Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 37-38 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 715 (sequence 17)
- Language
- German
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XLr. Jahrgang. Zweite Beil, m M 37 \ 38 des „Israeli?. Leitender Artikel. Dis Koch Ulli-—ki» Wesüed her tüLischr» Siebf. SrhowuKrrs Verr«rhkung Von Rabbiner Dr. Max Beermann, Insterburg. Das liebliche, blumenumrankte Schowuaussest weiß als Wiegenfest der jüd. Religion ein Mißverständniß zu beseitigen, welches der rechten Wertschätzung unseres heiligen Glaubens großen Abbruch gethan hat. Zu allen Zeiten — mit immer gleichem Unrecht — hat man gegen unseren Glauben den schweren Vorwurf erhoben, daß er seine Anhänger von der innigen Völkerverbrüderung engherzig fernhalte, daß sein Gott nicht der gnädige Vater aller Menschen, sondern ein rachsüchtiger Slammeskönig, die jüdische Thora nicht eine Lehre der Liebe, sondern haßerfüllte Absonderungssucht sei. Gegen diese Verkennung und Unterstellung erhebt das heutige Offenbarungsfest lauten Protest in seiner Festmegilla, dem Buche Ruth. Wohl scheint es auffällig, in dieser anmuthigen Erzählung aus der Richterzeit, in dem lieblichen Ernteidyll von Betlehem, das uns in das ländliche Stillleben zufriedener Schnitter führt, die Lösung einer so weltbewegenden Frage zu finden. Ist vielleicht der köstliche Inhalt des heiligen Büchleins bildlich zu deuten und Ruth, die opferfreudige, deren Rainen „die Rose" (r oäo8) bedeutet, ein Bild der Liebe, und Roomi, welche die „liebliche" heißt, ein Sinnbild der Hoffnung, und Boas, der „Starke", Gottgetrcue, ein Symbol des Glaubens? Als einst vor 2000 Jahren das hebräische Schriftwort von griechisch-gebildeten Juden gelesen ward, hat man es zu Unrecht durch ähnliche sinnbildliche Auslegung seines thatsächlichen Inhaltes entkleidet. Für uns gilt das Wort: '.cwb h« jnpe ,"n, das Bibelwort muß in seinem schlichten Wortsinn verstanden werden. Darum deuten wir die Worte nicht und rauben der herzigen Geschichte nicht ihre plastische Wirklichkeit. Auch im einfachen Wortverstande wird das Buch Ruth uns beweisen, daß das Judenthum eine Religion der Liebe ist und daß es, weit entfernt die Völker zu verstoßen, sie in treuer Menschenfreundlichkeit um sich schaaren möchte. In diesem Sinne sei das Buch Ruth Gegenstand folgender Betrachtung. Das Judenthum ist eine Religion Werktätiger Liebe. Das ist unsere erste Behauptung, zu der sich das Buch Ruth wie eine farbenprächtige Illustration ausnimmt. Ruth, die den Mittelpunkt der Erzählung bildet, die Stammmutter des David'schen Königshauses und damit die Ahnin des einstigen messianischen Erlöserkönigs, ist eine herzgewinnende Gestalt voll stiller Freundlichkeit und hingebender Liebe. Noomi, deren Mann und Söhne starben, will aus Moab wieder in die jüdische Heimath ziehen. Alles hat sie in der Fremde verloren: ihre Habe, ihre Lieben, ihr Glück, ihren Frieden — und nun will sie, die voll und reich als die Liebliche und Beneidete einst auszog, leer und vereinsamt ihr altes Heim in Betlehem wieder aufsuchen. Ruth und Orpa, ihre beiden Schwiegertöchter, begleiten sie; doch an des Landes Grenze scheidet Orpa von der sie zur Rückkehr drängenden Noomi. Ruth aber vermag nicht von der Seite des schwergeprüften Weibes zu weichen. Da sprach Noomi zu Ruth: „Siehe, deine Schwägerin ist heimgekehrt zu ihrem Volk und ihren Freuden, folge ihr doch nach, kehre auch du zurück, mein Kind." Da entgegnet« Ruth in der ergreifenden Schlichtheit und Tiefe des Gemüthes mit jenen trautsamen und liebedurchzogenen Worten, die wir nie vernehmen können, ohne im tiefsten Wesen bewegt und gerührt zu werden: -|\s* 'zbr, “ib\x bx '2 “’inxo nwb -pry^ c ’y;ar bs ctr: rrax Trcn -LM2 p^x 'üv "py pSx ism: . ’ri t-id’ niort py>cr> rei P n ntwr nr -apK „Dringe nicht in mich, dich zu verlaffen, von dir zu gehen, denn wo du hingehst, da will ich hingehen und wo du weilest, da will ich weilen. Dein Volk sei mein Volk und dein Gott sei mein Gott. Wo du stirbst, da will auch ich sterben und dort will ich begraben sein. So walte eS der Ewige für und für, nur der Tod soll trennen zwischen mir und dir!" Und sie bleibt bei der von Kummer gebeugten Greisin, verzichtet auf der Jugend reiche Freuden, um der Noomi in ihrem Alter Trost und Stütze zu sein. Für Noomi giebt sie hin die liebe Heimath, opfert sie den frohgemuthen Verkehr mit ihren moabitischen Freunden und Verwandten, entwöhnt sie sich den heimischen Sitten, und was lauscht sie für das verlorene Heimathsglück ein? Eine arme Hütte, verfallen und verwittert nimmt sie auf; Armuth und Mühe wird ihr Loos. In der Sonne Gluth, an heißen Tagen sucht sie auf den Erntefeldern die fallenden Aehren für Noomi, um die Greisin vor des Huugers Plagen zu bewahren. So leuchtet Rut, als ein Vorbilv opferfreudiger Treue und will gerade am Offenbarungsfeste zur Nachahmung un» begeistern. Sie weiß uns das Geheimniß der echten Liebe zu ent-