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Der Israelit · 1899-05-08 · Heft 36 (8.5.1899) · p. Seite 685

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 36 (8.5.1899)
Date
1899-05-08
Page
Seite 685 (sequence 3)
Language
German
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üsö es wiederum der Thoraunterricht ist, der ihr zuerst zum Opfer fällt. Das Lächerliche und Verbrecherische dieser Handlungsweise kann man sich am besten veranschaulichen, wenn man derselben Erscheinung auf einem anderen Gebiete begegnet, in welches uns ein altes Gleichniß führt. Es erzählt von einem Schiff, das zum Schrecken seiner Jnsaffen auf hoher See leck wurde und zu versinken drohte. Der Kapitän rief alle Passagiere zusammen und erklärte ihnen, daß eine Rettung des Schiffes nur möglich sei, wenn alle Ladung über Bord geworfen werde und jeder nur das Allernothwendigste für sich zuruckbehalte. Unter den Paffagieren, die sich darauf anschickten ihre Habe ins Meer zu werfen, befand sich auch ein jüdischer Kaufmann. Er hatte zu billigem Preise jenseits des Meeres kostbare Stoffe, Sammt und Seide aufgekauft, die in Kisten und Ballen um ihn lagen. Zögernd stand er vor seiner Habe, um zu überlegen, welche von den Kostbarkeiten er den Meereswellen hingeben sollte. Das erste, das er ins Meer warf, um das Schiff zu erleichtern, waren —-seine Tallis und Tefilin! Die Kisten und Kasten, welche seine theueren Stoffe enthielten, konnte er sich nicht entschließen in die Tiefe zu versenken und er beredete nun sich und andere, wie ein großes Opfer er gebracht Hobe, um seinen Theil zur Erleichterung des Schiff s beizutragen! Und er renommirte noch damit, wie ungern und wie schwer er sich von seinem Heiligsten trenne, aber der elementaren Macht des Meeres muffe er dieses Opfer bringen, und setzte sich noch fester auf seine Kisten, um sich ja von ihnen nicht trennen zu müffen. Welche Scheinheiligkeil, und welche Heuchelei bekundete doch dieses ganze Gebühren! Um wie viel wurde das Schiff leichter durch dieses Opfer von Tallis und Tefillin? Brauchen wir die Anwendung dieses Gleichnisses auf unseren Gegenstand erst noch auszusprechen? Wenn unsere Kinder überbürdet sind und es sich um ihre Entbürdung handelt, dann ist es zuallererst das Aschenbrödel aller Disciplinen, der spärliche kärgliche Thoraunterricht, der über Bord geworfen wird, um unseren Kindern die Schullast zu erleichtern. Um wie vieles, um wie weniges, wird durch diese Handlungsweise die Bürde des Kindes wirklich leichter? Ist es ein Wunder, wenn so entbürdete Kinder, nachdem sie aus dem Leben der Schule in die Schule des Lebens getreten sind, dann nicht wieder aus freien Stücken die theuere Bürde wieder auf die Schultern nehmen, die verblendete, leichtsinnige Eltern in die sie umfluthende Zeitströmung geworfen haben? Wenn unsere Kinder erst junge Leute werden, dann umfängt sie die Sorge um Geschäft und Beruf und die freien Mußestunden gehören der Zerstreuung, dem Leichtsinn und der Sünde. Aber die alte Pflicht rrnra o^oy wtr, daß sie als Israeliten sich der Mühe des Thorastudiums unterziehen, weisen sie als unerhörtes Ansinnen widerwillig zurück. Und die Männer, die aus diesen jungen Leuten heranreifen, glauben ihre ganze Zeit und Kraft dem Erwerb hingeben zu müffen, für die Thora und ihren Anspruch, den sie au jede Zeit stellt, haben sie kein Ohr und kein Herz, kein Verständniß und keine Empfindung. Wenn man ihnen erzählte, daß es in den Zeiten unserer Väter und Großväter dhtp und ma 'bya in jeder Gemeinde in Hülle und Fülle gab, die neben ihrem Geschäft früh und spät Zeit und Muße zum gemeinsamen Thorastudium hatten, sie würden es nicht glauben und wenn sie trotzdem die Thatsache nicht in Abrede stellen könnten, so wären sie sofort mit der Ausflucht zur Hand, daß das allerdings auch eine andere Zeit war, daß aber für Zeiten und Verhältnisse, wie es die unsrigen sind, diese Hingebung an die Beschäftigung mit der Thora eine Unmöglichkeit sei. Es ist dies eine wunderbare Erscheinung! Dieselben, die sonst den Mund nicht voll genug nehmen von dem Fortschritt, der Bildung und der Aufklärung unserer gepriesenen Zeit, stellen derselben Zeit das kläglichste Armuthszeugniß aus, wenn man sie für andere als materielle Zwecke, wenn sie für wirklich höhere, geistige und ideelle Ziele reklamiren möchte. Verdient unsere Gegenwart wirklich das Diplom der Erleuchtung und des Fortschritts, das ihr ihre Kinder so bereitwillig zuerkennen, wenn ihre Verhältnisse und Zustände in der That so complicirt und erschwert sind, daß die Suche nach Brod den Suchenden jede Möglichkeit eines Aufblicks auf Höheres und Ewiges benähme? In Wirklichkeit ist das Gottlob aber auch gar nicht der Fall und die Klagen über die schweren Erwerbsverhältniffe unserer Gegenwart im Vergleich zu vergangenen Zeiten, ist zum mindesten eine große Selbsttäuschung. Freilich ist der Kampf um das bloße Dasein heißer und die Zahl der Kämpfer eine größere geworden, als zur Zeit unserer Großväter. Aber dafür hat sich auch der Boden erweitert, der allen zur Bearbeitung frei steht, dafür liegt auch die ganze Welt den Brauchenden offen da, und dem regen Geist, verbunden mit rastloser Energie, ist die Möglichkeit gesichert, der Schlaffheit und der Mittelmäßigkeit den Rang abzulaufen. Das war in jenen alten Zeiten nicht der Fall. Kein noch so Heller Geist, keine noch so rührige Thätigkeit war stark genug die Schranken zu durchbrechen, welche die Großväter in ihre Ghetto's pferchte, das höchste Aufgebot aller Kraft war nicht im Stande, auch nur einen Stein von den Felsblöcken zu brechen, die dem Juden den Zugang zu allen redlichen und ergiebigen Nahrungswegen versperrten. Und doch erblickten die avn Hya jener Zeit in der unüberwindlichen Schwie»

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