Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 37-38 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 699 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XL.?'Jahrgang. .* 9V£& 88. Der Israelit. Genirak-Hrgan für das orihodore Iudenihum. Begründet von Dr. felttmnn in Dttaiuf. __Freitag, Ve« 12. Mai SS5S (1899). Unsere nächste Nummer erscheint, des heil. Schavuothsestes wegen, Donnerstag, den 18. Mai. Leitende Artikel. JJorüerdtuufl m MüNoth-Frste. Mainz, 10. Mai. III. Wenn in unserer Zeit, das hingebungsvolle, keine Mühe und Entsagung scheuende Thorastudium seltener geworden ist, so hat man dasür wenigstens Entschuldigungen und Beschönigungen, auch wenn dieselbe einer ernsten Prüfung nicht Stand zu Hallen vermögen, daß man aber den Worten der Thora aus dem Wege geht, auch wenn ihre Aneignung keine andere Mühen und Kosten als das Opfer einer Mußestunde verlangt, das ist eine Erscheinung für die es kaum ein milderndes Moment geben dürfte. Wir leben doch in einer Zeit, die, wie vielleicht keine frühere auf Wiffen, Kenntnisse und Bildung dringt, die alle möglichen und unmöglichen Anforderungen an ihre Kinder stellt, und alle werden mehr oder weniger befriedigt. Wir leben unter dem Zeichen der Vereine und Vorträge, durch deren Besuch jeder die in der Jugend genossene Schulbildung zu erweitern und zu vertiefen sucht. Aber die Wissenschaft aller Wissenschaften, die Kunde unserer heiligen Thora geht auch bei diesen Bestrebungen leer aus oder wird doch nur sehr spärlich dabei bedacht. Wir leben im Jahrhundert der Vereine und Vorträge, in welchem das einheitliche Zusammengehen verschiedener Gleichgesinnter und die Besprechung ihrer gemeinschaftlichen Interessen geradezu sporthaft betrieben wird. Wie müßte dieser Sport erst bei uns im Flor sein, wo doch das Vereinswesen in seinen zahlreichen Chewroth nicht erst seit heute und gestern, sondern seit Jahrtausenden schon so herrliche Triumphe feiert! Diese Chebroth, sie mochten wissenschaftliche, gemeinnützige, wohlthätige und was für Zwecke auch immer verfolgen, Talmud-Thora gehörte zur ersten Obliegenheit aller. Während heute die Losung: „Ausschluß aller religiösen Fragen" lautet, un»er der jüdische Vereine und Verbände zusammentreten, hätte man in den Jahrhunderten, die hinter uns liegen, sich keine Chebra denken können, deren Mitglieder nicht allabendlich, oder doch einige male in der Woche, wenigstens aber sabbatlich sich vereinigt hätten, um einen Vortrag, einen Schiur, mitanzuhören und so Geist und Gemüth dnrch neue Wahrheiten der Thora zu bereichern und veredlen. Zu einer solchen Chebra zu gehören und in ihr an dem Vortrag des Vereinslehrers regen Antheil zu nehmen, galt als eine religiöse Pflicht, der sich keiner entzogen hätte. Das ist heute anders geworden. Auch, wo die alte Sitte noch in Ehren gehalten wird, ist das Bewußtsein der religiösen Verbindlichkeit stark erschüttert, wenn nicht ganz geschwunden. Man verweise uns nicht auf die Vereine, rv-lche sich die Hebung von Literatur und Geschichte zur Aufgabe gemacht haben und auf die Vorträge, die diesem Zweck dienen sollen. Diese Geschichte und diese Literatur und die ganze Art und Weise, wie sie gelehrt wird, sind mit Nichten die Thora, für die uns Molcheh verpflichtete, sie unterscheiden sich von dem alten Erbgut der Gemeinde Jakobs, wie sich eine vertrocknete Blume von einer lebensfrischen Blüthe, wie sich eine Pfütze von einem Springquell unterscheidet. Sie machen ihre Hörer nicht vertrauter mit dem eigentlichen Inhalte der Thora, als sie bereitvor-