Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 35 (4.5.1899)
- Date
- 1899-05-04
- Page
- Seite 665 (sequence 7)
- Language
- German
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665 wußte er die Ueberzeugung zu wecken, daß die Juden die beati possiäentes, alle anderen aber, namentlich die Bauern die miseru xüeds seien, die sich für die Juden schinden und plagen müssen. So erlebte denn Paul Biesfeld den Triumph, den antisemitischen Kandidaten als Sieger aus der Wahlurne hervorgehen zu sehen. Und es war für ihn ein doppelter Triumph. Denn abgesehen von dem rein moralischen Erfolg, — wenn bei einer so durchaus unmoralischen Sache, wie es der Antisemitismus ist, der Ausdruck gebraucht werden darf — abgesehen von diesem moralischen Erfolg, war der Sieg für Biesfeld mit einem rein praktischen, mit einem — Geldersolg verknüpft. Ein hoher Gönner, den sich Biesfeld im Laufe der Jahre in Berlin zu erwerben und zu erhalten gewußt, und der sein großes Vermögen mit schätzenswerther Bereitwilligkeit schon oft in den Dienst der „patriotischen" Sache gestellt, er hatte an Biesfeld am Tage nach der Wahl „als besonderes Zeichen der Anerkennung für seine unermüdliche und erfolgreiche Thätigkeit" einen Tausendmarkschein geschickt, den Biesfeld schmunzelnd „zu den Uebrigen" legte, das ihm sein neuer Beruf bereits eingebracht hatte. Wieder waren einige Jahre vergangen. Das Mandat des Parlaments ging seinem Ende entgegen und man richtete sich zu den Neuwahlen. Biesfeld war in der Zwischenzeit keineswegs müßig gewesen. Er hatte seine Kraft noch in mancher Redeschlacht erprobt, manches neue Moment in der vielbesprochenen Judenfrage auf den Plan geworfen, manches wirksame Flugblatt in die Häuser aller ehrlichen Deutschen flattern lassen. Er fühlte sich jetzt auf der Höhe seiner Kraft und beschloß, diesmal tüchtig Kapital im eigentlichen Sinn des Wortes — aus der großen Bewegung herauszuschlagen. Zu diesem Ende hatte er sich während der vorangegangenen Jahre den bewußten hohen Gönner tüchtig warm zu halten gewußt. Es galt, in der neuen Kampagne zum mindesten einen neuen Sieg zu erringen und er wollte schon dafür sorgen, daß dieser neue Sieg in demjenigen Wahlkreis erfochten würde, der ihm zur agitatorischen Bearbeitung überwiesen war. Es war ein volles Jahr vor der Neuwahl, als Biesfeld an's Werk ging. Er war sich vollständig klar, daß eine wirksame Agitation nur möglich sei, wenn er mitten im Wahlkreis seinen Wohnsitz habe. Man erschien den Wählern weniger als ein Fremder, sondern mehr als ihresgleichen. Das war von unschätzbarem Werthe für den Erfolg. Biesfeld ließ sich daher mit all seinem Hab und Gut — das nicht besonders viel war — in H. nieder, dem Mittelpunkt des Wahlkreises. Der Wahlkreis zerfiel außer dem Stadtbezirk von H. in eine Anzahl ländlicher Bezirke, von denen jeder wieder, nur einen Mittelpunkt in einem kleinen Städtchen besaß. Eines dieser Städtchen war unser Göllheim. Es stand von vornherein fest, daß die Landbezirke den Ausschlag geben würden. In der Stadt war dem nationalliberalen Kandidaten die Majorität sicher; auch der ultramontane konnte es auf eine ansehnliche Stimmenzahl bringen, kam aber wohl ernsthaft kaum in Betracht. Dagegen konnte bei einer wirksamen und unermüdlichen Agitation das Land den Ausschlag zu Gunsten des antisemitischen Kandidaten geben, und das war das große Ziel, welches Biesfeld vor der Seele schwebte, und für welches er seine ganze Kraft einsetzte. Ein großer Wucherprozeß, der in der Nähe stattgefunden und in welchem zwei Juden zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurtheilt wurden, einige unaufgeklärte Knabenmorde, für deren Aufklärung man das bequeme Märchen vom Christenblut am Osterfeste anwenden konnte, all das ergab glücklicherweise allerlei überaus schätzbares Material zur Agitation. An dem Tage, wo Biesfeld mit Seligmann Feist und Robert Wegner in einem Kupee nach H. gefahren war, kehrte er gerade vom einem mehrtägigen Aufenthalt in Göllheim zurück. Theodor Görbig, dessen Pfad sich mit dem Paul Biesfeld's an jenem Tage berührt hatte, wo er mit ihm zusammen in der Redaktion jener Zeitung sich zur Agitation anbot, und den sich Biesfeld als sehr brauchbaren Helfershelfer allmählich herangebildet hatte, Theodor Görbig hatte vorsichtig die Gemüther in Göllheim sondiert, indeß Paul Biesfeld sich an diejenige Stelle gewandt hatte, von der er sich thatkräftige Mithülfe in Göllheim selbst glaubte versprechen zu dürfen, an Pfarrer Tettenborn. Der Pfarrer zeigte sich dann auch willfähriger als Biesfeld erwartet hatte. Er wünschte nur, im Hintergrund zu bleiben, ein offenes Hervortreten, wie es Biesfeld dringend von ihm erheischte, weil er sich davon besonderen Erfolg versprach, lehnte der Pfarrer rundweg ab. Biesfeld mußte sich, wenn auch schweren Herzens, mit den allerdings auch höchst werthvollen Winken begnügen, die ihm Tettenborn für eine wirksame Agitation, namentlich in Göllheim selbst, zu geben vermochte. Unter diesen Winken einer der werthvollsten war jener, der Biesfelds's Augenmerk aus Seligmann Feist und Robert Wegner hinlenkte. Hier, so hatte der Pfarrer auseinandergesetzt, war der Hebel der Agitation anzusetzen. Einerseits sei der jüdische Spezereiwaarenhändler so eine Art Gemeindepabst. Er sei unfehlbar. Zu ihm schauten sämmtliche Gollheimer Juden mit einer ans Unglaubliche grenzenden Verehrung empor. Ja, bis nach der Kreishauptstadt erstreckte sich diese Verehrung, und wenn der dortige Rabbiner, zu besten Bezirk Göllheim gehört, nach dem Stäbchen komme,