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Der Israelit · 1899-05-12 · Heft 37-38 (12.5.1899) · p. Seite 704

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 37-38 (12.5.1899)
Date
1899-05-12
Page
Seite 704 (sequence 6)
Language
German
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MMMW?MW^»MW^WV!WWW 704 Denken wurde widernatürlich. Großmannssucht, Ruhmbegier, die sichere Hoffnung, den Herrn spielen zu können, erfüllten sein Herz — all das, wenn man die Juden verurtheile. Und dann machte man ihm hinwieder glauben, die Juden würden ihn todtschlagen, wenn sie die Freiheit wieder erlangen. Für all dies lieferten Untersuchung und Verhandlung viel Material, zahlreiche Beweise. Sein Vater, Josef Scharf, wollte absolut nicht daran glauben, daß sein Sohn aus aufrichtigem Empfinden spreche. Unter den Angeklagten war auch ein älterer Jude mit langem, grauem Barte, eine schöne, patriarchalische, biblische Gestalt. Eines Tages sagt Josef Scharf vor Gericht zu seinem Sohne: „Lieber guter Sohn, sieh Dir diesen alten Mann an, seinen grauen Bart, sein ehrliches Gesicht. Was hat dieser Mann Dir zu Leide gethan? Warum willst Du diesen ehrlichen greisen Mann an den Galgen bringen?" Der Knabe blickte des Greis an. Sein Antlitz wurde roth, irgend ein Gefühl trieb sein Blut auswärts. Allein er zuckte dann die Achseln und antwortete: „Was kümmert es mich, was immer mit dem gemeinen Juden geschieht!" Sein Vater fährt ihn an: „Was sprichst Du da, bist denn Du kein Jude?" „Gewiß nicht. Will auch keiner sein." Und wandte fich von seinem Vater ab. Der alte Scharf wankte zu seinem Sitzplatze. Er sprach nicht mehr. Er setzte sich. Aber den Kragen seines Rockes faßte er und zerriß ihn mit eiserner Hand. Der Präsident, durch das Knirschen des Stoffes aufmerksam geworden, blickte hin: „Scharf, was thun Sie da?" Der Vater schaute nicht einmal hin nach dem Präsidenten. Mit der großen, rauhen Taglöhnerhand verdeckt er das thränenüberströmte Antlitz und sagt langsam: „Ich habe einen Todten und zerreiße darum mein Kleid." Im Saale waren zweihundertdreißig Menschen anwesend. Fast jedenr traten Thränen in die Augen. Der Vater beweint seinen Sohn, der für ihn gestorben war, seinen Sohn, der gestorben ist, weil er gegen seine Race und sein Geschlecht von Haß erfüllt wurde und den Gott seiner Väter verleugnete. Der Sohn aber bewegt seinen Kopf gleichmüthig von rechts nach links und summt leise ein Spottlied. Nie habe ich eine mehr seelenerschütternde Szene gesehen. Und solcher Szenen gab^es sehr viele in diesem Prozeß, welcher der größte Prozeß der Welt war. Die Dreyfus-Affaire beginnt ihm von Weitem zu ähneln. Wenn ich einmal die wahre Geschichte dieses Prozeffes werde schreiben können, dann wird die Welt staunen und zugleich vieles lernen. Und sie wird den ungarischen Richterftand hochachten dafür, daß er vor der öffentlichen Meinung der Welt nicht zurückschrack und sich ihr nicht beugte, sondern Gerechtigkeit übte und die Unschuldigen freisprach. Ich habe diesen kleinen Moriz bedauert. Ich zürnte Denen, die ihn ein Jahr lang gefangen hielten. Aber unter dem fürchterlichen Druck der öffentlichen Meinung konnte ich ihn nicht befreien. So sehr ich es auch bedauerte: ich habe über die Angelegenheit nie mit ihm gesprochen. Ich habe den Ursprung, die Entwicklung, die Befestigung seines Geständnisses klar gesehen. Ich wollte meinen klaren Blick nicht durch ein Privatgespräch mit ihm stören laffen. Wer seine Lehrmeister waren, danach forsche ich nicht. Geschickt und glücklich waren sie nicht. Denn sie faßten sein erstes großes Geständniß schriftlich ab, ließen es ihn einlernen und oft hersagen, so daß er, als er vor den Gerichshof kam, seine Rede so ableierte, als ob er schon des häufigen Hersagens seiner Lektion übersatt wäre. Deshalb habe ich den Präsidenten gebeten, er möge den Zeugen auffordern: „Könnten Sie ihr Geständniß nicht in Versen hersagen?" Die Wuth der „öffentlichen Meinung" hat mich bei diesen Worten umtobt. Aber durch den tobenden Lärm hörte ich sehr gut, wie das kleine Heer der wahrheitliebenden Geister in allen Theilen der Welt auflachte. Damals war dieses Heer ein kleines, jetzt ist es grenzenlos. > Vermischtes. < Holitt Auf Anregung unseres verehrten, nicht nur durch glänzende Kanzelberedtsamkeit und hohe Gelehrsamkeit, sondern auch durch unermüdliche ThaUraft ausgezeichneten Rabbiners Herrn Tr. Naphael G u g e n h e im e r wird soeben der Ban eines neuen Ritnalbades in Angriff genoininen, da das bisherige den Anforderungen der Neuzeit nicht mehr entspricht. Pr -Stargard Die hiesige jüdische Gemeinde hat vor einiger Zeit ans freien Stücken ihren sainmtlichen Beamten Gehaltserhöhung zngebilligt. In einer jüdischen Gemeinde dürfte dieser Fall nicht allzu häufig Vorkommen. Um so mehr ist die erwähnte Generosität anzuerkennen. Pest. (Ein Pfarrer als Präsident eines israelitischen S ch n l st n h l e s.) In der Gemeinde Gurog (Mrs - Bodroger K omitat) wählte die israelitische Kultusgemeinde den römisch-katholischen Pfarrer Mathias Nagy zum Präsidenten drs jüdischen ^-chulstnhles. Der Gewählte nahm das Ehrenamt an. Eine solche Wahl ist jedenfalls ein so seltenes Ereigniß, daß sie registrirt zll werden verdient.

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