Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 35 (4.5.1899)
- Date
- 1899-05-04
- Page
- Seite 668 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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668 Ströter, was von seiner Liebe, die er für die Juden hegt, zu halten ist. Er handelt da nach der Methode antisemitischer Größen, die sogar das hehre Gebet, welches Abraham für die Sünder von Sodom zu Gott richtet, ein „Feilschen" nannten. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß die Erzväter allerdings keine göttlichen Wesen waren, daß sie ihre Schwächen, wie alle Menschen, hatten, aber da ist natürlich Gottes Barmherzigkeit, die eintritt, selbst dann eintritt, wenn der Mensch Strafe erleidet; denn diese Strafe selbst ist Barmherzigkeit; denn durch Strafe wird der Mensch für das Jenseits geläutert. Sehen Sie, verehrter Herr M., gerade daraus, daß eben das „Alte Testament", wie Sie unser GotteSwert zu nennen pflegen — wir Juden kennen ja kein „Neues", daher auch das Wort „Altes" in dieser Hinsicht für uns nichts bedeutet — daß dieses uns ebenso altehrwürdig, wie unwandelbar, aber auch stets neu bleibende Wort Gottes die Menschen in ihrer wahren Menschlichkeit smit ihren Fehlern und Gebrechens zeichnet, ersehen wir die Warheit der biblischen Schilderung; denn sobald die Seele in den irdischen Körper hineingehaucht ist, entsteht der Mensch, und Menschen sind keine Götter, sie sind allesammt, ohne Ausnahme, nicht fehlerlos und sündenrein. Somit dürfte Ihnen, wenn Sie der Wahrheit die Ehre geben, klar sein, daß schon das erste Kapitel der Ströter'schen Brochüre null und nichtig ist, und so mache ich mich anheischig, Ihnen die Nichtigkeit des ganzen Werkchens, Punkt für Punkt, an der Hand der heiligen Schrift darzulegen und das Ganze glänzend zu widerlegen und in sein Nichts zu zersetzen. Es gebricht mir an Zeit, um das schriftlich zu thun, dennoch will ich jetzt noch ein wenig in dem Büchelchen blättern und Einzelnes, Drastisches herausgreifen. Was faselt Herr Ströter (Seite 9): „Gottes Auserwählte müfstn alle sterben, ehe Gott sie recht brauchen kann." Wo ist denn Israel am Meere gestorben? (Ströter schreibt nämlich: Die Tiefe des Meeres thut sich vor ihnen auf. Gottes Auserwählte u. s. w.) Gerade im Gegentheil, die Egypter starben. Und heißt es nicht gerade Ströter's Weisheit entgegen im Psalm 115, V. 17: „Die Todten preisen Gott nicht und nicht alle Diejenigen, so hinabfahren in die Gruft?" Also was sollen jene Worte heißen? Ich meine, Gott will das Leben, er „gebraucht" (wenn wir dies überhaupt von der Gottheit sagen dürfen, die keines Wesens bedarf) den Menschen bei dessen Leben, da er seinen (Gottes) Ruhm, den ja ohnedies die Himmel verkünden, bekannt macht. Gott will ja nicht den Tod des Sünders, er hat ja Gefallen am Leben, was ist also der Sinn jenes Ströter'schen Ausspruches? Ich glaube, Ströter weiß eS selbst nicht, was er da gefaselt hat. „Wähle das Leben", sagt Gott 5. B. Mos., Cap. 30, V. 19, und Herr Ströter verballhornisirt Gott, der nach seiner (Ströter's) Ansicht mit den Todten allein laborirt und experimentirt, denn er kann seine Auserwählten erst dann „recht brauchen, wenn sie sterben." Ist das nicht Gottes geoffenbartes Wort verdreht, entstellt? Ueberhaupt sind die Behauptungen des Herrn Ströter so unsinnig, daß man darob staunen muß. So sagt er unter Anderem, nachdem er mal wieder von der an Abraham bewährten „freien Gnade" phantasirt hat, > Ströter will nämlich darthun, daß das Gesetz uns hindere (!) Gottes „freies, volles Heil allein aus Gnade zu erpreisen.) „Mit ihrer Erlösung hatte das Gesetz nicht das Mindeste zu thun" (Seite 7). Dabei erklärt uns Gott an unzähligen Stellen, er habe Israel nur erlöst, daß es ihm ein Volk, ein auserwähltes Volk sei, mithin seinen Geboten gehorche und nach ihnen handele. Ja die Bibel sagt schon gleich, als Gott dem Moscheh im brennenden Dornbusch sich zu erkennen giebt: (Kap. 3, V. 12, 2. B. Mos.) „Gott sprach: Ich werde mit dir sein! Und dieses diene dir zur Versicherung, daß ich dich gesandt habe: Wenn du dieses Volk aus Egypten geführt haben wirst, sollt ihr auf diesem Berge Gott dienen". Würde Ströter diesen Vers exegesirt haben, d. h., wenn er das nöthige Wissen zu solcher Forschung hätte, dann würde er seine Behauptung unterlassen haben. Dieser Vers sagt uns seinem eigentlichen Sinn nach und der Tradition gemäß klar und deutlich Folgendes: Moses wird denken: Was kann Israel beistehen, was kann es auch seiner ewigen Glückseligkeit nützen, wenn es aus Egypten erlöst wird? Da sagt nun der Ewige: Dies diene dir zur Versicherung (oder zum Zeichen) d. h., dies sei für dich ein genügender Grund, warum ich Israel erlöse, der Zweck ist, daß sie mir dienen. (Raschi sagt zur Stelle: Du fragst, welches Verdienst Israel besitzt, daß sie aus Egypten herausgehen, ich habe etwas Wichtiges vor mit diesem Auszuge, denn in Zukunft werden sie die Thora empfangen auf diesem Berge, nachdem 3 Monate seit ihrem Auszuge aus Egypten verflossen sein werden.) Nicht die Erlösung aus irdischen Fesseln und Banden, die Moscheh als erleuchteter Mensch nicht so hoch anschlagen konnte, sondern die geistige Erlösung ist der wahre Zweck. Auf dem Berge Sinai tverden sie Gott dienen, und zwar durch Aunahme des Gesetzes. Dieses überzeugt Moses von dem wahren Grunde der Erlösung. „Das Gesetz war der Endzweck", gerade Herrn Ströter's Forschungsergebniß entgegen. Sehen Sie, werther Herr M., das sagt uns der Urtext! (Fortsetzung folgt.)