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Der Israelit · 1899-05-01 · Heft 34 (1.5.1899) · p. Seite 648

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 34 (1.5.1899)
Date
1899-05-01
Page
Seite 648 (sequence 6)
Language
German
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648 das Zeugniß ausstellt, daß er „stramm antisemitisch" ist, hielt gestern beim „Goldenen Luchsen" in Neulerchenfelo eine Generalversammlung, in der zunächst eine Resolution beschlossen wurde, die für den in diesem Vereine herrschenden Geist bezeichnet ist. Diese Resolution lautet nämlich: „Die christlich-sozialen Arbeiter verlangen: 1. Das allgemeine Wahlrecht auf konfesstoneller Grundlage, nämlich zwei Curien, die eine für Christen, die andere für Juden. Confessionslose sind vom Wahlrecht auszuschließen; 2. die Zahl der Mandate muß nach dem Percentsatze der abgebenen Stimmen aufgetheilt werden; 3. gelauste Juden haben das active, aber nicht auch das passive Wahlrecht in der Curie der Christen." In dieser Versammlung traten aber auch die vielen Spaltungen, Streitigkeiten und persönlichen Gegensätze, die in der christlich-sozialen Arbeiterpartei herrschen, deutlich zu Tage. Herr Nagorzanki, der hierüber referirte, gestand offen, daß eine Einigung nicht mehr erzielt werden könne und daß die christlich-soziale Arbeiterbewegung sich im Rückgänge befinde. (Ruse: Leider!) Die Schuld daran wurde einem „gewiffen Manne" zugeschrieben, besten Namen der Redner zwar nicht nannte, der aber offenbar der christlich-soziale Arbeiterführer Kunschak ist. Nagorzanski beklagte sich darüber, daß ihm von den Anhängern dieses Mannes sogar eine Katzenmusik gebracht worden sei, und fragte: „Ist das christlich-sozial, ist das antisemitisch?" Aus den weiteren Ausführungen des Herrn Nagorzanski ging hervor, daß die Mitglieder des Christlich - sozialen Arbeiter-Reformvereins gar nicht christlich-sozial, sondern antisemitisch sein wollen. Er sagte nämlich: „Wir find und bleiben Antisemiten! Das war unsere Parole damals, wie man das Wort „christlich-sozial" noch gar nicht kannte, und sie wird es auch in Hinkunft bleiben." Auch ein zweiter Redner, Herr Hölzl, erklärte, die christlich-soziale Arbeiterschaft werde immer und allezeit an dem antisemitischen Gedanken festhalten. Das sei ihr Leitstern, daran dürfe nicht gerüttelt werden. Wenn dieser Standpunkt einmal aufgegeben wird und wir uns nur mehr „christlich-sozial" nennen, dann ist es blos ein kleiner Schritt und es fällt auch das Wörtchen „sozial" weg. So weit dürfe es aber im Jntereffe der antisemitischen Partei nicht kommen. (Lebhafter Beifall.) Cooperator Schauerhofer meinte zwar, die christlichen Arbeiter dürften sich nicht auf rein antisemitische Grundlage stellen, denn damit würden sie ihre Zukunft vernichten. „Wir haben nicht blos gegen Juden zu kämpfen, wenn es auch wahr ist, daß der Jude keine christlichen Grundsätze kennt, sondern wir müffen auch gegen jene christlichen Leute auftreten, die ihre Arbeiter ausbeuten." Herr Bayer erwiderte aber auf die Ausführungen des Cooperators Schauerhofer, es sei Pflicht der Arbeiter, das Judenthum zuerst zu bekämpsen; mit den christlichen Ausbeutern werde man dann schon fertig werden. Nachod, 22. April. Eine Deputation der Oesterreichischen Israelitischen Union erschien gestern in Wien beim Ministerpräsidenten Grafen Thun und überreichte ihm ein ausführliches Memorandum über die Ursachen und den Verlauf der Nachoder Plünderungen, in welchem insbesondere die Haftpflicht der Stadtgemeinde Nachod eingehend begründet wird. Der Ministerpräsident nahm auch die mündlichen Darlegungen der Deputation über Erhebungen, welche der Delegirte des Vereins an Ort und Stelle vorgenommen hatte, entgegen. Zue Frage der Haftpflicht bemerkte Thun, daß dieselbe in gründliche Erwägung zu ziehen sei und daß er sich im gegenwärtigen Stadium über dieselbe nicht äußern könne, zumal die vom Vereine ausgehende Darstellung von den offiziellen Berichten in wesentlichen Punkten abweiche. Die Deputation nahm auch Anlaß, aus die Hetzereien der antisemitischen Presse anläßlich des Mordes in Polen und insbesondere aus die unbeanstandet gebliebene Besudlung der Amtrehre des dortigen Bezirksrichiers hinzuweisen. Der Ministerpräsident gab seinem Bedauern über die Zügellosigkeit gewiffer Blätter Ausdruck und ertheilte bezüglich der Polnaer Affaire beruhigende Zusicherungen. Rußland. Orel. (Spezielle Steuern.) Das Bestreben, die Juden mit besonderen Steuern zu belasten, nimmt seinen Fortgang, das äußert sich gegenwärtig wieder in administrativen Bestimmungen, die kürzlich noch der Gegenstand einer Auseinandersetzung vor dem Senat waren. Durch einen Erlaß vom 15. September 1898 hatte die Generalversammlung festgesetzt, die Entscheidung der Provinzialverwaltung zu annulliren, die sich durch die einschränkenden Gesetze, welche die Lage der Inden ordneten, für ermächtigt geglaubt hatte, denselben besondere Lasten aufzulegen als Ersatz für ihre Betheiligung an den Wohlthaten des städtischen Lebens. Hier handelte es sich um Gemeindeweideplätze. Der Senat hatte zu Gunsten seiner Meinung unter anderem folgendes erklärt: die Thatsache, daß die Juden kein dauerndes und beständiges Element der Municipalbevölkerung bilden, kann keineswegs die gewaltsame Maßregel rechtfertigen. Wenn die Gemeindeverwaltung gewisse Vortheile allen Einwohnern der Gemeinde zugesteht, so ist es weder dem Geiste noch dem Buchstaben des Gesetzes entsprechend, eine gewisse Klaffe von Einwohnern wegen des Religions- und Rassenunterschieds von der Antheilnahme an diesen Vortheilen auszuschließen.

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