Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 34 (1.5.1899)
- Date
- 1899-05-01
- Page
- Seite 649 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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649 Feuilleton. „Wiebet eure Weinde." •#•$*••••#•• Eine apologetische ErzLhl»»ng -s--K- ■fr- Won Avnolv Wann!>) Nachdruck verboten. Als Biesfeld in Wegners Augen schaute, und in ihnen ein unruhiges, zweifelndes Flackern gewahrte, als er das leichte, aber bedeutsame Zucken sah, mit dem Wegner die Schultern hob, holte er zum letzten erobernden Schlage aus. „Nicht wahr?" begann er bedeutungsvoll jedes Wort betonend, „jetzt schauen Sie mit anderen Augen in die Welt! Wir werden Ihnen diesen Blick in die Welt noch erweitern! Aber kommen Sie zu uns! Halten Sie mit uns zusamnren! Hier biete ich Ihnen meine Hand, schlagen Sie ein, und Sie werden noch im späten Alter diese Stunde segnen, in der Sie erst des Vaterlandes würdig geworden sind, das Sie geboren, das Sie trägt und nährt, das Gott beschütz n möge in seiner treuen Hut!" Wegner war überwältigt. So konnte riur ein wahrhaft biederer, wackerer Mann sprechen. „Wohlan", sagte er, sich aufrichtend, „vorausgesetzt, daß Sie die Wahrheit gesprochen, gebe ich Ihnen recht, und dann will auch ich nicht zurückstehen!" Damit schlug er in die dargebotene Rechte kräftig ein und bot seine Hand von selbst auch seinem Nachbarn an seiner Seite an. „Und nun", war Biesfelds begeisterte Antwort „zu unsrem duftenden, deutschen Wein!" Er schenkte die Gläser voll und wieder klangen sie hell zusammen. Unter allerlei scheinbar harmlosen Gesprächen, die aber immer von Zeit zu Zeit ein aufreizendes Wort, ein charakteristisches Geschichtchen über Juden und Judenthum brachten, schlich endlich der Abend heran. Es begann bereits zu dunkeln, als Wegner sich mühselig wieder die drei Stiegen hinabtastete. Als er auf die Straße trat, war ihm so wohl zu Sinn, der Wein that seine Wirkung. Heiter, ein sideles Liedchen vor sich hinpfeifend, schlenderte Robert Wegner dem Bahnhof zu. Holla! Wollte er nicht um fünf Uhr mit Feist zusammen treffen? Ach was! Mochte der — der Jude vergebens gewartet haben! VI. Das „pur nobile fratrum“, Paul Biesfeld und Theodor Görbig, lagen einander in den Armen. Das Spiel, welches sie gewagt hatten, war gewonnen. Es schien ihnen ein gutes Omen für das Kommende. War es doch nichts anderes gewesen, als das Vorspiel für eine Reihe größerer und schwererer Wagnisse, deren Gelingen zwar nicht so aussichtsvoll war, zu denen aber das eben erlebte ganz entschieden ermuthigte. Es galt nur, Geduld zu haben und das Eine niemals aus dem Auge zu verlieren: Die gefüllte Tasche, die ihnen winkte, wenn das Unternehmen gelang. Es ist Zeit, daß wir uns die beiden Spießgesellen etwas näher betrachten. Theodor Görbig hatte, worüber man sich bei ihm nicht zu verwundern brauchte, nur die halbe Wahrheit gesprochen, als er sich für einen glänzenden Pianisten erklärte. In Wirklichkeit war er ein echter und rechter Stümper auf diesem geplagtesten aller Musikinstrumente und das mag wohl auch der wahre Grund gewesen sein, weshalb ihm ein öffentliches Auftreten bis dato noch nicht vergönnt war. Jahrelang hatte er sich als Klavierlehrer abgequält, seine Stunden, die er im „Berliner Lokal-Anzeiger" zum Preise von Fünfzig Pfennigen anbot, warfen ihm nicht so viel ab, um ein menschenwürdiges Dasein zu führen, worauf es ihm im Grunde wohl auch blutwenig ankam. Denn was seinen Ansprüchen genügte, das war noch lange nicht menschenwürdig. Gleichwohl hatte er sich bis jetzt so geführt, daß er mit dem Strafgesetz noch nicht in Konflikt gerathen war. Das letztere konnte man nun von seinem Genossen, von Paul Biesfeld nicht behaupten. In seiner Brust hatte seit je ein Hang zum Abenteuerlichen gelebt, schon als er noch auf der Schulbank saß; war er doch seinen bekümmerten Eltern, aus einer mittleren Stadt der Provinz Sachsen eines schönen Tages einfach ausgerückt und zu Fuß nach Berlin marschiert, dem großen, an Abenteuern so reichen Berlin, das ihn unwiderstehlich angelockt hatte. Mit Hülfe der Polizei hatten sie ihn zwar ausfindig gemacht und in die Heimath zurückgeholt, aber die Sehnsucht nach der Weltstadt vermochten sie in ihm nicht zu ersticken, und er folgte dieser Sehnsucht aufs neue, sobald er flügge geworden war. Eines Tages nämlich wurde er wegen einer groben Insubordination aus der Prima des Gymnasiums, welches er besuchte, relegiert; des verhaßten Schulzwanges, den er um so tiefer empfand, als er hohe, geistige Fähigkeiten besaß und spielend lernte, sah er sich plötzlich ledkg: Zum zweiten Male wanderte er bei Nacht und Nebel, hinter dem Rücken der Eltern, jetzt aber als achtzehnjähriger Jüngling nach Berlin.