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Der Israelit · 1899-05-08 · Heft 36 (8.5.1899) · p. Seite 684

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 36 (8.5.1899)
Date
1899-05-08
Page
Seite 684 (sequence 2)
Language
German
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684 erringen, der darf seine Aufmerksamkeit nicht anderen Dingen zuwenden und sich nicht mit der Thora auch Reichthum und Ehre erringen wollen. Das ist der Weg, der zur Thora führt: Iß Brod mit Salz, trinke Wasser nach Maaß, schlafe auf der bloßen Erde, führe eine eingeschränkte Lebensweise und sei emsig für die Thora bemüht; es liegt Dir nicht ob, alles zu erreichen, aber es steht Dir nicht frei, Dich ihr ganz zu entschlagen, je nach der Menge der Thora, die Du gelernt, ist die Größe des Lohns und dieser Lohn bemißt sich nach der angewandten Mühe. § 12. Die Worte der Thora bleiben nicht dauernd bei demjenigen, der sie sich in lässiger Weise aneignet, auch nicht bei denjenigen, die sie in mitten ihrer Zerstreuung, oder beim Essen und Trinken lernen, sondern nur bei dem, der für sie selbst in den Tod geht und dem Körper fortwährend Entbehrungen auferlegt, seinen Augen keinen Schlaf, seinen Wimpern keinen Schlummer gönnt. An das Wort: „Das ist die Thora, wenn jemand stirbt im Zelte" haben die Weisen die Anmerkung geknüpft, daß die Thora nur demjenigen verbleibt, wer in dem Zelte der Weisen selbst in den Tod für sie geht. -Es ist, wie die Weisen sagen, durch ein GotteSbündniß zugesichert, daß die Thora, die jemand an der Stätte des gemeinsamen Gebets sich anzueignen bemüht, nicht so bald vergessen wird, wer sich im Geheimen für sein Studium abmüht, wird weise; wer beim Lernen laut die Stimme erhebt, dem verbleibt das Gelernte, wer dagegen leise lernt, vergißt sein Lernen rasch. § 13. Obwohl es Pflicht ist bei Tag und bei Nacht zu lernen, so eignet sich doch Jedermann den größten Theil seines Wissens bei Nacht an. Wer daher die Krone der Thora erringen möchte, achte auf seine Nächte und verliere auch nicht eine von ihnen, durch Schlaf, Essen, Trinken, Unterhaltung u. d. gl., sondern verwende sie zum Studium der Thora und der Wissenschaft. Die Weisen haben die Nacht als die eigentliche Zeit für das Studium der Thora bezeichnet, sie sagen: Wer sich mit der Thora des Nachts befaßt, um den schlingt Gott das Band seiner Liebe bei Tag. Ferner sagen sie: Wer sich mit der Thora beschäftigen könnte und es nicht thut oder es hätte Jemand die geschriebene und mündliche Thora gelernt, sich aber dann von ihr lossagt, um sich den Nichtigkeiten der Welt hinzugeben, oder vernachlässigt sein Studium, der hat das Wort Gottes verachtet. Die Weisen lehren ferner: „Wer die Thora wegen seines Reichthums vernachlässigt, wird sie auch in Armuth vernachlässigen und wer sie selbst in Armuth aufrecht erhält, wird sie auch im Reichthum aufrecht halten." Man wird sich vergeblich in allen Zeiten und Zonen nach einer Wissenschaft umschauen, die an ihre Jünger solche Ansprüche stellt wie die Wissenschaft der Thora sie nicht etwa von einem abgegrenzten Stand, sondern von einem ganzen Volke verlangt. Noch erfolgloser wird man nach einem Kreise Umschau halten, der diesen Anforderungen so voll und ganz Rechnung trug, als Israel mit seiner vollendeten Hingebung an die Verwirklichung des göttlichen Wunsches mim vrrp. So groß auch das Wunder ist, mit dem die Thora diese Lebensseele Israels den oft so schwer bedrohten und verkümmerten Volkskörper erhalten hat, das Wunder der beispiellosen Hingebung, mit dem Israel sich seine Thora behauptete, ist kaum geringer. Unserer Zeit klingt eine solche Hingebung unmöglich und märchenhaft. Ihr eigenthümlicher Zug möglichst mühelos zu besitzen und zu genießen, ihr Bestreben mit geringen Einsatz hohe Treffer zu gewinnen, beschränkt sich nicht nur auf den Besitz irdischer, sondern auch auf die Aneignung geistiger Güter. Spielend und tändelnd zu lernen, gilt ihr als Ideal. Der rückhaltlose Ernst dagegen, der Gut und Blut einsetzt, um sich die Wahrheit zugänglich zu machen und sie sich zu erhallen, dünkt ihr eine unerhörte Zumuthung. Das beginnt schon bei der Erziehung und Heranbildung der Jugend für die Thora und behauptet sich durch alle Altersstufen. Während der alte jüdische Kanon lautet, daß vom lebenden Kinde bis zum sterbenden Greise, daß Hoch und Nieder, Arm und Reich, daß alle ohne Ausnahme um die Kenntniß der Thora sich bemühen müssen, hat bei uns jeder Stand und jedes Alter seine besonderen Ausflüchte, um sich von dem Studium der Thora zu dispensiren. Während die jüdische Erziehungsregel fordert: min hb^o mx *i:*6 jmn pinn 2py mnp ntsrne ntm ':b mst min? x'n 'xd mini. „Wenn das Kind zu lallen beginnt, lehre es der Vater die Thora und zwar das Wort: Die Thora, zu der uns Moscheh verpflichtet, ist das zu vererbende Gut der Gemeinde Jakobs", vertändelt unsere pädagogische Kinderweisheit die ersten Lebensjahre durch Erzählung von Märchen und Spuk aller Art und glaubt ihm die ewige Wahrheit der Thora nicht lange genug vorenthalten zu können. Kommt das Kind in die Schule und diese macht dann ihre Rechte auf die junge Kinderseele geltend, dann muß sich die Wissenschaft der Thora mit dem Abhub der Zeit begnügen und sie darf noch von Glück reden, wenn ihr dieser wenigstens verbleibt. Denn gewöhnlich ist auch dieses nicht der Fall. Mit dem Beginn der Schulzeit beginnt auch die Klage wegen Ueberbürdung der Kinder. Wie begründet oder unbegründet diese Klage sein mag, soll hier nicht erwiedert werden. Hier gilt es nur die Thatsache zu betonen, daß wenn es sich dann um Entbürdung der Kinder handelt,

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