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Der Israelit · 1899-05-12 · Heft 37-38 (12.5.1899) · p. Seite 701

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 37-38 (12.5.1899)
Date
1899-05-12
Page
Seite 701 (sequence 3)
Language
German
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101 Verhandlungen. Eine Anerkennung jüdischer Sonderansprüche ist aber im Hause nicht ausgesprochen worden. Tie jüdische Religion beruht doch nicht allein auf dem Schächten der Schlachtthiere. Die Juden sind zufrieden, daß verschiedene jüdische Gebote nicht mehr beachtet werden, so z. B. die Vorschriften über das Hall- und Jubeljahr und über die Rückgabe sämmtlichen Besitzes. (Heiterkeit.) Redner wendet sich gegen die Ausführungen der Redner der ersten Lesung, speziell gegen die der Abgg. Lieber, Kruse und Rickert. Letzterer beklage sich darüber, daß man ihn als Juden bezeichne: der Letztere gerade sollte das doch als eine Art Nobilitirung ansehen. (Heiterkeit.) Diese Herren sowie die Herren v. Tiedemann, Hoesfel re. schienen von den neueren Instrumenten zur Betäubung der Thiere nichts zu wissen. Wer wie Herr Liebknecht die Todesstrafe mit dem Schächten in Vergleich stellt, der müßte das Schächten auch für die Menschen als die humanste Todesstrafe bezeichnen. Die Auszüge aus den von den Rabbinern gesammelten Gutachten stimmen nicht ganz überein mit den Gutachten selbst, die doch in manchen Punkten das Schächten anders beurtheilen. Besonders ist die Schußmaske, das beste jetzt vorhandene Instrument, fast niemals von den Gutachtern erwähnt worden. Diesen Gutachten kann der Thierschutzverein zahlreiche andere Gutachten cntgegenstellen. Redner versucht nachzuweisen, daß das Schächten selbst eine Thiergunlerei ist, namentlich da, wo die Schlachthäuser nicht mit den modernen Einrichtungen versehen sind. Früher sei das Schächten viel schmerzloser gewesen, als andere Schlachtmethoden; jetzt bei den modernen Erfindungen stelle es eine große Thierauälerei dar. Die Mängel, die die Schlachtmaske und die Bouterole hatten, sind bei der L>chußmaöke, d.ren Einrichtung Redner demonstrirt, vermieden. Das Thier werde dadurch im Augenblick getödtet. Der Hauptwiderstand gegen das Schächtverbot liegt darin, daß die Juden durch die Speisegebote und durch den Schabbes allein zusammen gehalten werden. Durch solche Erwägungen vom jüdisch-politischen Standpunkt aus sollte sich der Reichstag nicht beeinflussen lassen. Ich richte den Appell an alle guten Menschen in diesem Hause; der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch. Ich habe vor dem ^orthodoxen Juden mehr Respekt, als vor solchen, die mit L-chweinefleischessen renommiren, aber ich kann nicht daran glauben, daß durch eine solche Maßregel der Humanität die jüdische Religion gefährdet sein sollle. Abg. Dr. Lieber (Eentr.): Es giebt manche Thierguälereien auch bei anderen Schlachtmethoden und namentlich auch bei der Vivisektion. Besonders bedauerlich ist es, daß in kleineren Städten und auf dem 'Lande die Kinder nicht bloß beim Schlachten, sondern auch bei der Bedeckung als Zuschauer anwesend sind. Die Antragsteller wollen nicht die Uebelstände abgestellt haben, sondern eine bestimmte Schlachtart vorschreiben, Nicht einmal alle Thierschutzvereine haben sich den Bestrebungen de- Verbandes von Thierschutz: vereinen bezüglich des SchächtverboteS angeschlossen, und ein internationaler Thierschutzkongreß hat es sogar abgelehnt, sich gegen das Schachten ausdrücklich auszusprechen. Der mehrfach zitirte Aufruf enthält kein Wort gegen das rituelle Schächten, und das Centrum wird sich wie allen religiösen Ueberzeugungen gegenüber in Bezug auf rituelle Fragen niemals dazu verstehen, auf dem Wege der Gesetzgebung einzugreifen. Wenn auch das Schächten keine religiöse, sondern nur eine rabbinische Vorschrift sei, so müsse man doch Achtung für solche Vorschriften haben, da die große Mehrzahl der Juden nun einmal daran hängt. Die Gutachten von Männern der Wissenschaft wurden von den Antisemiten angefochten; eS sei in der antisemitischen Presse sogar davon die Rede gewesen, daß die „Metze" Wissenschaft sich den Rabbinern verkauft habe. Wenn Gutachten gegen Gutachten stehe, so sei die einzig richtige Folgerung: aäbue sab juilire lis est! Da sollte niemand eine Entscheidung durch die Gesetzgebung herbetsühren wollen, zumal es sich um religiöse Satzungen handelt. (Als der Redner schließt, wirft ein Zuschauer von der Tribüne eine Hand voll Flugblätter in den Saal mit den Worten: nicht für Ockfen-, sondern für Menschenrechte! Große Unruhe; der betreffende Zwtschenrufer wird von einem Diener des Hauseabgeführt.) Abg. Dr. O er tel (kons.): Auf die Gutachten ist nicht viel zu geben, weil die Gutachten sich widersprechen. Ich verlasse mich nur auf meine eigene Erfahrung, denn ich habe das Schächten mit allen Vorsichtsmaßregeln und ohne Vorsichtsmaßregeln gesehen. Ich habe mich davon überzeugt, daß das Thier noch minutenlang nach dem Schächtschnitt Empfindung hat. Das Gutachten des königlich preußischen Medizinalkollegiums kann keinen Pfifferling mehr werth sein, als die Gutachten der sächsischen Behörden, die zum Schächtverbot geführt haben, nachdem die sächsische Regierung sich anfänglich gänzlich ablehnend dagegen verhalten hatte. Die jüo. Emwohner Sachsens haben sich damit abgefunden, denn die 6 infuhr geschachteten Fleisches entspricht durchaus nicht dem wirklichen Bedürfniß der Juden. Abg. v. Tiedemann (Rp): Wenn die guten Menschen nach ihrer Thierfreundlichkeit beurtheilt werden, so würde ich zu den besseren Menschen gehören. Ich würde gerne bereit sein, jede Thierquälerei zu beseitigen. Warum haben die Antragsteller nicht das Aushängen der Kälber u. Schafe an den Hinterbeinen unter Verbot gestellt? Auch bei der Vivisektion kommen viele Thierquälereien vor. Die Betänbungsmethoden mit Schlachtmasken :e. können in kleineren Ortschaften gar nicht durchgeführt werden. Abg. B i nd ewald (Antis.): Der Antrag will lediglich verhindern, daß die Schlachlhiere bei Besinnung bleiben u. unter Schmerzen sterben. Antisemitische Tendenzen sind erst von den Gegnern hineingctragen worden. Von dem Schächte» ist in der ganzen Bibel keine Rede. Die Juden nehmen ein Vorrecht in Anspruch, trotzdem sie die Minderheit sind. Die Raturrechte wollen wir den Juden am allerwenigsten abstreiten (Heiterkeit); diese Anträge sind kein antisemitischer Skandal, ein Skandal ist es, wenn deutsche Leute, weil sie ihr Volk mehr lieben als die Juden, mit Schmach und Schande bedeckt werden. Wir werden immer wiederkommen mit diesem Anträge und noch wenn 10 Judenschutzredner gegen uns auftreten. Abg. Schräder (Fr. Vgg.): Eine sachliche Rede werden Sie von mir kaum erwarten, denn alles Sachliche ist bereits gesagt worden. Es würve auch nicht möglich sein, die Freunde deS Antrages zu überzeugen, nachdem ihnen der Beweis nicht gelungen ist, ihre Schlachtmethode als die allein richtige darzustellen. (Widerspruch rechts.) Ich habe bei der früheren Berathung mich gefreut, daß die Begründung des Antrages nicht fo antisemitisch ausgefallen sei; die weitere Entwickelung der Debatte hat meine Freude sehr getrübt. Wir sind alle bereit, gegen jede Thierauälerei aukzntreten; aber es ist der Beweis nicht erbracht worden, daß die empfohlene Methode des Schlachtenbesser sei. Mit der Behauptung, daß die Gutachten für das Schächten au» Furcht vor Nachtheilen entstanden sind, ist nicht viel anzusangen. Abg. Kruse (ult.): Ich habe für heute eine so lange Diskussion nicht erwartet, da der Gegenstand in der ersten Lesung vollständig erschöpft war. ES ist nur deutlicher geworden, daß dir ganze Frage ein« rein antisemitische ist. Die neuen Schlachtmethoden bieten auch keine Sicherheit, daß die Thiere sofort das Bewußtsein verlieren; da müßte man die Thiere schon chloroformiren. (Heiterkeit.) Abg. Liebermann v. Sonnenberg: Ich hatte erwartet, daß der Vorredner von den Schächtungen in OstfrieSland etwas sagen würde. (Zuruf de- Abg. Kruse:

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