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Der Israelit · 1899-05-12 · Heft 37-38 (12.5.1899) · p. Seite 716

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 37-38 (12.5.1899)
Date
1899-05-12
Page
Seite 716 (sequence 18)
Language
German
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716 räthfeln, der Liebe, die ihrer selbst vergißt, die dann am reichsten ist, wenn sie mit Freuden gibt. Und sind wir nicht berechtigt, diese liebeumflossene Gestalt der Ruth, als ein verklärtes Sinnbild der Religion Israels aufzufaffen, ist nicht unsere Religion eine icn nun, eine Lehre der Liebe? Als Moses zum Himmel stieg, erzählen die Alten, weigerten sich die Engel, ihm die heiligeThora zu übermitteln, bis Gott sie darauf aufmerksam machte, daß die Züge Moses an die des Patriarchen Abraham erinnerten, dessen Liebe und Güte sie doch einst selber erfahren hätten. Was liegt darin anderer ausgesprochen, als der Gedanke, daß gerade deßwegen Israel sich zunr Träger der Gotteslehre eignet, weil es, wie diese von Liebe erfüllt und getragen ist. So wird denn die Zugehörigkeit zum Judenthum an der Liebe gemessen. Wer als hartherzig und lieblos bekannt ist, der stammt, wie der Talmud sagt, sicherlich nicht von Juden ab, denn Zeichen jüdischer Abstammung sei Barmherzigkeit und Milde. Um dar tragische Geschick zu erklären, das über Elimelech hereingebrochen, der in Moab fammt seinen Söhnen starb, weist der Midrasch darauf hin, daß er sich in engherziger Selbstsucht zur Zeit einer HungerSnoth in Betlehem den drängenden Armen entziehen wollte. tr;y; "p^ *prn: c-srn rr* *:*v Und wenn wir die einzelnen Gesetze der Thora betrachten, zieht sich wie ein rother Faden hindurch das Worte: 70a rsnir „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst? Ladet die Freude Dich zum fröhlichen Mahle — der Arme, der Fremde, die Wittwe, die Waise seien Genossen Deiner FestesWinkt Dir Erntejubel und reicher Besitz, vergiß nicht der Enterbten und gib ihnen Theil an Deinem Ueberfluß. Und wankt dein Bruder, richte ihn auf und leihe nicht auf Zinsen; und hast du ihm geliehen, so dränge ihn nicht und schone seiner Schwäche. Selbst im Verbrecher liebe Deinen Bruder 7™ «entr btn und auch Deines Viehes erbarme Dich mild rrrw j6), können wir da nicht in stolzer Begeisterung von unserer Thora au-rufen: rrmrn: er: ’an rrm Ihre Wege sind Wege der Anmuth und alle ihre Pfade voll de- Friedens. Aber nicht nur im eigenen Volkskreise gilt es Liebe zu üben, Israels Religion heischt Bethätigung der Menschenfreundlichkeit ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung. Jüdische Liebe macht nicht Halt bei den Grenzen der Nationalität, sie ist nicht eingerahmt von dem engen Gitter des gleichen VolkrthumS. Israels Liebe schließt alle Menschen ein, und damit kommen wir zu unserer zweiten Behauptung: Israel sucht auch die Völker liebend um sich schaaren. Auch hierfür gibt da- Buch Ruth einen klaren Hinweis. Auf das Feld des wackeren Boas kommt die arme Moabiterin Ruth : noch weiß er nicht, daß sie Noomis Schwiegertochter ist, für ihn konnte sie nur ein fremdes, heidnisches Mädchen sein. Und doch, mit welcher Liebe nimmt er sich ihrer an, nicht genug, daß sie ungestört, während der Erntezeit auf seinen Feldern Aehren lesen darf, ist er mit liebender Sorgfalt auch für ihre Verpflegung bedacht und befiehlt mit feinstem Zartgefühl seinen Knechten, daß sie das Mädchen nicht beschämen und beleidigen. Denn der Fremden und Sorgebeladenen müßte jedes herbe Wort doppelt kränkend sein. So viel Güte und Milve weiß er der Heimathlosen entgegenzubringen, daß sie von dem Strahlenglanze eines so sonnigen Herzens fast geblendet, mit Erstaunen fragt: „Warum fand ich Gunst in Deinen Augen und zarte Rücksicht, bin ich doch eine Fremde?" So steht in Boas ein Mann vor uns, in dem die erziehlichen Lehren der Thora zur That geworden find, denn die Thora war's, die den hehren Satz in's Herz ihm prägte. „Eine Lehre und ein Recht soll Euch sein und dem Fremdling bei Euch." „Wie der Einheimische unter Euch, soll sein der Fremdling und Du sollst ihn lieben wie Dich selbst." Jene Thora, die selbst den Aegypter zu verachten verbietet, der Israel durch Jahrhunderte auf's Grausamste gepeinigt! Von demselben Geist verbrüdernder Liebe sind die Reden der Propheten erfüllt, die eine Heilszukunft für die ganze Menschheit weissagen, „denn c*wn Kip* nien r*a w: 'r mein Haus ist ein Bethaus für alle Völker." Dieses Gefühl beseelt auch die Männer des Talmuds und klingt in schönen und gemüthstiesen Aussprüchen wieder. Als die Engel Jubellieder über den Untergang der bösen Aegypter anstimmen wollten, wehrt ihnen das der Allgütige mit den Worten: „Meiner Hände Werk sinket in's Meer und ihr wollt Lieder singen!" Darum verschloß man den Eintritt in's Judenthum den aufrichtig Bekehrten nicht und es galt die Satzung: ppipia pxi ,,L,y pno j*k. „Man mache es ihnen nicht allzu schwer und nehme es mit ihnen nicht gar zu peinlich." Und mit welcher Liebe wurden die frommen Bekehrten zu allen Zeiten behandelt. Be' zeichnend hierfür ist folgendes Gleichniß, welches Rabbi Simon ben Lakisch erzählt: „Ein Hirsch schloß sich einer Schafheerde an. Als der Herr seiner ansichtig wurde, ermahnte er die Hirten, ihn ja nur recht sorgsam zu pflegen. „Denn," sagte er, „das Thier ist an den erquickenden Aufenthalt im Walde gewöhnt; wir wollen alles Mögliche thun, damit es sich auch bei uns wohl und behaglich fühle." Auch in der Liebe zu den Proselyten konnte dem späteren Judenthum die Gestalt des edlen Boas vorbildlich sein. Mit welch inniger Liebe begrüßte er

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