Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 37-38 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 700 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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700 her waren, sie bleiben an archäologischen, historischen I und persönlichen Äußerlichkeiten haften und vermeiden es ängstlich den Kern, auf den alles ankommt, auch nur zu berühren, weil die Thora für sie ihre einende, verbrüdernde KrafLverlsren zu haben scheint. Der Gedanke an die Kenntniß, Anerkenntnis und Verbindlichkeit der Thora, der alle sonst zu Brüdern machte, scheidet und sondert uns heute in Richtungen und Parteien, die sich, wie Ja und Nein, wie Sein und Nichtsein einander gegenüber stehen. Und wenn sich auch die Vertrauensseligsten noch durch ihre Klage über den religiösen Verfall in dem Geleise wähnen, welche das 'zbr\ wpna ex vorschreibt, wie es einmal um ihre Nachkommen, ihre Kinder und Kindeskinder bestellt sein wird, wenn es in der bisherigen Weise weiter abwärts geht, darüber können sie sich keiner Illusion hingeben. Wem dieser Jammer zu Herzen geht, den er täglich vor Augen sieht, begreift die tiefe, prophetische Weisheit des Midraschwortes, das wir diesen Betrachtungen zu Grunde legten, wenn es als vierte und letzte Stufe des Wandels in den Gesetzen Gottes den Wunsch bezeichnet: bz TW» 'JYIK HXT1? ttb HT eeed nffl *C "N'L> 7>'N7A aiparny ~oba übiyb Gft'szbi c-b atc« L-,3'71 . n*rna „Wer gäbe, daß diese ihre Gesinnung ihnen bliebe, mich zu fürchten und meine Gebote zu hüten alle Zeit, damit es ihnen und ihren Kindern auf ewig wohlergehe; das lehrt, den sehnlichen Gotteswunsch, daß Israel sich emsig um die Thora bemühe." Diese Gesinnung war die rückhallslose Bereitwilligkeit, das Gottesgesetz hinzunehmen und zu erfüllen ohne es auch nur zu kennen, infolge welcher uns die nichtjüdische Welt xmc »es?, „das leichtsinnige Volk," schilt, die aber in Wirklichkeit das Geheimniß enthält, das uns in die Höhe der gottdienenden Wesen erhebt, die kraftgerüstet dem Worte Gottes gehorchen! nnsr yov:b mw?s ^xntr icnpnp nyvz ity*?« 'zi icx prewre nwn »2xdee> m n »ieS nbv n^ex: Pip r\z -en b'pz v'zvb rci 'V'V ns ''zxbc -t -rir z'rz~ iz (.n'c nee») retpS rn 'iry xv'-e Diese Gesinnung zu festigen, wo sie schwankend geworden und sie wieder neu zu beleben, wo sie im Wechsel der Zeiten eine Trübung erfahren, das wäre der schönste Huldigungsgruß, den wir der Thora an dem Tage ihrer Offenbarung entgegen bringen können, die würdigste Vorbereitung zum Schobuoth-Feste. Wenn sich daher in unseren mit Blumen geschmückten Gotteshäusern am Offenbarungsfeste der Thora die alten, heiligen Rollen öffnen, wollen wir uns geloben, treue Träger des lebendigen Gotteswortes zu sein und zu bleiben und diese Trägerschaft auch einst unseren Kindern zu vererben. Wie viele bittere Tropfen auch uns und ihnen in ihren Lebenslauf träufeln mögen, wir wollen aus tiefster Seele es dem Vater der Menschheit danken, daß er uns auserwählte von allen Völkern, indem er uns die Thora der Wahrheit anvertraute und damit ewiges Leben in unsere Reihen gepflanzt hat. Wir wollen uns freuen mit den Worten deiner Thora und mit deinen Geboten für alle Zeit und Ewigkeit, sie sind unser Leben und die Dauer unserer Tage und ihnen gehört unser Denken Tag und Nacht. Mögest du deine Liebe uns in aller Ewigkeit nicht entziehen, Segen und Preis, dir o Gott, der sein Volk Israel liebt. Segen und Preis unserm Gott, der uns zu seiner Ehre geschaffen und uns von den Irrenden gesondert, indem er uns die Thora der Wahrheit gegeben und damit ewiges Leben in unsere Mitte gesenkt hat! Möge er unser Herz öffnen durch seine Thora und in unser Herz die Liebe zu Ihm und die Furcht vor Ihm senken, um Seinen Willen zu erfüllen und ihm zu dienen mit ganzem Herzen, damit wir uns nicht umsonst abmühen und nicht für Wahngebilde unsere Kinder zeugen! Möge es dein Wille sein, Gott unser Gott und Gott unserer Väter, daß wir Deine Gesetze hüten in dieser Zeitlichkeit und das Glück erlangen zu leben, zu schauen und zu besitzen das Gute und den Segen in den Jahren der messianischen Zeiten und für das Leben der künftigen Welt!-- Die Schechilah in der zweiten Lesung des Reichstags*) Berlin, 9. Mai. Am Tische de- BnndesrathS: Niemand. Auf der Tagesordnung sieht die zweite Berathuug des von den Antisemiten cingebrachten Gesetzentwurfs, betreffend da- Betäuben der Schlachtthiere. Nach § 1 soll der Blutentziehung beim Schlachten das Betäuben der Thiere vorausgehen. Abg. Lieb er mann v. Sonnenberg: lieber die erste Lesung des Antrags herrscht überall Befriedigung mit Ausnahme de- Thierschutzvereins, Von den Rabbinerblättern bis zu unserer Presse; denn es hat sich gezeigt, wo man den Hebel ansetzen muß, um Erfolge zu erzielen, nämlich bei dem Nachweise, daß das Schächten eine Thierquälerei ist. Von dem Schächtverbor an sich ist keine Rede in denr Anträge: wenn der Antrag gegen die Juden gerichtet wäre, so würde ich es offen bekennen. Die Thierschntzvereine sind der Meinung, daß die Verrohung der Jugend ihren Ausgangspunkt niinmt von der tbierquälerischen Behandlung der Schlachtthiere. Ten Aufruf zur Beseitigung der Thierquälerei beim Schlachten haben katholische Bischöfe, evangelische Geistliche, Künstler, Aerzle und Gelehrte?c. unterzeichnet. Die rabbinischen Zeitungen beanspruchen ein Vorrecht auf diesem Gebiet und quittiren dankend über die *) Wir behalten uns vor, die meisterhafte Rede des Abg. Lieber, die hier nur abgekürzt wiedergegeben, nach dem amtlichen Stenogramm in einer späteren Nummer wörtlich zu bringen. Red. d. „J<r."