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Der Israelit · 1899-05-12 · Heft 37-38 (12.5.1899) · p. Seite 703

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 37-38 (12.5.1899)
Date
1899-05-12
Page
Seite 703 (sequence 5)
Language
German
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703 Babette Fleischhacker M. 300. Summa M. 600. Die per Acclamation vorgenommene Neuwahl des Vorstandes ergab die Wiederwahl der Herren: Dr. Eugen Merz b a cher, Numismatiker, 1. Vorstand, Lothar Feuchtwanger, Vanfter, 2. Vorstand, Max Wolf, Rentier, Cassier, Si g mu n d Frankel, Großhändler, 1. Schriftführer, Si g m und Feuchtwanger, Fabrikant, 2. Schriftführer. Mannheim, 9. Mai. Anläßlich des Verweilens Ihrer kgl. Hoheit der Großherzogin in hiesiger Stadt besuchte dieselbe unter andern Wohlthätigkeitsanstalten auch am vergangenen mtr vv das hiesige israel. Waisenhaus. Am Eingänge desselben wurde Ihre kgl. Hoheit von dem Präsidenten des Vereins Herrn Stadtverordnetenvorstand Max Stockheim herzlich willkommen geheißen. Die hohe Fürstin ließ sich dann die einzelnen Vorstandsdamen des Vereins vorstellen, und unterhielt sich mit jeder einzelnen in der leutseligsten Weise. Die Pfleglinge des Vereins, worunter auch sechs Mädchen, die in dem Vororte Feudenheim bei Herrn Lehrer Billigheimer in Pflege sind, waren im Speisezimmer aufgestellt, und hatte die hohe Dame für jedes dieser Kinder ein paar freundliche Worte. Zum Schluffe trug eines der Waisenmädchen der Abtheilung Feudenheim ein kleines Gedicht vor und überreichte Ihrer kgl. Hoheit ein Rosenbouquett, worüber die erlauchte Fürstin sichtlich erfreut war und sich dann aufs herzlichste verabschiedete. Oesterr.- Ungar. Monarchie. Pest, 8. Mai. (Remin iszenzen an Tißa- E ß l ä r.) Anläßlich der in den Blättern aufgetauchten und wieder dementirten Nachricht von dem Ableben des Moriz Scharf erzählt „Egyetertes" folgende Reminiszenzen Karl Eötvös' an den Prozeß von Tißa-Eßlnr, in welchem Eötvös bekanntlich als Vertheidiger des Hauptangektagten fungirte. Sechzehn Jahre sind seit jenem Prozeß verstrichen. An alle Gestalten, die in dem Prozeß figurirten und an alle Details des Prozeffes kann ich mich nicht mehr erinnern, aber an den kleinen Moriz erinnere ich mich noch ziemlich gut. Der Junge war schon damals ein großes Räthsel und ist es vor einem großen Theil der gebildeten Welt heute noch. Daß an der Aussage des Moriz Scharf kein wahres Wort gewesen, darüber war ich mir ohne längeres Nachdenken im ersten Augenblicke klar, sobald ich das ganze Material des Prozeffes durchgesehen hatte. Hatte man doch Esther Sollymoffy's Leiche mit unberührten! Halse bei Dada aus der Theiß gezogen und außerdem gab es tausend Umstände, welche die Grundlosigkeit der Aussagen des Moriz Scharf bewiesen. Warum machte er also diese Aussage? Er war nicht kränklich, nicht blöd, auch nicht von Visionen geplagt. Während der Gerichtsverhandlung war er ein wohlgenährter, rothwangiger, lustiger Junge, — man sah ihm an, daß er gut genährt ward. Seine Mutter habe ich nicht gekannt. Das Weib seines Vaters war seine Stiefmutter. Seinen Vater beobachtete ich genau; auch dieser war ein kräftiger, gesunder Mann mit rothen Backen. Ein gemüthlicher, jüdischer Feldarbeiter mit gutem ungarischen Huipor, wie ich deren noch wenige gekannt habe. Sein eigentliches Handwerk war Flickschustere', weil aber diese wenig abwarf, verdingte er sich als Feldarbeiter. Gemiith und Humor lassen auf eine unverdorbene Seele und auf gesunden Verstand schließen. Der kleine Moriz g'ich, was die Gesichtszüge und die Gestalt betraf, ganz seinem Vater. Aber auch separat forschte ich Moriz auf die Kraft seines Geistes aus. Die war gar nicht schwach, Seine Geisteskraft überragte entschieden diejenige dreizehnjähriger Knaben. Woher also stammte die Aussage? Nebenher bemerke ich, daß es mir beim Studium der Blutbeschnldigungs-Prozesse auffiel, daß die belastenden Zeugen häufig Judenknabcn waren, und zwar in der Weise, daß der betreffende Knabe festgenommen und von den Juden abgeschlossen wurde; nach einem gewissen Zeiträume sagte dann der Junge aus, daß es eine Art hatte. So geschah es im 1794er Psrer Prozeß, und wenn ich mich nicht irre, auch im 1764er Süroser Prozesse. Ganz genau so geschah cs auch im Eßlürer Prozesse. Mein Verdacht konnte kein anderer sein, als daß man den kleinen Moriz für die Aussage absichtlich vorbereitet habe. Die Gerichtssprache nennt dies „Präpariren". Kein vereinzelter und auch nicht der erste Fall in weltberühmten Prozeffen. Die Zeugenaussage des französischen Dauphins, des Sohnes der guillotinirten Königin Marie Antoinette ähnelt diesem vollständig. Auch der kleine Dauphin war von der Welt völlig abgeschloffen. Auch ihn reizte man gegen seine eigene Mutier auf. Auch ihm träufelte man eine solche Aussage ins Gehirn, gab man eine Aussage in den Mund, welche vollständig unwahr und unglaublich war. Einmal, wenn es meine Zeit gestatten wird, will ich des Seelenleben dieser beiden Zeugen auf physiologischer Basis vergleichen. Dasjenige des Dauphins und das Moriz Scharf's. Bei Moriz ging die Vorbereitung nicht leicht, wenigstens nicht rasch. Ein Jahr lang war er gefangen. In der ersten Hälfte dieser Zeit legten Zwang und Furcht ihm die Worte auf die Lippen. In der zweiten Hälfte bezeichnete er bereits leichthin, kek, tollkühn, ja prahlend seinen Vater und die übrigen Juden als Mörder. Vorerst machte man ihm die Juden haffenswerth. Sodann machte man ihm seinen Vater haffenswerth. Sein Fühlen un

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