf macht, daß sie bei der Auswahl ihrer jungen Leute nicht nach deren religiösen Stellung fragten. Dieser Behauptung muß ganz entschieden widersprochen werden; wenn Herr G. einen concreten Fall im Auge hat — und das scheint ja wohl zu sein, da er weiterhin dem Chef den Ausspruch in den Mund legt: „Von heute ab sind Sie Commis aber nicht bei mir" — so ist es durchaus nicht gerechtfertigt, diesen Spezialfall zu verallgemeinern. Im Gegentheil, — ich spreche von dem eignen Princip und dem vieler Bekannten — jeder wahre Jehudi betrachtet es als seine Pflicht, nur solche jüdische Leute zu halten, welche mit seiner religiösen Anschauung übereinstimmen, die also auf orthodoxem Standpunkt stehen und denen die Heilighaltung des tgv am Herzen liegt. Hier bilden die besten Beweise das Zeitungsorgan des orthodoxen Judenthums, in welchem stets Annoncen zu finden sind, in denen religiöse junge Leute gesucht werden. Ja ich gehe weiter und behaupte, daß der religiöse Chef an das Engagement orthodoxer junger Leute die bestimmte Voraussetzung und Erwartung knüpft, daß er denjenigen, die ehrenhaft in der Erfüllung der göttlichen Gebote sind, auch in anderer Hinsicht Vertrauen entgegenbringen dürfe. Er hofft, daß der junge Mann das Geschäftsinteresse voll und ganz wahrnimmt. Er erblickt in der religiösen Eigenschaft des jungen Mannes die sicherste Gewähr für eine treue und zuverlässige Arbeitskraft. Und hier ist der Knotenpunkt, der überall die Hauptrolle spielt! Gerade hier zeigt es sich, ob des jungen Mannes Religiosität nicht nur Schein ist, ob sie wirklich tief bei ihm wurzelt, sodaß seine Handlungsweise mtt seinen Worten übereinstimmt! Gerade der religiöse Jude, welcher sieht, welch große Opfer sein Chef für die Heilighaltung der göttlichen Gesetze zu bringen genöthigt ist, wie zuweilen sich die Arbeit im Geschäft anhäust, weil der jub* geschloffen, Sonntag wegen der gesetzlichen Sonntagsruhe als Arbeitstag nicht zu zählen ist u. s. w., ich sage gerade in der Stellungnahme des jungen Mannes zu diesen sehr schwerwiegenden Verhältnissen kann man mit Recht den Maaßstab legen an seine wahre Religiosität, Aufrichtigkeit und an sein Geschäfts- Jntereffe. Und leider muß man nur allzuhäufig die traurige Wahrnehmung machen, daß — besonders in größeren Städten, wo Stellungen mit Vorliebe gesucht werden — der junge Mann seine Pflichten allzuleicht vergißt, daß ihm das Bewußtsein abhanden kommt, seinem Chef dafür dankbar sein zu müssen, daß er ihn unter den vielen Bewerbern bevorzugt hat. Sollte es Vorkommen können, daß jüdische, sich religiös nennende junge Leute sich weigern eine halbe oder eine Stunde länger zu arbeiten, wenn es der Chef wünscht, der zu seinem Verlangen sicherlich nur durch die dringende Nothwendigkeit veranlaßt wird, die versäumte Arbeit nachzuholen oder mit derselben auf dem Laufenden zu bleiben! Man weist als Entschuldigung aus die übrigen christlichen oder jüdischen Geschäfte hin, und richtet sich nach Freunden und Bekannten, die zu der und der Zeit schließen. Kann man es bei solchen Erfahrungen den Chefs verübeln, wenn sie nicht mehr so sehr für religiöse junge Leute schwärmen? Kann man da sagen, es liege am Chef, daß er sich nicht dazu begeistern kann, diese jungen Leute zu halten, bei denen er sich in seinen Hoffnungen auf deren Gewiffenhastigkeit so sehr getäuscht sieht! Ein Jrrthum des Herrn G. ist es auch, wenn er dem Chef den Vorwurf macht, er erfülle seine Pflichten als Jehudi deßwegen nicht voll und ganz, weil er nur branchekundige junge Leute engagire. Kann man rechtlich verlangen, daß er den großen Opfern, die er seinem Judenlhum ja gern und freudig bringt, noch neue hinzusügen soll, indem er große Salaire bezahlt für nicht erhaltene Leistungen? — mögen ja auch die Leistungen sehr häufig nicht auf der Höhe der Ansprüche stehen — man nimmt gern Rücksicht auf die Fähigkeiten eines jungen Mannes, wenn er fleißig und brav ist, allein ihn als Commis oder Reisenoen zu bezahlen, wo er in der That doch nur Lehrling rst, kann niemand ernstlich beanspruchen. Wie ich bereits oben erwähnt, wird kein Chef so lücksichtslos sein, seinem Lehrling, mit dem er einigermaßen zufrieden ist, nach Beendigung der Lehrznt einfach den Laufpaß zu geben. Das ist schon Sache des Anstandsgefühls und kann ich kaum glauben, daß dies irgendwo geschehen wird. Wenn ich nun meine Ausführungen resümiren soll, so würde ich als Wurzel des Nebels weniger die nicht genügende Bereitwilligkeit des Chefs, religiöse Leute zu engagiren, betrachten, sondern den Rückgang in dieser Hinsicht hauptsächlich den jungen Leuten selbst zuschreiben. Soll eine Gesundung der Verhältnisse eintreten, dann muß vor allen Dingen jeder gottesfürchtige, junge Mann sich bestreben, seine Stellung mit doppelter Gewissenhaftigkeit und doppelter Pflichttreue auszufüllen, damit er seinen Chef zufrieden stellt! Wenn er sich also des Vertrauens, das der Chef in ihn setzt, würdig erweist, dann wird dieser sicherlich ausschließlich und mit vollster Zuneigung nur solche junge Leute engagiren, die auf dem Boden des gesetzestreuen Judenthums stehen. Ein Geschäftsmann.